Trauern darf sie nur nachts

Trauern darf sie nur nachts

Die Nachricht von der Hinrichtung ihres Mannes Cäsar erreicht Ilse-Lotte von Hofacker am 10. Januar 1945 im isolierten Krankenzimmer der Baracke Haudegen 1 im KZ Stutthof bei Danzig. Sie selbst hat den Scharlach gerade überwunden, jetzt pflegt sie ihre 15 Jahre alte, hoch fiebernde Tochter und andere Sippenhäftlinge.

Vier Tage lang hat ihr Sohn Eberhard die Nachricht für sich behalten, um den Gesundheitszustand seiner Schwester nicht zusätzlich zu gefährden. Jetzt schreibt er seiner Mutter einen Brief mit der eindringlichen Bitte, sich von der Trauer nichts anmerken zu lassen. Nur der Mitgefangenen Fey von Hassell fallen jeden Morgen Lottes rotverquollenen Augen auf.

Ein halbes Jahr später hat Lotte die Odyssee durch verschiedene Konzentrationslager hinter sich, ist mit ihren beiden Ältesten nach Oberbayern zurückgekehrt und kann auch ihre drei in ein NS-Kinderheim verschleppten Jüngsten nach Hause zurückholen.

Vorne an steht die Bewältigung des Alltags, nicht des Erlebten: Gemüse- und Kartoffelanbau, Holz- und Beerensuche, lange Fahrten mit dem Fahrrad übers Land zu den Bauern, um abgelegte Kleidung gegen Lebensmittel einzutauschen. Ihre Spurensuche nach Zeugen der fünfmonatigen Gestapohaft ihres Mannes, nach Hinweisen zu seinem Leidensweg, nach einem Abschiedsbrief bleiben erfolglos.

1947 zieht die Familie nach Tutzing, wo Lotte von Hofacker bis zu ihrem Tod lebt. Es beginnt ein neuer Zeitabschnitt, den heranwachsenden Kindern gewidmet und später den zahlreichen Enkeln. Ein Neustart ist es nicht, innerlich bleibt sie ganz dem Menschen verbunden, den sie nah auf seinem Weg in den Widerstand begleitet und dessen Handeln sie immer bejaht hat.