Das Vermächtnis des 20. Juli 1944

Gerhard Leibholz

Das Vermächtnis des 20. Juli 1944

Vortrag von Prof. Dr. Gerhard Leibholz am 20. Juli 1969 im Rathaus in Karlsruhe

Einleitung zur Schriftfassung von 1970:



Zum 25-jährigen Jahrestag des 20. Juli 1944 hat eine Anzahl von Männern, die im politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben der Bundesrepublik eine gewichtige Rolle spielen, eine Erklärung veröffentlicht, die auf die Notwendigkeit hinzielt, im deutschen Volk das historische Phänomen der Widerstandsbewegung und ihre fortwirkend geistige und politische Bedeutung über den Wechsel der Generationen hinaus lebendig zu erhalten. Die Erklärung der Aktionsgemeinschaft 20. Juli 1944, in der in aller Öffentlichkeit des Tages gedacht war, an dem die Existenz eines anderen Deutschlands sichtbar unter Beweis gestellt wurde, das allein unser heutiges geistiges und politisches Dasein zu legitimieren vermag, hat sich auch der Präsident des Bundesverfassungsgerichts zu eigen gemacht. Es ist daher erlaubt, am 70. Geburtstag Gebhard Müller, der schon früher – zum Beispiel aus Anlass des 20-jährigen Todestages des württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz – sich zur deutschen Widerstandsbewegung bekannt hat, dadurch zu ehren, dass der Verfasser seine bei der Gedenkfeier im Rathaus in Karlsruhe am 25. Jahrestag des Aufstandes gegen das nationalsozialistische Regime gehaltene Ansprache vom 20. Juli 1969 dieser Festschrift einfügt.

I.

Der Tag, an dem vor 25 Jahren die deutsche Widerstandsbewegung sich gegen die nationalsozialistische Tyrannis erhob, soll den Anlass für den Versuch bieten, herauszustellen, was als bleibendes Vermächtnis dieser Bewegung auf uns gekommen ist.

Diese Aufgabe ist umso dringlicher, als es nicht an Versuchen gefehlt hat und fehlt, die Bedeutung der Widerstandsbewegung herabzusetzen und die Legitimität ihres Mandates in Frage zu stellen. Man hat zum Beispiel den entscheidenden Anteil der Armee an dieser Bewegung getadelt. Man hat versucht, die Akteure des 20. Juli nach ihrer sozialen Provenienz zu untersuchen; man hat die von ihnen für die Zukunft entworfenen politischen Programme – man denke etwa an den von dem Kreisauer Kreis und wohl auch an den von Trott zu Solz ventilierten personalen Sozialismus oder an die Pläne etwa von Goerdeler, Heck, Hassel und anderen – des näheren analysiert, um sodann festzustellen, dass diese Pläne im Wesentlichen konservativ autoritäres Gedankengut enthielten und nicht fortschrittlich genug geprägt seien. Oder man hat auf den heterogenen Charakter der Widerstandsbewegung hingewiesen oder darauf, dass viele sich nur aus opportunistischen Erwägungen der Widerstandsbewegung angeschlossen hätten, um sich sozusagen ein Alibi für die Zukunft zu sichern.

In der Tat hat sich die deutsche Widerstandsbewegung aus den verschiedensten Schichten rekrutiert – aus Konservativen, aus Offizieren, aus Aristokraten, aber auch aus Liberalen, aus Sozialdemokraten (wie zum Beispiel Julius Leber, Carlo Mierendorff, Wilhelm Leuschner), aus Kommunisten, aus Bürgern und Arbeitern der verschiedensten politischen Schattierung, aus Männern und Frauen, aus Geistlichen beider Konfessionen und schließlich und nicht zuletzt aus den vielen Tausenden, die im Reich und in den okkupierten Ländern sich dem nationalsozialistischen Terror entgegenstellten und namenlos und ungenannt dahingegangen sind.

Gewiss ist richtig, dass die Männer, die mit dieser Bewegung sich innerlich verbunden hatten, an verschiedenen Orten geistig beheimatet waren, und dass die konkret innen- und außenpolitischen Zielsetzungen, die man sich von einem Erfolg des Umsturzes, dem „Danach“, versprach, ganz verschiedene waren. Gewiss ist auch richtig, dass die Armee einen hervorragenden Anteil an den Vorgängen des 20. Juli nahm, da ohne ihre Mitwirkung diese schon rein vollzugsmäßig nicht denkbar gewesen wären. Auch mussten die Männer des 20. Juli vielfach in einem gewissen Zwielicht leben, weil sie sich dem Zwielicht einer totalitären Diktatur nicht entziehen konnten. Auch kann nicht bestritten werden, dass vereinzelt Nationalsozialisten der ersten Stunde erst aufgrund ihrer Erfahrungen unter dem nationalsozialistischen Regime sich der Widerstandsbewegung anschlossen und dass es unter ihnen auch Opportunisten gab, die glaubten, das sinkende Schiff verlassen zu sollen, um zu versuchen, sich noch rechtzeitig in vermeintliche Sicherheit zu bringen.

II.

Aber all dies trifft den Kern der deutschen Widerstandsbewegung nicht, und zwar deshalb nicht, weil über alle diese Verschiedenheiten und die in der Tat teilweise romantisch-utopischen Zukunftspläne hinweg die Bewegung durch ein großes einheitliches Ziel miteinander verbunden war. Alle Männer und Frauen des Widerstandes verband nämlich der Glaube, dass das gröblich verführte deutsche Volk von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erlöst werden sollte, – einer Diktatur, in der alle göttlichen und menschlichen Gesetze gröblich missachtet waren, und in der durch eine Relativierung aller Werte es möglich war, Recht zu Unrecht und Unrecht zu Recht umzufälschen, die Wahrheit zur Lüge und die Lüge zur Wahrheit zu stempeln, das Böse für gut und das Gute für böse zu erklären, – einem Regime, in dem die Subjektqualität und der Eigenwert des Menschen aufgehoben waren und der Mensch zu einem nur instrumental zu verstehenden Objekt herabgewürdigt war, das wie ein Tier behandelt und ausgelöscht werden konnte. Die planmäßige Ermordung von Millionen von Menschen, von Juden und Angehörigen anderer angeblich minderwertiger Rassen und Völker, der Kranken und der anderen Opfer im Reich und in den von den Nationalsozialisten eroberten Ländern beweist dies zur Genüge.

Es war das Bewusstsein, dass es Grenzen gibt, die nicht überschritten werden dürfen, wenn der Mensch nicht sein Menschentum verlieren will, das die Elite der Nation dazu führte, – dem formalen Recht und der missbräuchlich im Sinne eines personalen Treueverhältnisses auf den Führer zugeschnittenen Eidesverpflichtung entgegen – um des Menschen, seiner Würde, um der Freiheit, der Ehre, der Wahrheit, des Rechtes willen – zu einer Zeit, in der eine Wahrscheinlichkeit für das Gelingen des geplanten Umsturzes kaum bestand – aufzustehen und eingedenk des Wortes Jeffersons, dass Rebellion gegen Tyrannis Gehorsam gegen Gott ist, ihr Leben für die Beseitigung derselben einzusetzen. In einer solchen Situation, in der das Böse triumphierte und sich in allen möglichen Formen maskierte, waren alle wissenden und verantwortungsbewussten Kräfte der Nation legitimiert, sich aller Formen, vor allem auch der illegalen, zu bedienen, um dieses Regime zu beseitigen und den Geist der Humanita, der Freiheit, der Menschenwürde lebendig zu erhalten. Wohl uns, dass trotz Terror und Diktatur uns eine solche unsichtbar gebliebene menschliche Aristokratie erhalten geblieben war.

Die Männer des deutschen Widerstandes bewiesen mit diesem mutigen Schritt vor der Welt und vor der Geschichte, dass sie wussten, dass es Situationen gibt, in denen Gott durch den Tod von Menschen mehr sagen will als durch ihr Leben (Justus Delbrück). Sie wussten, dass sie zugleich mit ihrem „Tode in das Leben hindurchgedrungen sind“ und ihre Ohnmacht triumphieren wird.

III.

Die Aktion des 20. Juli berechtigt uns auch zu der Hoffnung, dass unsere häufig abgewertete Verfassung, die auf Wahrung der Menschenwürde, der Freiheit, des Gewissens, der Menschenrechte und der Humanität gegründet ist, trotz aller Widrigkeiten, die sich ihrer Entfaltung entgegenstellen, in ihrer Substanz uns erhalten bleiben wird. Mit Recht hat Gustav Heinemann bei seinem Amtsantritt am 1. Juli in seiner Ansprache das Grundgesetz trotz aller ihm anhaftenden organisatorischen Unzulänglichkeiten und – wir können hinzufügen – trotz der von ihm verwendeten alten Klischee-Begriffe, die der Verfassungswirklichkeit nicht gerecht werden, für „ein großes Angebot“ und die beste Verfassung unserer bisherigen Geschichte erklärt.

Was insbesondere unseren Freiheitsbegriff betrifft, so darf anhand dessen, was die Widerstandsbewegung unter demselben verstanden hat, folgendes gesagt werden: Freiheit ist nicht Freiheit an sich und für sich. Freiheit und Willkür, Freiheit und Belieben sind nicht identisch. In Wahrheit stehen Freiheit und Bindung in einem inneren kompensatorischen Verhältnis zueinander. In einer freiheitlichen Demokratie müssen hiernach die Bindungen, die diese Demokratie erst möglich machen, respektiert werden. Bei von der Geschichte begünstigten Nationen mögen Tradition und Erziehung diese Bindungsfunktionen erfüllen. Dort, wo dies nicht der Fall ist, ist es das Recht, wenn nicht gar die Pflicht einer freiheitlichen Demokratie, mit den Waffen des Rechtes denen das Handwerk zu legen, die darauf aus sind, diese Demokratie zu unterminieren und die Freiheit, die das Lebenselixier dieser Demokratie ist, ad absurdum zu führen. Anders ausgedrückt: Frei ist in Wahrheit nur derjenige, der sich der ihm um der Erhaltung der Freiheit willen auferlegten Bindungen bewusst und bereit ist, in Selbstdisziplin sich diesen Bindungen zu unterwerfen. Nimmt er eine Freiheit für sich in Anspruch, so darf durch die Ausübung dieser Freiheit nicht möglicherweise die Freiheit anderer beeinträchtigt oder gar ausgehebelt werden. „Freedom, does not involve licence to do injury to others. For no man who values his own freedom, will desire to outrage the freedom of his fellows.“

Noch heute gehören mit zum Größten und Erschütterndsten die großen literarischen Dokumente der Männer des 20. Juli, in denen dieses Ringen zum Ausdruck kommt: das Dilemma zwischen der Notwendigkeit, um des Menschen willen die als notwendig erkannte Aktion zu wagen, und der Verantwortung, die aus nationaler Loyalität als notwendig anerkannten Bindungen der Freiheit zu respektieren. In den ersten beiden Versen der im Gefängnis von Dietrich Bonhoeffer geschriebenen „Stationen auf dem Wege zur Freiheit” lesen wir:

„Zucht

Ziehst du aus, die Freiheit zu suchen, so lerne vor allem

Zucht der Sinne und deiner Seele, dass die Begierden

und deine Glieder dich nicht bald hierhin, bald dorthin führen.

Keusch sei dein Geist und dein Leib, gänzlich dir selbst unterworfen

und gehorsam, das Ziel zu suchen, das ihm gesetzt ist.

Niemand erfährt das Geheimnis der Freiheit, es sei denn durch Zucht.

Tat

Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen,

nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen,

nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist Freiheit.

Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens,

nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen,

und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen.“

Dieses Selbstverständnis einer richtig verstandenen Freiheit gehört zum Vermächtnis des 20. Juli. Eine so verstandene Freiheit setzt den Menschen als ein vernünftig denkendes Wesen voraus, das in der Lage ist, von der Freiheit einen sachgerechten Gebrauch, der die Bereitschaft zum Kompromiss impliziert, zu machen. Zu einer so verstandenen Freiheit gehört also auch der Glaube an Vernunft und Dialog, Toleranz und Humanität.

IV.

Wenn heute bei uns die der Freiheit immanenten Grenzen missachtet werden, so wissen wir, dass als zwangsläufige Folge mit Nachdruck wieder nach dem Staat und nach mehr Staat gerufen werden wird, und dass der Staat auf seine Aufgabe verwiesen wird, Ordnung, Sicherheit und Ruhe für alle zu gewährleisten. Schon heute verkündet man vielerorts, dass Staatsgesinnung als Grundlage der Gehorsamsfreiheit nicht aus der Freiheit erwächst; Freiheit – so wird gelehrt – isoliert den Menschen und distanziert ihn vom Staat. All denen, die in Reaktion auf das, was heute geschieht, in dieser oder jener Form einer neuen Staatsmetaphysik das Wort reden und den Staat zu verabsolutieren und ihn als eine Art Kollektiv-Ich und ein alle umfassendes Über-Ich zu begreifen suchen, sei gesagt, dass sie sich bei dieser Reaktion jedenfalls nicht auf die Männer des 20. Juli berufen können. Denn der 20. Juli bedeutet in Wirklichkeit gerade das Ende jener Staatsmetaphysik, die den Staat an und für sich als gut betrachtet. Wenn einer der Männer des 20. Juli, ein hoch dekorierter Offizier, an diesem Tage ein historisches Prinzip zu Ende gehen sah, so meinte er damit, dass es den Staat als solchen, dem man um jeden Preis Gehorsam und Loyalität schuldet, nicht gibt, und dass der durch Hegel maßgeblich bestimmte deutsche Sonderweg mit der diesem eigenen Mystifizierung des Staates bei uns ein Irrweg war und es daher nicht mehr möglich ist, deutschen Geist und deutsche Kultur, wie früher auf deutschen Schulen gelehrt wurde, gegen die westeuropäische Zivilisation auszuspielen. Nur ein Staat, der in seiner Substanz auf bestimmte verpflichtende Prinzipien inhaltlich festgelegt ist und Freiheit, Menschenwürde, Anstand zu respektieren bereit ist, kann, wie W. Hennis schon mit großem Recht betont hat, Gehorsam, Treue, Loyalität von seinen Bürgern fordern. Auch das gehört zum Vermächtnis des 20. Juli.

V.

Aber noch etwas anderes kommt in Gestalt eines Vermächtnisses auf uns, das vielleicht das Größte ist, das wir als Erben jener Generation, wenn wir uns ihrer würdig erweisen sollen, zu bewahren haben. Widerstandsbewegungen gegen die Tyrannis des Nationalsozialismus hat es im Zweiten Weltkrieg überall gegeben – bei uns und in allen vom Nationalsozialismus überrannten Ländern, in Frankreich, Italien, Holland, Norwegen und so fort. Allen diesen Widerstandsbewegungen im Westen und im Osten war der Kampf gegen die Tyrannis gemein.

Zugleich aber besteht ein grundsätzlicher Unterschied zwischen der deutschen Widerstandsbewegung und dem Widerstand in anderen Ländern. Denn die letzteren waren zugleich auch nationale Freiheitsbewegungen, mit deren Hilfe zugleich auch das Joch einer Okkupation beseitigt werden sollte. Grundsätzlich anders verhielt es sich mit der deutschen Widerstandsbewegung. Auch sie wollte, wie schon eingangs bemerkt wurde, unser verführtes Volk von einer unerträglichen diktatorischen Tyrannis erlösen. Aber sie war zugleich insofern in eine tragische Situation verstrickt, als sie diesem Volk nicht wie die anderen Widerstandsbewegungen die nationale Freiheit versprechen konnte. Es war eine tragische Situation, die heute unsere Nationalisten veranlasst, die Platte von der Dolchstoßlegende in veränderter Form aufzulegen und von einer revolutionären Offiziers-Clique zu sprechen, die der Front in den Rücken gefallen sei.

Die Wahrheit sei demgegenüber festgehalten: Auch unter nationalpatriotischen Motiven war die Tat legitim. Es war kein Geringerer als Eugen Gerstenmaier, der 1964 im Hof des ehemaligen Oberkommandos des Heeres in Berlin gerade die patriotischen Motive der deutschen Widerstandsbewegung, insbesondere des Grafen Stauffenberg, eindrücklich hervorgehoben hat. Der Krieg war im Sommer 1944 hoffnungslos verloren. Mit der Beseitigung dieses Regimes hoffte der deutsche Widerstand die totale Kapitulation des Deutschen Reiches und seine Vernichtung jedenfalls um einige Grade verringern zu können. Man vergesse nicht, dass ein Erfolg des 20. Juli das Ende des Krieges bedeutet hätte, dass Millionen von Menschen in der Heimat und im Felde das Leben erhalten worden und vielen deutschen Städten das Schicksal erspart geblieben wäre, das einige Monate später zum Beispiel Dresden mit seinen 135.000 Toten befallen hat, das Hunderttausende von Menschen vor der Vergasung bewahrt worden wären und so fort. Auch sollten unsere Nationalisten nicht vergessen, dass Hitler der größte Verräter war, weil er bereit war, Land und Volk dem totalen Ruin preiszugeben, wenn dieses Volk nicht in der Lage sein sollte, seinem „Führer” den Sieg zu garantieren.

Sodann aber war die Tat auch deshalb eine wahrhaft patriotische, weil durch sie die Ehre der deutschen Nation wiederhergestellt, ihr Name vor der Welt rehabilitiert wurde. Wie der Generalmajor Henning von Tresckow gegenüber Zaudernden 1944 sagte: „Das Attentat auf Hitler muss erfolgen um jeden Preis: denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und der Geschichte unter Einsatz ihres Lebens diesen Schritt gewagt hat. Alles andere ist demgegenüber gleichgültig.” Ein sichtbares Zeichen sollte gesetzt werden, das es eben noch ein anderes Deutschland gab, als das, dem Hitler seinen Namen lieh. Gesehen unter diesem Aspekt haben die Männer des 20. Juli dadurch, dass sie scheiterten und unterlagen, vielleicht besser die Leuchtkraft ihrer Tat erhalten können, als wenn ihrem Versuch, das Regime zu eliminieren, Erfolg beschieden gewesen wäre.

VI.

Für die endgültige Bewertung und Beurteilung der deutschen Widerstandsbewegung sind aber letzthin diese Erwägungen nicht entscheidend. Von wirklich säkularer Bedeutung sind die Ereignisse des 20. Juli deshalb, weil hier – vor die letzte Alternative gestellt – Männer bereit waren, in einer militanten Form unter Einsatz ihres Lebens gegen das Böse, das das Leben zu zerstören geeignet war, aufzustehen, um an dessen Stelle eine gleichgültig wie im Einzelnen strukturierte politische Ordnung zu setzen, die auf dem Respekt der Freiheit, der Menschenwürde und der Humanität gegründet sein sollte – eine Ordnung, in der Lauterkeit, Anstand, Wahrhaftigkeit und das Sittengesetz jedenfalls potentiell im Leben noch sollten praktiziert werden können. Diese Männer standen auf, – letzthin weil ihr Gewissen sie so zu handeln zwang. Man hat von einem Aufstand des Gewissens, „einem moralischen Aufstand gegen die Barbarei” (M. Baumont), gesprochen. Wie Graf Stauffenberg sagte: „Wir haben uns vor Gott und unserem Gewissen geprüft; es muss geschehen.” Es war diese Unruhe des Gewissens, die die mit dem Sterben konfrontierten Männer so heroisch ihren Opferweg gehen ließ.

Von einer umfassenderen Perspektive aus gesehen, kann man das auch so ausdrücken: In dem unserem Jahrhundert sein Gepräge gebenden Konflikt zwischen dem nationalstaatlichen Prinzip auf der einen Seite und dem – wenn ich mich so ausdrücken darf – ideologischen Prinzip auf der anderen Seite hat der deutsche Widerstand zum ersten Mal in der Geschichte dem Menschen und dem Recht den Primat vor dem nationalstaatlichen Prinzip gegeben und damit diesem die in langen Jahrhunderten erworbene Dignitas und Autarkie abgesprochen. Dies scheint mir ein Ereignis von mehr als gesamteuropäischer Bedeutung zu sein, das der Nationalsozialismus gegen seinen Willen produziert hat, und das in den westlichen Staaten leider auch heute immer noch nicht genügend honoriert wird. Die Anerkennung des Primates des Menschen – der Humanitas – vor dem nationalstaatlichen Prinzip scheint mir das größte Positivum zu sein, das auf deutscher Seite gerade bei dem Aufbau Europas, dessen Zeuge unsere Generation ist, immer wieder von uns in die Waagschale geworfen werden kann – ein Ereignis, das in Wirklichkeit, wenn ich recht sehe, ein neues Zeitalter eingeläutet hat.

Gesehen unter diesem Aspekt müssen wir allmählich begreifen, dass das, was am 20. Juli 1944 seinen Kulminationspunkt fand, mit den uns geläufigen, aus dem Zeitalter des Nationalstaates und des bürgerlichen Rechtsstaates stammenden Kategorien nicht gemessen werden kann. Abwegig ist daher zum Beispiel der Versuch, die deutsche Widerstandsbewegung daran messen zu wollen, inwieweit an ihr Konservative oder Liberale im traditionellen Sinne oder Sozialisten kämpfend beteiligt gewesen waren. Denn in Wirklichkeit waren diese Unterscheidungen durch den Gang der Ereignisse längst eingeebnet und Kaste, Klasse, Partei, Konfession zu einer durch das Gewissen und die Befehle Gottes unterworfenen Gemeinschaft zusammengeschweißt worden, die eines zusätzlichen Mandates nicht bedurfte. Abwegig ist daher auch der Versuch, die Ereignisse des 20. Juli mit den traditionellen Kategorien des politischen Strafrechts messen und auf sie etwa die Paragraphen des Hoch- und Landesverrats anwenden zu wollen. In einer solch extremen Konfliktsituation, wie sie zur Zeit des Nationalsozialismus bestand, war es durchaus legitim – auch für den Soldaten –, der Niederlage des eigenen Volkes den Vorzug zu geben gegenüber einem kriminell entarteten, despotischen Regime, das das Gewissen mit Hilfe der Folter zum Schweigen bringt und hierdurch dem Leben seinen Sinn und dem Recht seine Majestät nimmt.

Im Übrigen vergesse man in diesem Zusammenhang nicht, dass das nationalstaatliche Prinzip schon zuvor durch die totalen Staaten in Frage gestellt worden war: einmal durch den Nationalsozialismus und seine „rassisch” unterbaute Ideologie sowie durch die marxistisch-leninistische Doktrin, etwa in der heute in Moskau von Breschnew entwickelten Form, die den Vorrang der nationalstaatlichen Belange verlangt. Insoweit handelt es sich bei den das nationalstaatliche Prinzip transzendierenden Ereignissen des 20. Juli – wenn man dies so ausdrücken darf – um einen „Nachholbedarf”, der, wie es bei den wenigen Ereignissen von welthistorischer Bedeutung nicht selten der Fall ist, mit einem Meer von Blut erkauft und in einem beispiellosen Martyrium erlitten worden ist. Bei einer solchen Betrachtung verstehen wir auch, warum die geistigen Führer des deutschen Widerstandes das Exemplarische ihres Handelns nicht mehr an den realpolitischen Kategorien des Erfolges messen konnten und wollten.

VII.

Wir haben keinen nationalen Feiertag. Andere Völker sind in einer glücklicheren Lage. Am 4. Juli feiert man in den Vereinigten Staaten die Unabhängigkeitserklärung, am 14. Juli wird noch heute in Frankreich der Sturm auf die Bastille gefeiert, mit dem ein neues nationales Frankreich auf demokratischer Grundlage politisch Gestalt annehmen sollte, am 9. August feiert die Schweizerische Eidgenossenschaft ihren nationalen Zusammenschluss. Diese Feiertage haben – integrationsmäßig gesehen – einen spezifisch nationalen Charakter. Das gilt auch vom 17. Juni 1953, an dem man sich um der Freiheit und der nationalen Selbstbestimmung willen von unerträglichen Bindungen zu befreien versuchte.

Gemessen an diesen nationalen Feiertagen scheint mir unter dem Aspekt des 20. Jahrhunderts der 20. Juli 1944 zukunftsträchtiger zu sein, weil sein Vermächtnis in größerer Klarheit zeigt, dass, unbeschadet aller im Sinne des Nationalstaates rückläufigen Bestrebungen, wir doch letzten Endes vor einer Zeitenwende stehen, in der das traditionell-nationalstaatliche Prinzip des 19. Jahrhunderts zugunsten eines Prinzipes abgelöst wird, das den Primat des Ideologischen im Sinne der Humanitas sichert. Wenn uns, den Erben dieser Bewegung, das Leben in Zukunft lebenswert bleiben soll, müssen wir kontinuierlich uns an jenen Werten und Prinzipien orientieren, für die die Männer der deutschen Widerstandsbewegung gefoltert und auf satanische Weise hingerichtet worden sind. Dies hat auch für die europäische Erneuerung seine Bedeutung. Denn nur von den den Nationalstaat transzendierenden Werten her kann letzthin – dies sei gegenüber dem Gaullismus gesagt – der Begriff Europa seinen konkret verbindlichen Inhalt erhalten. Nur auf dem Boden der hier erwähnten Prinzipien kann sich jene Freundschaft und innere Verbundenheit der Völker entwickeln, die den Frieden garantieren, der zwar den Völkern ihre nationale Eigenheiten garantiert, aber die Friedensordnung zugleich einer bestimmten ideellen Ordnung unterstellt, die dem Einzelnen erlaubt, sein Leben ohne Furcht, in Freiheit und Zucht und zugleich in Anstand, Demut und Wahrhaftigkeit zu leben.

Das Leben des deutschen Volkes wird symbolhaft letzten Endes von dem Rang der Bewertung, der Bedeutung abhängig sein, die wir gewillt sind, dem 20. Juli 1944 in unserer Geschichte als gesamtdeutschen Tag einzuräumen. Heute können wir noch nicht endgültig sagen, ob unser Volk wirklich die Reife besitzen wird, sich mit seiner Geschichte auseinander zu setzen und die sich aus der deutschen Widerstandsbewegung ergebenden Verpflichtungen einzulösen. Die Versuchung, zu vergessen und damit Gott zu betrügen, ist sehr groß. Deshalb gelten die von Theodor Heuss anlässlich der 10-jährigen Wiederkehr des 20. Juli in Berlin gesprochenen Worte auch heute noch: „Das Vermächtnis ist noch in Wirksamkeit, die Verpflichtung nicht eingelöst.“ Nur, wenn wir die sich aus dem Vermächtnis ergebenden Verpflichtungen erfüllen, werden wir mit einer gewissen Verlässlichkeit sagen können, dass wir die Flamme im Gedenken an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus am Brennen gehalten haben und dass die Irrwege, die zu der unseligen Zeit unserer nationalen Geschichte geführt haben, sich nicht wiederholen werden.