Das Vermächtnis des deutschen Widerstandes im vereinten Deutschland
Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Günter Straßmeir
Das Vermächtnis des deutschen Widerstandes im vereinten Deutschland
Ansprache des Parlamentarischen Staatssekretärs und Bevollmächtigten der Bundesregierung in Berlin Günter Straßmeir am 19. Juli 1990 anlässlich der Enthüllung einer Gedenktafel zu Ehren von Erich Hoepner und Henning von Tresckow am Berliner Bundeshaus
Wir gedenken heute des Wirkens und des Opfers der deutschen Offiziere Erich Hoepner und Henning von Tresckow in einer für das deutsche Volk wahrhaft einzigartigen historischen Situation.
Seit dem Herbst 1989 spürt jeder, dass der dramatische politische Wandel in Deutschland, in Mittelost- und Südosteuropa beeindruckende Chancen des friedlichen Zusammenlebens der Völker, des demokratischen Aufbaus ihrer Staaten und der freiheitlichen Lebensgestaltung der Menschen eröffnet.
Für meine Generation geht ein Traum in Erfüllung. Eine schwerbewaffnete und scheinbar allmächtige Diktatur ist zusammengebrochen.
Die deutsche Frage ist nicht mehr offen. Die Landsleute in der DDR, die für Freiheit und Menschenrechte Woche um Woche auf die Straße gingen, haben sie entschieden. Am 18. März 1990 hat eine überwältigende Mehrheit dort für "Deutschland, einig Vaterland" votiert.
Noch sind viele Probleme zu lösen, und es gibt viel zu tun bis zur Erreichung des Ziels der nationalen Einheit. Aber die Wegstrecke ist bekannt, und der Weg wird frei sein für ein neues Kapitel der deutschen Geschichte.
Manchem geht dieser Wandel zu rasch. Über das Tempo kann man streiten. Unstreitig ist jedoch, dass mit der Auflösung der Diktatur und dem Zusammenwachsen unseres Volkes nach Jahrzehnten der erzwungenen Trennung das gemeinsame Erbe an Überlieferungen und Werten bewahrt und in den politischen und geistigen Aufbau eines geeinten Deutschlands eingebracht wird.
Dazu gehört auch das Vermächtnis des deutschen Widerstandes während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Die Offiziere Henning von Tresckow und Erich Hoepner zählen zu den Männern des deutschen Widerstandes, deren Andenken zu ehren den Deutschen immerwährende Verpflichtung ist.
Beider militärisches Wirken ist mit dem heutigen Bundeshaus Berlin verbunden, in dem sich seit den zwanziger Jahren das Gruppenkommando, später das Heereskommando 1 befand, als dessen Chef Erich Hoepner 1935 nach hier versetzt wurde. Henning von Tresckows Bindungen an dieses Haus rührten aus seiner Aufgabe als erster Generalstabsoffizier im Generalstab der Heeresgruppe B und sodann der Heeresgruppe Mitte.
Jeder Versuch, die Persönlichkeiten und das Lebenswerk der beiden Offiziere knapp zu würdigen, kann nur Stationen ihrer Biographien und einige markante Aspekte des Persönlichkeitsbildes umreißen. Die ihnen verwandtschaftlich Verbundenen mögen mir diese sicher höchst unvollkommene Skizze nachsehen, die Historiker den "groben Strich" verzeihen.
Generaloberst Erich Hoepner machte schon 1933 keinen Hehl aus seiner Haltung zum Aufkommen und Auftreten der Nationalsozialisten. Früh erkannte er, dass das Regime der Nazis so schnell wie möglich beendet werden müsse, weil es zwangsläufig in die nationale Katastrophe führen werde.
In enger Verbindung mit der militärischen und zivilen Opposition arbeitete er mit Energie und Konsequenz an dem Plan, Hitler zu stürzen. 1942 wurde er seines Postens als Oberbefehlshaber der 4. Panzerarmee enthoben, weil er einen sogenannten Führerbefehl nicht befolgt hatte, um sinnlose Opfer zu vermeiden.
Von seinen Mitarbeitern verabschiedete er sich mit den Worten: "Seit meiner Jugend der Armee verbunden und dadurch dem deutschen Soldaten verpflichtet, fühle ich mich bei meinen Entschlüssen stets einem Höheren verantwortlich. Jederzeit würde ich wieder genauso handeln, wie ich gehandelt habe."
Am 8. August 1944 wurde Generaloberst Erich Hoepner in Berlin hingerichtet. Die Rache des nationalsozialistischen Terrorregimes verfolgte seine Familie bis zum Kriegsende.
Auch Henning von Tresckow hatte sich schon früh der Widerstandsbewegung gegen Hitler angeschlossen. Seine militärische Laufbahn begann bereits im Ersten Weltkrieg. Danach diente er in der Reichswehr und arbeitete in der Wirtschaft, ehe er zu seinem Regiment nach Potsdam - das erst kürzlich eine Straße nach ihm benannte - zurückkehrte. Von dort führte ihn der Dienst über mehrere Stationen bis in den Generalstab und zum Einsatz an der Ostfront.
Als eine der herausragenden Persönlichkeiten des militärischen Widerstandes setzte von Tresckow nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 21. Juli 1944 selbst seinem Leben ein Ende.
Sein Abschiedswort an einen Freund unmittelbar vor seinem Tod bezeugt den Patriotismus, die Festigkeit und das starke Vertrauen, die seine Persönlichkeit prägten: "Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, dass Gott auch Deutschland nicht vernichten wird."
Nach dem 20. Juli 1944 wütete die Diktatur mit gnadenloser verbrecherischer Härte gegen alle, die der Widerstandsbewegung angehört hatten oder ihr als Verwandte, Freunde und Mitverschworene verbunden waren und nahe standen. Am Rande des Abgrundes entfesselte das Regime eine blutige Abrechnung. Alles sollte getilgt werden, was an den unbeugsamen Mut, die sittliche Konsequenz, die menschliche Größe, das bürgerliche wie soldatische Traditionsbewusstsein und die christliche Glaubensstärke der Männer und Frauen gegen die Tyrannei erinnerte.
Gewiss, die Widerstandsbewegung war operativ nicht erfolgreich, aber sie war in ihrer geschichtlichen Dimension keineswegs vergebens.
Denn wie Bundeskanzler Helmut Kohl anlässlich des Gedenkens zum 40. Jahrestag des 20. Juli 1944 im Bendlerblock hervorhob, wurde der Widerstand "geschichtlich wirksam nicht durch die Verwirklichung seiner Ziele, sondern durch das Drama seines Scheiterns, durch die Lauterkeit seines Wollens und durch das Zeugnis, das er ablegte von der Existenz des anderen, besseren Deutschland. In seiner Größe liegt auch seine Tragik beschlossen. Denn die Verschwörung wurde nicht Umkehr, sondern Opfergang, um der Gerechtigkeit willen und um des Vaterlandes willen."
Die Männer und Frauen des Widerstandes haben das Fundament hinterlassen, auf dem nach der Katastrophe der Nation auf dem Gebiet der westlichen Besatzungszonen und dann der Bundesrepublik Deutschland ein demokratisches Land mit freiheitlicher Verfassung aufgebaut werden konnte, ein Rechtsstaat, der in die Gemeinschaft der freien Völker aufgenommen wurde und sich mit seiner Politik der Verständigung und des Dialogs in 40 Jahren internationale Anerkennung erworben hat.
Der deutsche Widerstand hat das Verdienst, den nachfolgenden Generationen die Mahnung und das Vermächtnis auferlegt zu haben, staatliche Ordnung und den unvermeidbaren Gebrauch von Macht an die Normen des Rechts, an die Menschenwürde und an die Gebote des Gewissens zu fesseln.
Mit der persönlichen Lauterkeit und Opferbereitschaft, mit der diese Männer für ein besseres Deutschland eingetreten sind, hat der Widerstand ein unverwechselbares Zeichen humanistischen Denkens und patriotischen Handelns gesetzt.
Henning von Tresckow und Erich Hoepner waren in diesem Sinne auch Wegbereiter der demokratischen Revolution, die sich vor unseren Augen zwischen Elbe und Oder vollzog.
Diesen inneren Zusammenhang in seiner geschichtlichen Dimension zu begreifen scheint mir kein Bild und keine Äußerung treffender als die Antwort einer - uns unbekannten - DDR-Bürgerin auf eine Reporter-Frage, was ihr denn Revolution und Maueröffnung bedeuteten: "Wir haben unsere Würde wiedergewonnen", sagte die Frau mit bewegter Stimme.
Dafür unter Einsatz ihres Lebens gearbeitet und gekämpft zu haben, bleibt ein unauslöschliches Ehrenzeichen in Deutschlands dunkler Vergangenheit.
Wie verneigen uns vor dem Opfer dieser Männer.
Günter Straßmeir
Das Vermächtnis des deutschen Widerstandes im vereinten Deutschland
Ansprache des Parlamentarischen Staatssekretärs und Bevollmächtigten der Bundesregierung in Berlin Günter Straßmeir am 19. Juli 1990 anlässlich der Enthüllung einer Gedenktafel zu Ehren von Erich Hoepner und Henning von Tresckow am Berliner Bundeshaus
Wir gedenken heute des Wirkens und des Opfers der deutschen Offiziere Erich Hoepner und Henning von Tresckow in einer für das deutsche Volk wahrhaft einzigartigen historischen Situation.
Seit dem Herbst 1989 spürt jeder, dass der dramatische politische Wandel in Deutschland, in Mittelost- und Südosteuropa beeindruckende Chancen des friedlichen Zusammenlebens der Völker, des demokratischen Aufbaus ihrer Staaten und der freiheitlichen Lebensgestaltung der Menschen eröffnet.
Für meine Generation geht ein Traum in Erfüllung. Eine schwerbewaffnete und scheinbar allmächtige Diktatur ist zusammengebrochen.
Die deutsche Frage ist nicht mehr offen. Die Landsleute in der DDR, die für Freiheit und Menschenrechte Woche um Woche auf die Straße gingen, haben sie entschieden. Am 18. März 1990 hat eine überwältigende Mehrheit dort für "Deutschland, einig Vaterland" votiert.
Noch sind viele Probleme zu lösen, und es gibt viel zu tun bis zur Erreichung des Ziels der nationalen Einheit. Aber die Wegstrecke ist bekannt, und der Weg wird frei sein für ein neues Kapitel der deutschen Geschichte.
Manchem geht dieser Wandel zu rasch. Über das Tempo kann man streiten. Unstreitig ist jedoch, dass mit der Auflösung der Diktatur und dem Zusammenwachsen unseres Volkes nach Jahrzehnten der erzwungenen Trennung das gemeinsame Erbe an Überlieferungen und Werten bewahrt und in den politischen und geistigen Aufbau eines geeinten Deutschlands eingebracht wird.
Dazu gehört auch das Vermächtnis des deutschen Widerstandes während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.
Die Offiziere Henning von Tresckow und Erich Hoepner zählen zu den Männern des deutschen Widerstandes, deren Andenken zu ehren den Deutschen immerwährende Verpflichtung ist.
Beider militärisches Wirken ist mit dem heutigen Bundeshaus Berlin verbunden, in dem sich seit den zwanziger Jahren das Gruppenkommando, später das Heereskommando 1 befand, als dessen Chef Erich Hoepner 1935 nach hier versetzt wurde. Henning von Tresckows Bindungen an dieses Haus rührten aus seiner Aufgabe als erster Generalstabsoffizier im Generalstab der Heeresgruppe B und sodann der Heeresgruppe Mitte.
Jeder Versuch, die Persönlichkeiten und das Lebenswerk der beiden Offiziere knapp zu würdigen, kann nur Stationen ihrer Biographien und einige markante Aspekte des Persönlichkeitsbildes umreißen. Die ihnen verwandtschaftlich Verbundenen mögen mir diese sicher höchst unvollkommene Skizze nachsehen, die Historiker den "groben Strich" verzeihen.
Generaloberst Erich Hoepner machte schon 1933 keinen Hehl aus seiner Haltung zum Aufkommen und Auftreten der Nationalsozialisten. Früh erkannte er, dass das Regime der Nazis so schnell wie möglich beendet werden müsse, weil es zwangsläufig in die nationale Katastrophe führen werde.
In enger Verbindung mit der militärischen und zivilen Opposition arbeitete er mit Energie und Konsequenz an dem Plan, Hitler zu stürzen. 1942 wurde er seines Postens als Oberbefehlshaber der 4. Panzerarmee enthoben, weil er einen sogenannten Führerbefehl nicht befolgt hatte, um sinnlose Opfer zu vermeiden.
Von seinen Mitarbeitern verabschiedete er sich mit den Worten: "Seit meiner Jugend der Armee verbunden und dadurch dem deutschen Soldaten verpflichtet, fühle ich mich bei meinen Entschlüssen stets einem Höheren verantwortlich. Jederzeit würde ich wieder genauso handeln, wie ich gehandelt habe."
Am 8. August 1944 wurde Generaloberst Erich Hoepner in Berlin hingerichtet. Die Rache des nationalsozialistischen Terrorregimes verfolgte seine Familie bis zum Kriegsende.
Auch Henning von Tresckow hatte sich schon früh der Widerstandsbewegung gegen Hitler angeschlossen. Seine militärische Laufbahn begann bereits im Ersten Weltkrieg. Danach diente er in der Reichswehr und arbeitete in der Wirtschaft, ehe er zu seinem Regiment nach Potsdam - das erst kürzlich eine Straße nach ihm benannte - zurückkehrte. Von dort führte ihn der Dienst über mehrere Stationen bis in den Generalstab und zum Einsatz an der Ostfront.
Als eine der herausragenden Persönlichkeiten des militärischen Widerstandes setzte von Tresckow nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 21. Juli 1944 selbst seinem Leben ein Ende.
Sein Abschiedswort an einen Freund unmittelbar vor seinem Tod bezeugt den Patriotismus, die Festigkeit und das starke Vertrauen, die seine Persönlichkeit prägten: "Wenn einst Gott Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, dass Gott auch Deutschland nicht vernichten wird."
Nach dem 20. Juli 1944 wütete die Diktatur mit gnadenloser verbrecherischer Härte gegen alle, die der Widerstandsbewegung angehört hatten oder ihr als Verwandte, Freunde und Mitverschworene verbunden waren und nahe standen. Am Rande des Abgrundes entfesselte das Regime eine blutige Abrechnung. Alles sollte getilgt werden, was an den unbeugsamen Mut, die sittliche Konsequenz, die menschliche Größe, das bürgerliche wie soldatische Traditionsbewusstsein und die christliche Glaubensstärke der Männer und Frauen gegen die Tyrannei erinnerte.
Gewiss, die Widerstandsbewegung war operativ nicht erfolgreich, aber sie war in ihrer geschichtlichen Dimension keineswegs vergebens.
Denn wie Bundeskanzler Helmut Kohl anlässlich des Gedenkens zum 40. Jahrestag des 20. Juli 1944 im Bendlerblock hervorhob, wurde der Widerstand "geschichtlich wirksam nicht durch die Verwirklichung seiner Ziele, sondern durch das Drama seines Scheiterns, durch die Lauterkeit seines Wollens und durch das Zeugnis, das er ablegte von der Existenz des anderen, besseren Deutschland. In seiner Größe liegt auch seine Tragik beschlossen. Denn die Verschwörung wurde nicht Umkehr, sondern Opfergang, um der Gerechtigkeit willen und um des Vaterlandes willen."
Die Männer und Frauen des Widerstandes haben das Fundament hinterlassen, auf dem nach der Katastrophe der Nation auf dem Gebiet der westlichen Besatzungszonen und dann der Bundesrepublik Deutschland ein demokratisches Land mit freiheitlicher Verfassung aufgebaut werden konnte, ein Rechtsstaat, der in die Gemeinschaft der freien Völker aufgenommen wurde und sich mit seiner Politik der Verständigung und des Dialogs in 40 Jahren internationale Anerkennung erworben hat.
Der deutsche Widerstand hat das Verdienst, den nachfolgenden Generationen die Mahnung und das Vermächtnis auferlegt zu haben, staatliche Ordnung und den unvermeidbaren Gebrauch von Macht an die Normen des Rechts, an die Menschenwürde und an die Gebote des Gewissens zu fesseln.
Mit der persönlichen Lauterkeit und Opferbereitschaft, mit der diese Männer für ein besseres Deutschland eingetreten sind, hat der Widerstand ein unverwechselbares Zeichen humanistischen Denkens und patriotischen Handelns gesetzt.
Henning von Tresckow und Erich Hoepner waren in diesem Sinne auch Wegbereiter der demokratischen Revolution, die sich vor unseren Augen zwischen Elbe und Oder vollzog.
Diesen inneren Zusammenhang in seiner geschichtlichen Dimension zu begreifen scheint mir kein Bild und keine Äußerung treffender als die Antwort einer - uns unbekannten - DDR-Bürgerin auf eine Reporter-Frage, was ihr denn Revolution und Maueröffnung bedeuteten: "Wir haben unsere Würde wiedergewonnen", sagte die Frau mit bewegter Stimme.
Dafür unter Einsatz ihres Lebens gearbeitet und gekämpft zu haben, bleibt ein unauslöschliches Ehrenzeichen in Deutschlands dunkler Vergangenheit.
Wie verneigen uns vor dem Opfer dieser Männer.