Der 20. Juli und der Soldat
Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Friedrich Foertsch
Der 20. Juli und der Soldat
Gedenkrede des Generalinspekteurs der Bundeswehr General Friedrich Foertsch am 20. Juli 1961 in Siegburg
Wir gedenken heute einer Schicksalsstunde in der Geschichte unseres Volkes, die wir tragisch nennen müssen - tragisch auch in dem Sinne, dass die Bedeutung dieser Stunde niemals auf eine einfache Formel zu bringen, niemals mit der Vernunft ganz auszuschöpfen sein wird. Das Verständnis des 20. Juli ist für nicht wenige Menschen unseres Volkes verdunkelt durch die Unkenntnis der Tatsachen. Besonders mancher Soldat hat es nicht leicht, den Sinn der damaligen Geschehnisse zu begreifen und die Mahnung zu hören, die sie an jeden einzelnen von uns richten. Der deutsche Soldat hatte Leistungen vollbracht und Opfer getragen, zu denen sich die Bundeswehr mit Stolz bekennt. Eine Tradition militärischer Tüchtigkeit hatte ihn dazu befähigt. Zu den Pfeilern dieser Tradition gehörten die Unantastbarkeit von Befehl und Gehorsam.
Die Soldaten, die gegen Hitler aufstanden, schienen sich über diesen von ihnen im Fahneneid beschworenen Gehorsam hinwegzusetzen. Sie schienen sich damit in Widerspruch zur deutschen militärischen Tradition schweigender Pflichterfüllung bis in den Tod überhaupt zu setzen. Können also Soldaten die Haltung der Männer des 20. Juli und ihre Tat bejahen? Hier haben wir zu erkennen: Es ist unmöglich, den deutschen Widerstand abzulösen von der Person Hitlers und seinem politischen System. Die Männer, die sich zu ihm in Widerspruch setzten, ihm den Gehorsam aufsagten, die schließlich Hitler zu töten und sein System zu stürzen unternahmen, handelten nicht aus politischem Abenteurertum. Sie waren keine Meuterer. Wer sich mit der Lebensgeschichte dieser Männer beschäftigt hat weiß, dass sie aus tiefster sittlicher Verantwortung handelten. Viele von ihnen kamen aus Geschlechtern, in denen der Dienst für das Ganze Familientradition war. Darunter befinden sich einige der stolzesten Namen der preußischen und deutschen Geschichte: so York, Moltke, Kleist, Schulenburg, Schwerin. Graf Stauffenberg war ein Urenkel Gneisenaus. Andere kamen aus alten Soldatenfamilien, waren in der Zucht der Armee aufgewachsen und zur höchsten militärischen Führungsspitze aufgestiegen, wie etwa Generaloberst Beck oder die Generalfeldmarschälle Rommel und von Witzleben. Viele waren Träger höchster Tapferkeitsauszeichnungen.
Keiner von ihnen stand aus politischem Leichtsinn oder aus persönlichem Ehrgeiz im Lager des Widerstandes. Und keinem war der Schritt in dieses leichtfallen. Die Zeugnisse berichten von leidenschaftlichen Diskussionen im Kreise dieser Männer, Diskussionen, in denen mit Verantwortungsgefühl und letztem Ernst um die Fragen des soldatischen Gehorsams, des Widerstandes gegen die Obrigkeit, des Hochverrats und des Fahneneides gerungen wurde. Zudem wusste jeder von ihnen, dass es um den letzten Einsatz ging. Sie waren sich über die geringen Erfolgsaussichten durchaus im klaren. Mit einer Handvoll Männer gegen ein ganzes System aufzustehen, dazu gehörte eine Tapferkeit, die nicht im Kalkül der Chancen wurzelte. Sie wussten ferner, dass sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Familien der äußersten Gefahr aussetzten. Sie wussten schließlich, dass im Falle des Scheiterns Hitler und sein Anhang auch ihre menschliche und soldatische Ehre in den Schmutz treten würden. General von Tresckow sagte in der Nacht vor seinem Tode: „Jetzt wird die ganze Welt über uns herfallen und uns beschimpfen. Aber ich bin nach wie vor der felsenfesten Überzeugung, dass wir Recht gehandelt haben ... Der sittliche Wert eines Menschen beginnt dort, wo er bereit ist für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.“
Mit welchem Recht also haben Männer des Widerstandes ihren Fahneneid gebrochen und ihren soldatischen Gehorsam aufgekündigt? Darauf haben wir zu antworten: Mit dem Recht derer, die dem Bösen widerstehen. Hitler hatte den Boden des Rechts verlassen; deshalb war der Eid auf ihn nicht mehr bindend. Der Eid ist in der Geschichte des Abendlandes immer eine zweiseitige Verpflichtung gewesen; er bindet den, der ihn entgegennimmt nicht weniger als den, der ihn leistet. Für beide ist der Wille zu rechtmäßigem Handeln selbstverständliche Voraussetzung. Nur deshalb kann der Eid im Namen Gottes geschworen werden. Hitler hatte seine Verpflichtung aus dem Eid tausendfach gebrochen. Er hatte ein Gewaltsystem aufgerichtet, in dem alles Recht geleugnet wurde, das nicht der Macht diente. Noch niemals in der deutschen Militärgeschichte war vom Soldaten der bedingungslose Gehorsam gefordert worden. Hitler forderte ihn. Die Männer des 20. Juli verweigerten ihn. Sie gehorchten ihrem Gewissen mehr als dem Unrechtsstaat.
Damit stehen sie in echter deutscher Soldatentradition. Sie sind es, die Gehorsam, Eid und Treue so verstanden wie sie verstanden werden müssen und wie wir sie auch wieder verstehen wollen: als Verpflichtungen, die nur auf dem Boden letzter sittlicher, ja religiöser Bindung sinnvoll sind. Wir ziehen daraus die Lehre: nur der Staat darf von seinen Bürgern Gehorsam fordern, in dem Recht und Gerechtigkeit herrschen. Politische Tyrannei und im Gewissen gebundener soldatischer Gehorsam schließen einander aus. Aber auch die andere Folgerung haben wir tiefernst zu nehmen: Der Rechtsstaat darf von seinen Bürgern gegenüber den Gesetzen Gehorsam fordern. Von seinen Soldaten muss er auch den Gehorsam fordern, der das Opfer des Lebens einschließt.
Das Dritte Reich brach zusammen, weil verbrecherischer Wahn seine politische und militärische Leistungsfähigkeit missbrauchte. Nichts lag den Männern des Widerstandes ferner, als die militärische Niederlage beschleunigen zu wollen. Sie wussten, dass die Front im Osten mit aller Kraft gehalten werden musste, ganz gleich, welche politische Situation nach dem Sturz Hitlers entstehen würde. Die Verleumdungen und Beschimpfungen, mit denen der Osten die Männer des 20. Juli heute überhäuft, haben ihren Grund darin, dass diesen Männern ein Paktieren mit dem Kommunismus keine Sekunde in den Sinn kam. Sie waren getrieben vom Verantwortungsgefühl für die Front, deren oft sinnlose Opfer sie verhindern wollten. Wir wissen, dass es für den Soldaten an der Front in einer anderen zwingenden Perspektive galt, mit aller Kraft einen erbarmungslosen Feind von der Heimat abzuwehren. Wir müssen verstehen, dass diese Millionen an der Front, ohne Einblick in die großen Zusammenhänge, besten Glaubens einem Abenteurersystem dienend, die Tat des 20. Juli verurteilten. Sie verurteilten sie nicht aus sittlicher Stumpfheit, sondern in der Überzeugung, in Gehorsam, Pflicht und Treue als den sittlichen Grundlagen des Soldaten zu wurzeln.
Heute muss der Soldat die damaligen Beweggründe sowohl der Widerstandskämpfer als auch der an der Front kämpfenden Truppe verstehen und würdigen. Nur dann wird er der Problematik der Soldaten in einer geschichtlich einmaligen Situation gerecht. Wir dürfen den deutschen Widerstand nicht als eine Revolte von Offizieren missverstehen. Offiziere standen darin freilich in vorderster Linie. Aber das hatte vielfach äußere Gründe: Nur sie hatten die Nachrichten- und Verkehrsmittel zur Verfügung, die Waffen, den Einblick in die Gesamtlage. Doch neben den Offizieren standen im Widerstand gegen Hitler Menschen aus allen Schichten des Volkes: Gelehrte und Politiker, Priester und Beamte, Gewerkschaftsführer und Diplomaten, Arbeiter und Studenten. Gerade aus diesen Kreisen kamen einige der leidenschaftlichsten Rebellen gegen das Gewaltsystem, wie zum Beispiel die Sozialisten Julius Leber und Theo Haubach, die Theologen Delp und Bonhoeffer und unzählige andere. Allein im Zusammenhang mit dem 20. Juli wurden 7.000 Menschen verhaftet, davon die meisten erschossen, erhängt oder zu Tode gequält.
Das Attentat auf Hitler ist nicht gelungen. Der Aufstand ist gescheitert. War deshalb alles umsonst? Als die Männer des Widerstandes vor dem Volksgerichtshof standen, durften sie kein Wort über die Motive ihrer Tat aussagen. Auch hierin handelte das System mit der ihm eigenen satanischen Konsequenz. Es waren nämlich eben diese inneren Antriebe der Männer des Widerstandes, die das System in seinem Kern überwanden. Dieser Aufstand des Gewissens hat auch für uns heute und für die Zukunft unvermindert Bedeutung. Vor der Welt und der Geschichte wurde sichtbar, dass es Hitler und seinem System nicht gelungen war, Ehre und Gewissen im deutschen Volke zum Schweigen zu bringen. Auch heute leben Hunderte von Millionen Menschen unter einem System des Unrechts, davon 17 Millionen unserer eigenen Landsleute. Auch bei ihnen hat es bereits einen Aufstand des Gewissens gegeben: am 17. Juni 1953. Auch er ist niedergeschlagen worden. Trotzdem erinnern wir uns alljährlich dieses Tages, mit Trauer zwar, aber auch mit Stolz. Wir müssen lernen, diese beiden Tage, den 17. Juni und den 20. Juli, zusammen zu sehen und sie aus derselben Wurzel zu begreifen. Beide Male standen dabei deutsche Menschen auf gegen ein System der Gewalt und der Rechtlosigkeit, mit sehr geringer Hoffnung auf Erfolg, aber mit dem vollen Einsatz ihrer Person und bereit zum Opfer ihres Lebens.
Unser staatlicher Neubau wäre weniger fest verankert ohne die Tat der Männer des 20. Juli, mit der sie, wie einer der ihren es ausdrückte, „das Bild des Menschen wiederherstellen wollten im Herzen ihrer Mitbürger“. Wir Soldaten der Bundeswehr sind besonders den Soldaten unter den Männern des Widerstandes zu Dank verpflichtet. Sie haben uns gelehrt, über die Fragen der Pflicht, des Eides und des Gehorsams tief nachzudenken. Wir wissen jetzt klarer, wofür und wogegen wir zu stehen haben. Im Frieden wie im Kriege ist der Soldat heute vor geistige und sittliche Entscheidungen gestellt. Deshalb nehmen wir die Männer des 20. Juli bewusst in die Traditionskette der deutschen Soldaten auf. Sie sind uns Vorbild - so wie uns andere Gestalten der deutschen Geschichte in anderer Hinsicht Vorbild sind. Welche Vorbilder sich eine Generation erwählt, kennzeichnet sie und ihre Epoche.
In dieser Stunde wird in der Bundesrepublik fünf Kasernen der Name eines Widerstandskämpfers gegeben:
in Husum „Julius-Leber-Kaserne“
in Oldenburg „Henning-von-Tresckow-Kaserne“
in Augustdorf „General-Feldmarschall-Rommel-Kaserne“
in Sigmaringen „Graf-Stauffenberg-Kaserne“
in Donauwörth „Alfred-Delp-Kaserne“.
Möge diese Namensverleihung dazu beitragen, in unserem Volke die Erinnerung an Männer wach zu halten, die ihr Leben für Recht und Freiheit geopfert haben.
Friedrich Foertsch
Der 20. Juli und der Soldat
Gedenkrede des Generalinspekteurs der Bundeswehr General Friedrich Foertsch am 20. Juli 1961 in Siegburg
Wir gedenken heute einer Schicksalsstunde in der Geschichte unseres Volkes, die wir tragisch nennen müssen - tragisch auch in dem Sinne, dass die Bedeutung dieser Stunde niemals auf eine einfache Formel zu bringen, niemals mit der Vernunft ganz auszuschöpfen sein wird. Das Verständnis des 20. Juli ist für nicht wenige Menschen unseres Volkes verdunkelt durch die Unkenntnis der Tatsachen. Besonders mancher Soldat hat es nicht leicht, den Sinn der damaligen Geschehnisse zu begreifen und die Mahnung zu hören, die sie an jeden einzelnen von uns richten. Der deutsche Soldat hatte Leistungen vollbracht und Opfer getragen, zu denen sich die Bundeswehr mit Stolz bekennt. Eine Tradition militärischer Tüchtigkeit hatte ihn dazu befähigt. Zu den Pfeilern dieser Tradition gehörten die Unantastbarkeit von Befehl und Gehorsam.
Die Soldaten, die gegen Hitler aufstanden, schienen sich über diesen von ihnen im Fahneneid beschworenen Gehorsam hinwegzusetzen. Sie schienen sich damit in Widerspruch zur deutschen militärischen Tradition schweigender Pflichterfüllung bis in den Tod überhaupt zu setzen. Können also Soldaten die Haltung der Männer des 20. Juli und ihre Tat bejahen? Hier haben wir zu erkennen: Es ist unmöglich, den deutschen Widerstand abzulösen von der Person Hitlers und seinem politischen System. Die Männer, die sich zu ihm in Widerspruch setzten, ihm den Gehorsam aufsagten, die schließlich Hitler zu töten und sein System zu stürzen unternahmen, handelten nicht aus politischem Abenteurertum. Sie waren keine Meuterer. Wer sich mit der Lebensgeschichte dieser Männer beschäftigt hat weiß, dass sie aus tiefster sittlicher Verantwortung handelten. Viele von ihnen kamen aus Geschlechtern, in denen der Dienst für das Ganze Familientradition war. Darunter befinden sich einige der stolzesten Namen der preußischen und deutschen Geschichte: so York, Moltke, Kleist, Schulenburg, Schwerin. Graf Stauffenberg war ein Urenkel Gneisenaus. Andere kamen aus alten Soldatenfamilien, waren in der Zucht der Armee aufgewachsen und zur höchsten militärischen Führungsspitze aufgestiegen, wie etwa Generaloberst Beck oder die Generalfeldmarschälle Rommel und von Witzleben. Viele waren Träger höchster Tapferkeitsauszeichnungen.
Keiner von ihnen stand aus politischem Leichtsinn oder aus persönlichem Ehrgeiz im Lager des Widerstandes. Und keinem war der Schritt in dieses leichtfallen. Die Zeugnisse berichten von leidenschaftlichen Diskussionen im Kreise dieser Männer, Diskussionen, in denen mit Verantwortungsgefühl und letztem Ernst um die Fragen des soldatischen Gehorsams, des Widerstandes gegen die Obrigkeit, des Hochverrats und des Fahneneides gerungen wurde. Zudem wusste jeder von ihnen, dass es um den letzten Einsatz ging. Sie waren sich über die geringen Erfolgsaussichten durchaus im klaren. Mit einer Handvoll Männer gegen ein ganzes System aufzustehen, dazu gehörte eine Tapferkeit, die nicht im Kalkül der Chancen wurzelte. Sie wussten ferner, dass sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Familien der äußersten Gefahr aussetzten. Sie wussten schließlich, dass im Falle des Scheiterns Hitler und sein Anhang auch ihre menschliche und soldatische Ehre in den Schmutz treten würden. General von Tresckow sagte in der Nacht vor seinem Tode: „Jetzt wird die ganze Welt über uns herfallen und uns beschimpfen. Aber ich bin nach wie vor der felsenfesten Überzeugung, dass wir Recht gehandelt haben ... Der sittliche Wert eines Menschen beginnt dort, wo er bereit ist für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.“
Mit welchem Recht also haben Männer des Widerstandes ihren Fahneneid gebrochen und ihren soldatischen Gehorsam aufgekündigt? Darauf haben wir zu antworten: Mit dem Recht derer, die dem Bösen widerstehen. Hitler hatte den Boden des Rechts verlassen; deshalb war der Eid auf ihn nicht mehr bindend. Der Eid ist in der Geschichte des Abendlandes immer eine zweiseitige Verpflichtung gewesen; er bindet den, der ihn entgegennimmt nicht weniger als den, der ihn leistet. Für beide ist der Wille zu rechtmäßigem Handeln selbstverständliche Voraussetzung. Nur deshalb kann der Eid im Namen Gottes geschworen werden. Hitler hatte seine Verpflichtung aus dem Eid tausendfach gebrochen. Er hatte ein Gewaltsystem aufgerichtet, in dem alles Recht geleugnet wurde, das nicht der Macht diente. Noch niemals in der deutschen Militärgeschichte war vom Soldaten der bedingungslose Gehorsam gefordert worden. Hitler forderte ihn. Die Männer des 20. Juli verweigerten ihn. Sie gehorchten ihrem Gewissen mehr als dem Unrechtsstaat.
Damit stehen sie in echter deutscher Soldatentradition. Sie sind es, die Gehorsam, Eid und Treue so verstanden wie sie verstanden werden müssen und wie wir sie auch wieder verstehen wollen: als Verpflichtungen, die nur auf dem Boden letzter sittlicher, ja religiöser Bindung sinnvoll sind. Wir ziehen daraus die Lehre: nur der Staat darf von seinen Bürgern Gehorsam fordern, in dem Recht und Gerechtigkeit herrschen. Politische Tyrannei und im Gewissen gebundener soldatischer Gehorsam schließen einander aus. Aber auch die andere Folgerung haben wir tiefernst zu nehmen: Der Rechtsstaat darf von seinen Bürgern gegenüber den Gesetzen Gehorsam fordern. Von seinen Soldaten muss er auch den Gehorsam fordern, der das Opfer des Lebens einschließt.
Das Dritte Reich brach zusammen, weil verbrecherischer Wahn seine politische und militärische Leistungsfähigkeit missbrauchte. Nichts lag den Männern des Widerstandes ferner, als die militärische Niederlage beschleunigen zu wollen. Sie wussten, dass die Front im Osten mit aller Kraft gehalten werden musste, ganz gleich, welche politische Situation nach dem Sturz Hitlers entstehen würde. Die Verleumdungen und Beschimpfungen, mit denen der Osten die Männer des 20. Juli heute überhäuft, haben ihren Grund darin, dass diesen Männern ein Paktieren mit dem Kommunismus keine Sekunde in den Sinn kam. Sie waren getrieben vom Verantwortungsgefühl für die Front, deren oft sinnlose Opfer sie verhindern wollten. Wir wissen, dass es für den Soldaten an der Front in einer anderen zwingenden Perspektive galt, mit aller Kraft einen erbarmungslosen Feind von der Heimat abzuwehren. Wir müssen verstehen, dass diese Millionen an der Front, ohne Einblick in die großen Zusammenhänge, besten Glaubens einem Abenteurersystem dienend, die Tat des 20. Juli verurteilten. Sie verurteilten sie nicht aus sittlicher Stumpfheit, sondern in der Überzeugung, in Gehorsam, Pflicht und Treue als den sittlichen Grundlagen des Soldaten zu wurzeln.
Heute muss der Soldat die damaligen Beweggründe sowohl der Widerstandskämpfer als auch der an der Front kämpfenden Truppe verstehen und würdigen. Nur dann wird er der Problematik der Soldaten in einer geschichtlich einmaligen Situation gerecht. Wir dürfen den deutschen Widerstand nicht als eine Revolte von Offizieren missverstehen. Offiziere standen darin freilich in vorderster Linie. Aber das hatte vielfach äußere Gründe: Nur sie hatten die Nachrichten- und Verkehrsmittel zur Verfügung, die Waffen, den Einblick in die Gesamtlage. Doch neben den Offizieren standen im Widerstand gegen Hitler Menschen aus allen Schichten des Volkes: Gelehrte und Politiker, Priester und Beamte, Gewerkschaftsführer und Diplomaten, Arbeiter und Studenten. Gerade aus diesen Kreisen kamen einige der leidenschaftlichsten Rebellen gegen das Gewaltsystem, wie zum Beispiel die Sozialisten Julius Leber und Theo Haubach, die Theologen Delp und Bonhoeffer und unzählige andere. Allein im Zusammenhang mit dem 20. Juli wurden 7.000 Menschen verhaftet, davon die meisten erschossen, erhängt oder zu Tode gequält.
Das Attentat auf Hitler ist nicht gelungen. Der Aufstand ist gescheitert. War deshalb alles umsonst? Als die Männer des Widerstandes vor dem Volksgerichtshof standen, durften sie kein Wort über die Motive ihrer Tat aussagen. Auch hierin handelte das System mit der ihm eigenen satanischen Konsequenz. Es waren nämlich eben diese inneren Antriebe der Männer des Widerstandes, die das System in seinem Kern überwanden. Dieser Aufstand des Gewissens hat auch für uns heute und für die Zukunft unvermindert Bedeutung. Vor der Welt und der Geschichte wurde sichtbar, dass es Hitler und seinem System nicht gelungen war, Ehre und Gewissen im deutschen Volke zum Schweigen zu bringen. Auch heute leben Hunderte von Millionen Menschen unter einem System des Unrechts, davon 17 Millionen unserer eigenen Landsleute. Auch bei ihnen hat es bereits einen Aufstand des Gewissens gegeben: am 17. Juni 1953. Auch er ist niedergeschlagen worden. Trotzdem erinnern wir uns alljährlich dieses Tages, mit Trauer zwar, aber auch mit Stolz. Wir müssen lernen, diese beiden Tage, den 17. Juni und den 20. Juli, zusammen zu sehen und sie aus derselben Wurzel zu begreifen. Beide Male standen dabei deutsche Menschen auf gegen ein System der Gewalt und der Rechtlosigkeit, mit sehr geringer Hoffnung auf Erfolg, aber mit dem vollen Einsatz ihrer Person und bereit zum Opfer ihres Lebens.
Unser staatlicher Neubau wäre weniger fest verankert ohne die Tat der Männer des 20. Juli, mit der sie, wie einer der ihren es ausdrückte, „das Bild des Menschen wiederherstellen wollten im Herzen ihrer Mitbürger“. Wir Soldaten der Bundeswehr sind besonders den Soldaten unter den Männern des Widerstandes zu Dank verpflichtet. Sie haben uns gelehrt, über die Fragen der Pflicht, des Eides und des Gehorsams tief nachzudenken. Wir wissen jetzt klarer, wofür und wogegen wir zu stehen haben. Im Frieden wie im Kriege ist der Soldat heute vor geistige und sittliche Entscheidungen gestellt. Deshalb nehmen wir die Männer des 20. Juli bewusst in die Traditionskette der deutschen Soldaten auf. Sie sind uns Vorbild - so wie uns andere Gestalten der deutschen Geschichte in anderer Hinsicht Vorbild sind. Welche Vorbilder sich eine Generation erwählt, kennzeichnet sie und ihre Epoche.
In dieser Stunde wird in der Bundesrepublik fünf Kasernen der Name eines Widerstandskämpfers gegeben:
in Husum „Julius-Leber-Kaserne“
in Oldenburg „Henning-von-Tresckow-Kaserne“
in Augustdorf „General-Feldmarschall-Rommel-Kaserne“
in Sigmaringen „Graf-Stauffenberg-Kaserne“
in Donauwörth „Alfred-Delp-Kaserne“.
Möge diese Namensverleihung dazu beitragen, in unserem Volke die Erinnerung an Männer wach zu halten, die ihr Leben für Recht und Freiheit geopfert haben.