Erziehung und Widerstand

Sir Robert Birley

Erziehung und Widerstand

Vortrag von Sir Robert Birley am 20. Juli 1971 in der Urania, Berlin

Die Einladung, als Ausländer bei einer Gedenkfeier für diejenigen, die am 20. Juli 1944 ihr Leben im Widerstandskampf gegen Hitler und die Nazis gaben, zu sprechen, ist eine sehr hohe Ehre. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viel sie mir bedeutet. Ich soll heute zu Ihnen über „Erziehung und Widerstand“ sprechen; kein einfaches Thema! Vielleicht darf ich zunächst als Ausländer einige Bemerkungen über den deutschen Widerstand machen. So kann ich leichter die Verbindung zur Erziehung herstellen, wie ich sie darzustellen versuchen werde.

Als ich nach dem Krieg in Deutschland war, hielt ein Professor der Universität Köln eine Ansprache, die zwei Sätze enthielt, die meiner Ansicht nach viel Mut zeigten. Es war im Goethejahr 1949, Goethes 200. Geburtstag. Der erste Satz lautete: „Wir Deutsche müssen uns darüber klar werden, dass für uns Goethe kein Alibi ist.“ Und später stellte der Redner fest: „Zwischen Goethe und uns liegt Buchenwald.“ Er hatte sehr Recht. Zu sagen, dass Goethe einer der allergrößten Vertreter der europäischen Zivilisation war, ist keine Entschuldigung für die Ereignisse zwischen 1933 und 1945. Ganz anders aber ist es für die Menschen, die die damaligen Ereignisse nicht akzeptierten und der schandbaren Regierung jener Zeit Widerstand leisteten, viele von ihnen sogar ihr Leben dafür gaben. Es ist natürlich keine Entschuldigung für die Verbrechen des einen, auf die Opfer des anderen zu verweisen. Das größte Verbrechen im Deutschland jener Jahre war vielleicht die Weigerung, zu sehen, zu hören und zu wissen. Was solche Opfer beweisen können, kann ich Ihnen am besten erläutern, wenn ich Ihnen eine Begebenheit aus meinem Leben berichte: Abgesehen von den ersten drei Jahren nach dem Kriege, war ich bis vor sieben Jahren Gymnasiallehrer. Während dieser sieben Jahre war ich Professor an zwei Universitäten. Die erste war die Universität von Witwatersrand in Südafrika. Während ich dort war, habe ich so oft ich nur konnte in afrikanischen Schulen unterrichtet. Als ich eines Tages in einer Secondary School Jungen und Mädchen im Alter von achtzehn und neunzehn Jahren Geschichtsunterricht gab, fragte mich plötzlich ein Junge: „Ist es wahr, dass die Nazis viele Juden umgebracht haben?“ Mein Herz sank bei diesen Worten. „Ja“, sagte ich, „es ist wahr.“ „Wie viele?“ wurde ich gefragt. „Etwa fünf Millionen“, erwiderte ich. Sie waren völlig erschüttert. Dann sagte ich: „Ich verspreche Ihnen, dass, wenn ich von einem Blutbad, sagen wir im Kongoland, höre, ich niemals sagen würde: Das haben die Schwarzen getan, sondern: das haben Kongolesen getan. Wollen Sie mir versprechen, dass Sie bei dem, was ich Ihnen berichtet habe, niemals sagen werden: so handeln die Weißen, sondern: das haben Menschen in Deutschland getan.“ Sie waren einverstanden, und wir gaben einander darüber unser Wort.

Aber dann fühlte ich, dass dies nicht genug war. Ich dachte an die Menschen, deren Andenken wir heute feiern, an Claus von Stauffenberg, Doktor Carl Goerdeler, Feldmarschall Witzleben und General Beck, Peter von Yorck, Adam von Trott und an viele andere, die gegen die Nazis kämpften und hingerichtet wurden oder die widerstanden und überlebten. Manche von ihnen habe ich nach dem Kriege in Deutschland kennen gelernt. Und dann, als ich die Jungen und Mädchen in der Klasse so vor mir sitzen sah, dachte ich an die Studenten der Universität München, „Die Weiße Rose“, die Widerstand leisteten und getötet wurden. Ich erzählte ihnen von diesen Studenten und all den anderen. Sie waren zutiefst beeindruckt. In den vielen Jahren, in denen ich Lehrer war, habe ich niemals Kinder gesehen, die so tief von meinen Schilderungen beeindruckt waren. Und dann sagte ich zu ihnen: „Wenn ich Ihnen verspreche, dass ich, wenn ich von einem Blutbad im Kongoland höre, nicht sagen werde: das haben die Kongolesen getan, sondern: einige Leute im Kongoland, wollen Sie mir versprechen, dass Sie, wenn Sie an den Mord dieser Juden denken, nicht sagen werden: das haben die Deutschen getan, sondern: einige Menschen in Deutschland?“ Sie waren wieder einverstanden und wieder haben wir einander das Wort gegeben.

Dieser Vorfall mag sehr abseitig erscheinen. Es geschah 8.000 Kilometer entfernt. Stellen Sie sich aber nun diese Entfernung als längeren Zeitraum vor: Generationen nach uns werden wie diese Kinder in Südafrika sagen, dass es nicht „die Deutschen“ waren, die solches taten, sondern „einige Leute in Deutschland“. Das ist wichtig, und ein Ausländer kann das bestätigen. Aber es gibt da noch andere wichtige Folgerungen. Am augenfälligsten das den künftigen Generationen gegebene Beispiel. Darf ich einige Worte aus einem Vorwort zitieren, das ich für die englische Übersetzung von Frau Annedore Lebers Buch „Das Gewissen steht auf“ schrieb: „Kurz nach Kriegsende sagte die Protestantische Kirche in Deutschland in einer berühmten Erklärung, daß die Schuld für die Verbrechen der Nazis vom ganzen deutschen Volk geteilt würde. Es war eine tapfere Erklärung, und wie ich weiß, fand sie einen Widerhall im Gemüt vieler Deutschen. Aber der Begriff einer Nationalschuld kann schwer eine persönliche Bedeutung haben. Schuld kann nur gesühnt werden durch Opfer und durch die Gnade Gottes, vorausgesetzt, daß das Herz durch die Opfer des anderen geläutert worden ist. Darin liegt die historische Rolle der Märtyrer. Es war die Rolle für die vierundsechzig Männer und Frauen, deren Gewissenskampf in diesem Buch dargestellt wird; und vergessen Sie nicht, sie vertreten viele Tausende. Dietrich Bonhoeffer sagte, daß der Widerstand gegen die Nazis ‚eine Reuehandlung’ sein müsse.“

Ich habe die Autorin dieses Buches eines Abends im Dezember 1948 in Berlin während der Blockade getroffen. Frau Leber hatte auf einer Wahlversammlung gesprochen bei den seltsamsten Wahlen, die wohl jemals stattgefunden haben. Sie fanden natürlich nur in West-Berlin statt. Es schien nicht so wichtig zu sein, welche Partei siegte. Worauf es ankam, war, dass freie Wahlen in einer belagerten Stadt, in der Mitte der Sowjetzone Deutschlands, stattfanden. Ich sagte ihr, dass bei allen Wahlen bald klar würde, was die vorherrschenden Ziele seien; ich wollte wissen, welche es bei dieser Wahl seien. Sie antwortete: „Es gibt nur eines und das ist die alte Frage: Sind Sie für oder gegen Konzentrationslager?“ Wir dürfen nicht vergessen, dass heute in Ost- und Mitteleuropa und in vielen anderen Ländern Tausende demselben Dilemma gegenüberstehen wie die Männer und Frauen in diesem Buch und dass unter ihnen Menschen dieselbe Antwort geben. Denn die Männer und Frauen, die den Gewissenskampf gegen die Nazis auf sich nahmen, sind nicht nur Gestalten auf einem Blatt der Geschichte. Sie starben im Kampf gegen den totalitären Staat, ein Kampf, der noch existiert. Es wird lange dauern, bis die Sache, für die sie starben, gewonnen sein wird.

Es gibt aber wichtigeres als Beispiele, und es lässt sich schwer definieren, was es ist. Manche Taten der Menschen bleiben lebendig. Darum werden sie niemals „nur Gestalten auf einem Blatt der Geschichte“ sein. Manchmal wird dieses Leben durch das geschriebene oder gesprochene Wort geschaffen, manchmal einfach durch die Haltung eines Menschen. Ebenso stark wie die Worte der Widerstandskämpfer bewegte mich ein Bericht von Paul Sethe, der auch in dem Buch „Das Gewissen steht auf” enthalten ist. Er beschreibt die Verurteilung Julius Lebers vor dem Volksgericht und schließt mit den Worten: „Als dann kurz darauf das Urteil verlesen wird, tut Julius Leber auch diesmal seinen Feinden nicht den Gefallen, den letzten, auch nur mit einer Miene zu zucken. Das Gesicht behält den Ausdruck tiefen und gesammelten Ernstes, wie stets an diesem Tag. Der Blick geht in die Ferne und gewiss weit über die Mauern dieses Saales hinaus.”

Oder ich denke an die wundervolle Beschreibung der Tage von Hans und Sophie Scholl und Christoph Probst zwischen ihrer Verhaftung und Hinrichtung. Sie wurde von der Schwester von Hans und Sophie geschrieben. Daraus zitiere ich die Worte des Mannes, der die Zelle mit Hans Scholl teilte: „Schließlich kam der letzte Morgen. Hans trug mir noch so manches auf, was ich Eltern und Freunden sagen sollte. Dann gab er mir die Hand, gütig und feierlich, und sagte: ‚Nun, wir wollen uns jetzt verabschieden, solange wir noch alleine sind.’ Darauf drehte er sich still der Wand zu und schrieb mit einem eingeschmuggelten Bleistift etwas an die weiße Gefängnismauer. Es war eine unbeschreibliche Stille in der Zelle. Kaum hatte er den Bleistift aus der Hand gelegt, da rasselten die Schlüssel und die Tür ging auf. Die Kommissare legten ihm die Fesseln an und führten ihn zur Verhandlung. Die Worte, die er noch an die Wand geschrieben hatte, hießen: ‚Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten’.“

„Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten.“ So gab es Menschen, die kein Alibi brauchten, denn sie waren Goethes Gefährten; keine Konzentrationslager trennten sie von ihm.

Die Sammlung der Abschiedsbriefe der Widerstandskämpfer hat den bezeichnenden Titel: „Du hast mich heimgesucht bei Nacht“. In der englischen Übersetzung heißt es: „Dying we live“. Es gibt viele Briefe, die lebendig bleiben. Sie bleiben eine Inspiration, und das ist es, worauf es ankommt. Das Schöpferische in den Menschen, die in der Widerstandsbewegung starben, wurde von Pater Delp in seinem letzten Brief aus dem Gefängnis so ausgedrückt: „Es ist die Zeit der Aussaat, nicht der Ernte. Gott sät, einmal wird er auch wieder ernten. Um das eine will ich mich mühen: wenigstens als fruchtbares und gesundes Saatkorn in die Erde zu fallen.“ Dieselbe Metapher wurde von einem jungen Mitglied der Widerstandsbewegung in Berlin im Januar 1945 gebraucht: „Wir wollen neu beginnen! Wahrhaftig, der Boden wird noch ein letzte Mal umgepflügt, um für eine neue gute Saat bereit zu sein. Es wird – oh, es wird.“

Ich komme jetzt zur Erziehung und den jungen Menschen von heute, nach 27 Jahren, geboren in den Jahren der Besatzung oder sogar später. Ich spreche von der Jugend eines fremden Landes mit großer Bescheidenheit, aber ich habe den Eindruck, dass die jungen Leute in Deutschland nicht wirklich an der Geschichte des Widerstandes gegen Hitler interessiert sind. Sie erscheint ihnen nicht nur längst vorbei, die Geschichte jener Jahre 1933 bis 1945 ist ihnen unbehaglich. Schließlich waren sie nicht verantwortlich. Es geht sie nichts an.

Die Antwort auf diese Haltung wurde kurz nach dem Kriege von Adolf Grimme gegeben. Sie wissen, dass er der letzte Kultusminister von Preußen war und nach dem Kriege Kultusminister von Niedersachsen. Eines Tages sprach er zu jungen Leuten in Hannover und in der Diskussion fragte jemand: „Sind wir für alles verantwortlich, was unter den Nazis geschah?“ – „Natürlich nicht“, erwiderte er, „aber Sie könnten es nächstes Mal sein!“ Wenn es wieder ein totalitäres Regime in Deutschland gäbe, wären die Menschen, die wir heute feiern, kein Alibi.

Die Inspiration muss wieder erweckt werden. Meiner Ansicht nach kann es nur erreicht werden, wenn die Menschen, die zur Jugend sprechen, die Sprache dieser Jugend gebrauchen und ihre Probleme verstehen. Vielleicht kann folgende Begebenheit die Lage erhellen. Ich möchte zunächst sagen, dass meiner Ansicht nach kein großer Unterschied besteht zwischen Studenten in meinem eigenen Lande und denen in Deutschland, wenigstens nicht in der Bundesrepublik und West-Berlin. Aber ich fand einen sehr großen Unterschied unter den Studenten meiner Universität in Südafrika. Die große Majorität war zutiefst gegen die Rassenpolitik ihrer Regierung. Ihre Haltung wurde klar ausgesprochen von einem Studenten, der zu mir sagte: „Wie schön wäre es, eine Zeit lang in einem Lande zu leben, wo man nicht schlaflose Nächte verbringt und an all die Ungerechtigkeiten, die uns umgeben, denken muss.“ Kurz nachdem ich dort ankam, wurde ich eingeladen, zu den Mitgliedern einer christlichen Studentengesellschaft zu sprechen. Ich durfte mein Thema wählen, und ich sprach über den „Studentenwiderstand gegen die Nazis“. Ich sprach besonders von der „Weißen Rose“, aber auch von den katholischen Studenten des „Edelweiß“, den von Werner Steinbrink geführten Berliner Studenten, der „07“-Gruppe in München und von der „Meute“ in Leipzig. Am Ende meiner Rede stand ein junger Mann auf und sagte: „Es sollte uns nicht schwer fallen, eine Beziehung zu unserer eigenen Situation zu finden. Zweifellos war dies die Absicht von Professor Birley.“ Ich habe ihm später gesagt, es sei die beste Bemerkung gewesen, die jemals nach einem meiner Vorträge gemacht worden ist.

Vor kurzem wohnten bei mir in England Studenten meiner Universität in Südafrika, die jetzt in Oxford studierten. Es waren zwei junge Männer und eine junge Dame. Alle drei waren stark politisch engagiert. Die jungen Männer waren Studentenführer und hatten beide große Demonstrationen gegen die Regierung organisiert. Sie wurden außerordentlich diszipliniert durchgeführt. Ich habe gesehen, wie einer von ihnen neben den Reihen der 3.000 Studenten dieses Protestmarsches hin und her ging und sagte: „Also vergesst nicht: wenn man uns mit etwas bewirft, darf nichts zurückgeworfen werden.“ Es wurden während des Marsches Gegenstände geworfen und nichts kam zurück. Es war sehr eindrucksvoll. Diese Studenten sagten mir, dass sie die Studenten in England nicht begriffen. „Wir können nicht herausfinden, was sie wollen.“ Dann fügte einer hinzu, halb zu sich und halb zu mir:„Dadurch wird man sich bewusst, wie gut es ist, in einem Lande zu leben, wo es eine echte Not gibt.“ Ich erzählte das, was er gesagt hatte, einer der extrem links eingestellten Studentinnen meiner Universität in London. „Er hat ganz Recht“, sagte sie, „unsere größte Schwierigkeit liegt darin, dass die Mächte, die wir bekämpfen müssen, so undeutlich sind.“

Ich verstehe ihr Problem und ich glaube, dass wir, die ältere Generation, für ihre geistige Einstellung Verantwortung tragen. Wir haben sie nicht gelehrt, über die heutigen Probleme nachzudenken, sie zu analysieren. Wir haben uns zu sehr darauf konzentriert, sie auszubilden, damit sie Examen bestehen, das Abitur bei Ihnen, das Advanced Level Examen bei uns. Sie haben durchaus ein Gefühl der Verantwortung. Sie glauben nicht, dass die Dinge einfach so weiterlaufen dürfen, wie sie sind. Aber es geht alles nicht sehr tief. Sie sind nur zu gerne bereit, die Verantwortung auf die Schultern anderer abzuladen, auf das „Establishment“, wie wir es in meinem Lande nennen, auf die Leute, die verantwortliche Stellungen in der etablierten Gesellschaft haben. Vor allem glauben sie, dass konstruktives Denken unnötig ist, dass du deine Pflicht für die Gesellschaftsreform getan hast, wenn du gegen die Autorität demonstrierst und, wenn du dazu etwas gewaltsam vorgehst, zeigst, dass du es erst meinst.

Was wirklich nicht in Ordnung ist mit der Jugend dieses Landes und auch meines eigenen, ist das Folgende. (Ich gebe ihr nicht die Schuld; wir durften es nicht geschehen lassen.) Dr. Eugen Gerstenmaier hat einmal über „ein geistig-seelisches Vakuum“ in Deutschland gesprochen. Als ich diese Worte las, dachte ich an Worte, die ich vor vielen Jahren hörte. Es war 1934, nachdem ich einige Wochen in Deutschland verbracht hatte, fuhr ich nach Prag. In Deutschland war ich entsetzt gewesen über alles, was ich gesehen und gehört hatte. In Prag traf ich einen Professor der Philosophie in der Universität, und ich erzählte ihm von meiner Reaktion. „Ja, ja“, sagte er, „ich gebe zu, dass Hitler ein Teufel ist. Aber vergessen Sie nicht, dass er in einen leeren Raum eintrat.“ Und etwas später fügte er hinzu: „Sie müssen begreifen, dass Hitler der Jugend die allergrößte Bestechung anbot, er forderte, dass sie sich opfere.“

Ein leerer Raum, ein seelisches Vakuum existiert im Gemüt vieler junger Menschen heute in meinem Land, in diesem Land und in anderen. Es ist unsere Pflicht als Erzieher, diese Leere mit einem Geist zu füllen, der Mitgefühl empfindet, der konstruktiv und furchtlos ist. Vor allem müssen wir den Geist der konstruktiven, persönlichen Verantwortung erwecken. Hier können wir doch gewiss Beispiel und Inspiration bei denen finden, die den Nazis widerstanden. Das heißt natürlich nicht, dass alle Widerstandskämpfer dieselben Ansichten hatten. Unter ihnen waren Konservative, Sozialdemokraten und Kommunisten, Katholiken und Protestanten. Manche von ihnen akzeptierten den Gebrauch von Gewalt, manche lehnten ihn ab. Das war keineswegs ein Zeichen der Schwäche, wie manche heute denken. Wären alle Widerstandskämpfer, sagen wir, Mitglieder des Zentrums oder der Sozialdemokratischen oder der Kommunistischen Partei gewesen, so hätte ihr Erfolg nur dazu geführt, dass eine neue totalitäre Regierung an die Stelle der alten getreten wäre.

Konstruktives, persönliches Verantwortungsgefühl! Niemals ist diese Notwendigkeit besser ausgedrückt worden als in den Flugblättern der „Weißen Rose“. Werden sie heute in den deutschen Schulen gelesen? Ich bezweifle es. Aber sie sollten gelesen werden, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Als Lehrer und Universitätsprofessor habe ich sie im Geschichtsunterricht gebraucht, wenn die Verantwortung in der Politik besprochen wurde. Sie haben stets einen tiefen Eindruck gemacht, viel tiefer, als ich selbst das mit meinen eigenen Worten hätte tun können. In ihrem zweiten Flugblatt schrieben sie, nach den Berichten von Verbrechen gegen die Juden und die Polen: „Wozu erzählen wir Ihnen dies alles, wenn Sie es schon wissen oder wenn nicht davon, so von anderen, gleich schweren Verbrechen des fürchterlichen Untermenschentums? Weil hier eine Frage berührt wird, die uns alle zutiefst angeht und allen zu denken geben muß. Warum verhält sich das deutsche Volk angesichts all dieser scheußlichsten menschenunwürdigsten Verbrechen so apathisch? Kaum irgendjemand macht sich Gedanken darüber. Die Tatsache wird als solche hingenommen und ad acta gelegt. Und wieder schläft das deutsche Volk in seinem stumpfen, blöden Schlaf weiter und gibt diesen faschistischen Verbrechern Mut und Gelegenheit weiterzuwüten – und diese tun es. Sollte dies ein Zeichen dafür sein, daß die Deutschen in ihren primitivsten menschlichen Gefühlen verroht sind, daß keine Saite in ihnen schrill aufschreit im Angesicht solcher Taten, daß sie in einem tödlichen Schlaf versunken sind, aus dem es kein Erwachen mehr gibt, niemals? Es scheint so und ist es bestimmt, wenn der Deutsche nicht endlich aus dieser Dumpfheit auffährt, wenn er nicht protestiert, wo immer er noch kann, gegen diese Verbrecherclique, wenn er mit diesen Hunderttausenden von Opfern nicht leidet. Und nicht nur Mitleid muß er empfinden, nein, noch viel mehr: Mitschuld. Denn er gibt durch sein apathisches Verhalten diesen dunklen Menschen erst die Möglichkeit so zu handeln, er akzeptiert diese „Regierung“, die eine so unendliche Schuld auf sich geladen hat, ja, er ist doch selbst schuld daran, daß sie überhaupt entstehen konnte! Ein jeder will sich von einer solchen Mitschuld freisprechen, ein jeder tut es und schläft dann wieder mit ruhigstem, bestem Gewissen. Aber er kann sich nicht freisprechen, ein jeder ist schuldig, schuldig, schuldig!“

Eine unerhört herrliche Erklärung; eine der bedeutendsten dieses Jahrhunderts! Aber es muss betont werden, um gerecht zu sein, dass die Studenten der „Weißen Rose“ in einer „wahrhaften Not“ kämpften. Jemand hat einmal gesagt, dass man, wenn man einer übermenschlich großen Bosheit begegnet, sich der Worte Davids erinnern müsse, als er Goliath gegenüberstand. Diese Worte stehen nicht in der Bibel: „Die Lage ist zwar furchterregend, aber wenigstens ist das Ziel so groß, dass man es unmöglich verfehlen kann.“ Aber wenn das Ungeheuer dem Boyg gleicht, dem Peer Gynt begegnete, maßlos und formlos, mit seinem listigen Vorschlag: „Geh’ um mich herum, mache einen Kompromiss“ und nachher ist es doch noch da! So fühlt sich die Jugend von heute betrogen, und ich habe größtes Verständnis für sie. Aber wir haben die Aufgabe, sie davon zu überzeugen, dass Zerstörung nicht genug ist. Zerstörung kann einen hohlen Raum nicht ausfüllen. Sie fegt ihn nur noch leerer.

So lässt sich die Verbindung zwischen dem Widerstand gegen die Nazis und den Problemen, besonders den erzieherischen Problemen unserer Zeit, schwer erklären. Die Gestalten der Geschichte müssen in ein anderes Zeitalter versetzt und interpretiert werden. Beispiele besagen mehr, besonders solche Beispiele, die eine schöpferische Kraft enthalten, werden zur Inspiration – die Mitglieder des deutschen Widerstandes haben sie uns zweifellos gegeben. Nicht nur durch ihre Tapferkeit, nicht nur durch die entsetzlichen Heimsuchungen; mich beeindruckten am stärksten, abgesehen von ihrer Haltung, die ich erwähnt habe, ihre Aussagen und vor allem das, was sie im Gefängnis geschrieben haben. Hier finde ich den Kontrast zwischen Gut und Böse viel klarer als irgendwo sonst in der menschlichen Geschichte. Ich habe die größte Bewunderung für viele Gestalten in der Geschichte meines eigenen Landes; aber die einzigen, die mir ebenso viel bedeuten wie die Gestalten des deutschen Widerstandes – und nicht nur die Führer – sind die Mönche der Chartreuse in London. Sie weigerten sich, den König als Haupt der Kirche anzuerkennen, zu einer Zeit, als fast alle anderen Mitglieder der Kirche nachgaben. Sie wurden alle hingerichtet.

Ich möchte Ihnen ein anderes Beispiel des Kontrastes geben. Es war wohl die seltsamste Episode meines Lebens. Ich spreche mit Zögern davon, und ich weiß nicht, was Sie darüber denken werden: Sie erinnern sich vielleicht, dass alle Mitglieder der SS, bis die Urteile des Nürnberger Gerichts festgelegt waren, in besonderen Lagern gefangen gehalten wurden. Die Möglichkeit eines Kollektivurteils gegen sie bestand. Im Herbst 1946 besuchte ich ein solches Lager in der Lüneburger Heide. Da waren 200 Frauen, Aufseherinnen in Konzentrationslagern und ähnliche. Ich brauche Ihnen nicht zu schildern, was das für Menschen waren. Sie wurden von einem Feldwebel beaufsichtigt: einer Dame. Vier Mädchen halfen ihr, und natürlich gab es Wachen rings um das Lager. Sie sagte mir, dass sie noch nie Gefangene beaufsichtigt habe. „Ich habe eines sehr schnell gelernt“, sagte sie, „das Wichtigste ist, das Selbstbewusstsein der Gefangenen aufrechtzuerhalten.“ Sie hatte ihnen von ihrem eigenen Geld Lippenstifte und Rouge gekauft. „So denken sie nicht so sehr an die Zukunft!“ Sie fragte, ob ich ihr ein Klavier beschaffen könnte. Ich glaubte, das sei möglich und fragte, ob eine ihrer Helferinnen Klavier spielte. „Ach nein“, sagte sie, „ich will es nicht für meine Mädchen haben, sondern für meine Gefangenen. Wissen Sie, die Deutschen sind sehr musikalisch. Das habe ich herausgefunden. Sicher können welche Klavier spielen. Ich habe nur ein Instrument, ein Cello – und keinen Bogen dazu.“ Später, als wir durch das Lager gingen, sagte sie mir, dass sie ihnen half, Stücke aufzuführen. „Es ist gut für die ‚Schauspieler’ und gut für die ‚Zuschauer’ – so denken sie nicht zu viel.“ Sie war sehr glücklich, die Erlaubnis für eine Aufführung des Stücks im Männerlager bekommen zu haben, das zwei Kilometer entfernt war. Sie würden im Bus hingefahren werden, natürlich bewacht. Ich glaubte, bereits den Höhepunkt des Vorstellbaren erreicht zu haben, aber nein. Sie würden ein bekanntes englisches Stück spielen. Eine der Gefangenen hatte es neu übersetzt. Es war „Charlies Tante“! Damit war zweifellos das Allerletzte an Ungereimtheit erreicht worden! Hatte sie eigentlich recht gehandelt? Viele würden das verneinen. Ich kann nur für mich persönlich sagen, dass das Leben für mich nie ganz wie zuvor gewesen ist, nachdem ich die Frau Feldwebel kennen gelernt habe. Hier sah ich mit einer Intensität, die ich nie zuvor oder später empfunden habe, den Kontrast zwischen Gut und Böse: genau umgekehrt wie in den Gefängnissen der Gestapo. Hier war innerhalb der Macht die Güte. Ich glaube wenigstens, dass die, die gelitten haben und über die ich gelesen habe, mir Recht geben würden; solche Menschen wie Dietrich Bonhoeffer und Pater Delp, Helmuth von Moltke und Pater Metzger und Frauen wie Edith Stein und Dr. Meirowsky.

In diesem Kontrast, in diesem Beispiel des Kampfes zwischen Gut und Böse, wird die Inspiration lebendig. Nur wenn man die Urgründe des Bösen kennt, kann man die volle Bedeutung der herrlichen Worte begreifen, die aus den Nazigefängnissen kommen.

Es sind für mich die vielleicht größten Aussagen in meinem Leben. Ihre theologischen Folgerungen sind von großer Bedeutung. Aber die Worte sollen für sich selbst sprechen. Sie sind natürlich weithin bekannt.

Zunächst sind hier über den Urgrund des Bösen – einige Worte aus einem Brief von Pater Delp im September 1944. Ich kann es kaum ertragen, sie zu lesen, und meine Zuhörer hier brauchen nicht an die Geschehnisse erinnert zu werden, aber viele andere sollten es noch einmal hören: „In einer Nacht, es war um den 15. August, bin ich beinah verzweifelt. Ich wurde, wüst verprügelt, in das Gefängnis zurückgebracht, abends spät. Die begleitenden SS-Männer lieferten mich ab mit den Worten: „So, schlafen können Sie heute nacht nicht. Sie werden beten, und es wird kein Herrgott kommen und kein Engel, Sie herauszuholen. Wir aber werden gut schlafen und morgen früh Sie mit frischen Kräften weiterschlagen.“

Und hier ist der Kontrast aus einem Brief von Dietrich Bonhoeffer vom 16. Juli 1944. Er ist die Antwort auf die Brutalität und den plumpen Sarkasmus dieser Menschen. „So führt uns unser Mündigwerden zu einer wahrhaften Erkenntnis unserer Lage vor Gott. Gott gibt uns zu wissen, dass wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt. (Er zitiert hier die Worte Christi am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“) Der Gott, der uns in der Welt leben lässt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott lässt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns ... Hier liegt der entscheidende Unterschied zu allen Religionen. Die Religiosität des Menschen weist ihn in seiner Not an die Macht Gottes in der Welt, Gott ist der deus ex machina. Die Bibel weist den Menschen an die Ohnmacht und das Leiden Gottes; nur der leidende Gott kann helfen.“ In einem solchen zuversichtlichen, siegreichen Geist lag die Inspiration, die in unsere Erziehung integriert sein sollte. Das ist die Gabe, die der Widerstand der Erziehung schenken kann, wenn wir nur von ihr Gebrauch machen.