Kann es eine größere Liebe geben, als wenn einer sein Leben gibt für die Seinigen?
Peter Buchholz
Kann es eine größere Liebe geben, als wenn einer sein Leben gibt für die Seinigen?
Predigt von Prälat Peter Buchholz am 20. Juli 1954 in der St. Bernhard-Kirche, Berlin
Wenn wir heute, am zehnten Jahrestag des 20. Juli 1944, an heiliger Stätte der Männer gedenken, deren Namen mit diesem Tag für immer verbunden sind, dann haben wir bewusst diese Weihestunde in den Raum der Kirche hineingenommen, hierhin, wo sich auf dem Altare das Opfer dessen unblutigerweise erneuert, der von sich sagen konnte: Kann es eine größere Liebe geben, als wenn einer sein Leben gibt für die Seinigen? Hierhin, wo uns mit tröstlicher Gewissheit bewusst wird, dass die tägliche Bereitschaft zum letzten Opfergang nur möglich war in dem gläubigen Wissen um den Weg, den Christus täglich im heiligen Opfer unter dem Kreuz bis zur Höhe von Golgatha geht.
Wahrhaftig, schöner konnten wir darum ihr Andenken nicht ehren, Wertvolleres konnten wir ihnen nicht schenken, als dass wir im Geiste mit dem Priester die Stufen des Altares hinanschreiten und in ehrfürchtigen Händen Brot und Wein zum Himmel heben und den Vater bitten, dass er diese Opfergabe annehme, die wir ihm anbieten für alle, die im heiligen Opfertode von uns gingen, für alle, die sich in stiller Trauer mit diesen Toten verbunden fühlen.
Und wenn ich nun heute und hier den Gefühlen Ausdruck geben soll, die in dieser Stunde uns bewegen, dann lassen Sie mich, meine verehrten und lieben Angehörigen der Opfer, Ihnen zunächst sagen, dass wir alle und mit uns Millionen Deutscher Ihnen heute in ehrlicher Mittrauer die Hand drücken möchten. Wir alle – aber hier muss ich zunächst und besonders mich nennen – nicht aus Unbescheidenheit, nein, weil Sie gewiss auf ein Wort warten von dem, der Ihren Lieben nahe sein durfte in ihren schwersten Stunden, der den Weg fand in ihre Zelleneinsamkeit und mit ihnen beten und ihnen als letzten Trost den bringen durfte, der gefesselt und geschunden wie sie, in letzter Opferbereitschaft sein „fiat“ gesprochen, und in dessen beglückender Nähe das „Ja, Vater, Dein Wille geschehe“ nicht mehr so schwer war. Und wo der unmenschliche Hitlerbefehl den priesterlichen Beistand nicht möglich machte, da ist doch mit Ihrem Beten auch mein Beten mit Ihren Lieben gegangen, bis Gottes Vaterarme sie aufnahmen. Das, meine verehrten und lieben Angehörigen, musste ich Ihnen einmal sagen. Sie haben ein Recht darauf, das zu hören – und ich muss Ihnen auch sagen, dass ich trotz der unsagbaren Schwere der priesterlichen Aufgabe, die mir in diesen Jahren auferlegt war, doch Gott ewig dankbar bleibe, weil ich Zeuge sein durfte, wie im Angesichte des Todes Menschen zu einer letzten Größe heranreiften, wie man sie nur an den Toren der Ewigkeit findet. So können nur Heilige sterben, und so trauere ich mit Ihnen um das, was Sie verloren haben.
Aber es trauern auch mit Ihnen und fühlen mit Ihnen die vielen, die heute hier die Kirche füllen und die heilige Opfergemeinschaft mit Ihnen teilen. Es trauern die Millionen draußen im Lande, die wissen, dass in diesen Männern das Gewissen aufstand und der Welt zeigte, dass es noch ein anderes Deutschland gab, das nicht mitschuldig werden wollte an tausendfachen Verbrechen und Morden.
Wir alle trauern und wir danken! – Wir danken den Männern, dass sie den Mut hatten, der Stimme ihres wachen Gewissens zu folgen und zu reden, wo andere schwiegen, zu kämpfen, wo andere zögerten und zu sterben, wo andere um ihr Leben bettelten.
Wir danken ihnen, dass sie in die Gefängnisse gingen und mit ihrem Beten und Opfern die Todeszellen geheiligt haben. Wir danken ihnen, dass sie die Fesseln trugen, um uns von einer Tyrannis zu befreien, die die Gewissen knechtete und die unseligen Mächte der Unterwelt triumphieren ließ. Und wir danken ihnen, dass sie in Unfreiheit gestorben sind, damit wir wieder in Freiheit leben können.
Und nun beten wir für sie und mit ihnen, die nun in die Ewigkeit eingegangen sind, dass Gottes Reich komme, dass sein Name geheiligt werde und dass sein Wille geschehe, und führe der Weg auch über Galgen und Schafott. Denn die Toten wissen nun: Die bösen Mächte der Gewalt kann man nicht mit Gewalt besiegen, sondern nur durch den Geist und die Liebe, die Liebe, von der es heißt: Kann es eine größere Liebe geben, als wenn einer sein Leben gibt für die Seinigen? Gott sei Dank, diese Liebe höret nimmer auf. Seitdem sie in Christus zur Erde kam, seitdem glüht sie immer wieder in Menschen auf und lässt sie alles opfern, alles leiden, alles überwinden – auch Gewalt und Tod. Auf dass diese Liebe nimmer sterbe, auf dass Glauben, Hoffen und Lieben uns unlösbar verbinde, uns und die Toten, darum lasst uns beten.