Männer und Frauen der geistigen Freiheit

Annemarie Renger

Männer und Frauen der geistigen Freiheit

Gedenkrede von Bundestagspräsidentin a.D. Dr. h.c. Annemarie Renger am 20. Juli 1994 in der Gedenkstätte Plötzensee, Berlin

Es fällt mir schwer, meine Damen und Herren, hier, an der Stätte des Grauens, vor Ihnen zu sprechen. Hier wurden die Männer des 20. Juli 1944 ermordet, die den letzten Versuch wagten, zusammen mit Offizieren der deutschen Wehrmacht Deutschland vor dem Untergang zu bewahren. Vor aller Welt wollten sie ein Zeichen setzen, dass sie sich aus eigener Kraft von einem Diktator Hitler befreien würden. Nach dem misslungenen Attentat in Hitlers Hauptquartier war mit anderen Offizieren noch in der Nacht des 20. Juli Claus Schenk von Stauffenberg erschossen worden. In Schauprozessen vor dem Volksgerichtshof wurden zum Tode verurteilt, die hier ihr Leben lassen mussten. Angesichts dieser Toten schweigen alle Vorwürfe, Missverständnisse und die Diskussionen über Irrungen, eigenes Versagen wie auch die kritische Frage nach den Vorstellungen über die künftige politische Ordnung nach der Befreiung vom nationalsozialistischen Regime. Die jungen oder alten Historiker, deren Fähigkeit, sich in die damalige Situation hineinzuversetzen, fehlt, sollten die Tat anerkennen, die allein eine umwälzende Veränderung hätte mit sich bringen können.

Der Widerstand des 20. Juli 1944 ist und bleibt von starker Symbolkraft. Wesentliche Elemente machen ihn zu einem Geschehen tiefer Tragik: – Das Scheitern des Versuchs, gewissermaßen im letzten Moment unter Einsatz des eigenen Lebens das Regime unmenschlichen Terrors zu stürzen, – die Tatsache, dass viele der entscheidenden Personen, gerade wegen ihrer hohen moralischen Integrität, noch über die Rechtfertigung des Tyrannenmordes nachdachten, als die kriminelle Perversion des Regimes nicht mehr zu übersehen war, – aber dann die entscheidende Tat immer wieder durch unerwartete Zwischenfälle verzögert und schließlich vereitelt wurde.

Und nicht zuletzt die quälende Frage, ob ein Gelingen des Umsturzes die Kriegsgegner Deutschlands überhaupt noch von ihrer Forderung nach bedingungsloser Kapitulation hätte abbringen können.

Natürlich ist vieles, was nachträglich wenig verständlich erscheint, auf die eben grundlegend neue, zuvor nicht gekannte Erfahrung eines modernen totalitären Staates zurückzuführen. So müssen wir gerade in diesem ehrenden Gedenken an die Männer und Frauen des 20. Juli in aller Klarheit uns bewusst machen, dass der Barbarei nicht früh genug Einhalt geboten werden kann.

Vielfältige Versuche, dies rechtzeitig zu tun, hat es nicht nur im Vorfeld, sondern von Anbeginn der Machtergreifung Hitlers gegeben. Auch sie blieben erfolglos, weil von der Mehrzahl aufrechter Demokraten die Gefahren unterschätzt wurden. Umso mehr Achtung gilt jenen, die in nahezu aussichtsloser Situation die moralische Kraft zum Widerstand und damit zum Einsatz ihres Lebens aufbrachten.

Den ersten Tribut mussten die Sozialdemokraten und Kommunisten leisten, wobei die Kommunisten auch Opfer der unverantwortlichen Politik ihrer Moskauergebenen Führung wurden. Nicht zu vergessen ist aber auch der Widerstand der – vorwiegend aus dem Untergrund – von einzelnen Vertretern bürgerlicher und kirchlicher Kreise geleistet wurde. Auch der Emigranten, die den Schergen entkommen konnten und im Ausland für ein demokratisches Deutschland warben, sollte nicht vergessen werden.

In diesem Sinne verdienen zwei öffentliche Signale Erwähnung:

Die Ablehnung des Hitlerschen Ermächtigungsgesetzes durch die Sozialdemokraten am 23. März 1933 und der heute zum 50. Mal sich jährende Aufstand des 20. Juli 1944.

Es ist von außerordentlicher Bedeutung, sich die Gesamtheit und Kontinuität des Widerstandes vor Augen zu führen. Denn es wäre für uns selbst wie für unser Ansehen in der Welt eine unerträgliche Minderung, den Kampf gegen den Terror auf einzelne Personen oder Ereignisse zu reduzieren. Vielmehr kommt es für unser künftiges politisches Handeln zur Bewahrung von Freiheit und Menschenwürde darauf an, die auch durch ein totalitäres Regime nicht zu erstickenden moralischen Kräfte zum gültigen Vorbild zu machen. Männer und Frauen des Widerstandes und der geistigen Freiheit bieten sich als Vorbilder an.







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