Predigt

Ökumenische Andacht in der Gedenkstätte Plötzensee am 20. Juli 2022 um 9:00 Uhr
anlässlich des 78. Jahrestages des 20. Juli 1944


 – Superintendent Carsten Bolz –


Texte: Gen 12,1-5a und Dietrich Bonhoeffer „Segnen heißt“


Das ist lange her, liebe Gemeinde hier an der Gedenkmauer von Plötzensee.


Das ist lange her: Abraham macht sich auf. Und Sara ist selbstverständlich mit ihm unterwegs. Das ist lange her: Aufbruch in ein anderes Land – allein auf Gottes Zusage hin: Verheißung von Segen.


Das ist noch nicht so lange her: Bundesaußenministerin Baerbock sagt: „Wir sind in einer anderen Welt aufgewacht!“ Sie gab wieder, was viele von uns am 25. Februar gedacht haben. Eine andere, fremde Welt ist uns aufgenötigt worden – wir merken das Tag für Tag – auch wenn – Gott sei Dank! – nicht in der Weise, wie die Menschen in der Ukraine. „Wir sind in einer anderen Welt aufgewacht!“ – nicht freiwillig wie Abraham und Sara: ganz ohne Segenszusage – allein in Sorgen – miteinander in Sorgen – jede, jeder von uns – sicher in sehr verschiedener Weise: Sorgen um die Energieversorgung – Sorgen um das soziale Miteinander unter schwierigen Bedingungen – Sorgen, die aus längst vergessen geglaubten Erinnerungen erwachsen – Sorgen um den Frieden, um das Leben überhaupt.


Aber auch Abraham und Sara hatten Sorgen – kann man wohl von ausgehen. Andere Sorgen gewiss als wir in der uns aufgenötigten anderen Welt: wohin wird es gehen? fragten sie sich. Wen werden wir treffen? Werden die Menschen freundlich mit uns sein? Werden wir genug zum Leben finden?  Abraham und Sara hatten andere Sorgen – aber wohl nicht weniger bedrängend als unsere.


Auch Abraham und Sara hatten Sorgen – und sie hatten diese Zusage von Gott: „Ich will dich segnen, ... und du sollst ein Segen sein!“ „Ich will euch segnen, ... und ihr sollt ein Segen sein!“ – Verheißung von Segen! Da hatten sie nun aber auch nicht so viel in der Hand, nicht wahr!? Segen!?


Und doch genügte es ihnen, wenn wir der alten Erzählung glauben: „Da zog Abraham aus, wie Gott zu ihm gesagt hatte!“ macht sich auf den Weg mit Sara, mit Lot bis nach Kanaan – lässt alles zurück im Land der Väter und Mütter im Vertrauen auf Gottes Segen.


Gottes Segen – da hat man nicht so viel in der Hand, nicht wahr!? Was ist das schon – Segen? Was bringt mir das? Was bringt das der Welt? Bringt mir das was – auch heute noch? Brachte das denen etwas, derer wir hier gedenken? Bringt das der Welt etwas in diesen schlimmen Tagen? Ist das nicht unmöglich, dass Gottes Segen etwas bringt?!


Ein Text von Dietrich Bonhoeffer dazu ist mir in den letzten Wochen wichtig geworden, hat mich überhaupt erst auf diese „Segensspur“ gebracht. 1944 hat Bonhoeffer ihn im Gefängnis in Tegel geschrieben – das ist lange nach Abraham und Sara gewesen – und doch auch schon lange her – 78 Jahre. Und auch Dietrich Bonhoeffer hatte Sorgen – andere gewiss als Abraham und Sara – und andere gewiss als wir heute – unvergleichbar. Er schrieb eine Meditation über die Losung vom 8. Juni 1944 aus dem 1. Petrusbrief: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem, oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern dagegen segnet und wisset, dass ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen erbet.“ (1. Petr 3,9, alle folgenden Zitate s.: Dietrich Bonhoeffer zum 8.6.1944 DBW 16, 657f).


Dietrich Bonhoeffer ordnet seine Gedanken selber ein „als nur in der Eile hingeworfen und vorher nicht formuliert“; Eberhard und Renate Bethge sind die Adressaten; seine Worte sollen ihnen „wenn möglich etwas helfen“, schreibt er. Mir jedenfalls haben sie geholfen, Gottes Segen für diese Welt noch einmal neu zu begreifen. Vielleicht hilft es auch Ihnen – selbst hier neben den Galgen von Plötzensee – in dieser plötzlich so anderen Welt.


Bonhoeffer schreibt:


Vom Segen Gottes und der Gerechten lebt die Welt und hat sie eine Zukunft. Segnen heißt, die Hand auf etwas legen und sagen: du gehörst trotz allem Gott. So tun wir es mit der Welt, die uns solches Leiden zufügt. Wir verlassen sie nicht, wir verwerfen, verachten, verdammen sie nicht, sondern wir rufen sie zu Gott, wir geben ihr Hoffnung, wir legen die Hand auf sie und sagen: Gottes Segen komme über dich, er erneuere dich, sei gesegnet, du von Gott geschaffene Welt, die du deinem Schöpfer und Erlöser gehörst.
Wir haben Gottes Segen empfangen in Glück und in Leiden.
Wer aber selbst gesegnet wurde, der kann nicht mehr anders,
als diesen Segen weitergeben, ja, er muss dort, wo er ist,
ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden. Dies Unmögliche ist der Segen Gottes.“


„Segnen heißt, die Hand auf etwas legen und sagen: du gehörst trotz allem Gott.“  Offenbar hatten Abraham und Sara eine Ahnung von dieser unmöglichen Erneuerung durch Gottes Segen – fühlten sich stark genug für den Weg in das unbekannte Land – haben später viel Segen weitergegeben an die, die nach ihnen kamen.


Offenbar hatte auch D.B. eine Ahnung von dieser unmöglichen Erneuerung durch Gottes Segen – durch den Segen der Gerechten – fühlte sich stark genug für seinen Weg – ist sehr viel später vielen anderen als Gerechter zum Segen geworden durch sein Leben, durch sein Denken, durch sein Schreiben.


Ich glaube, es ist gut und notwendig, sich daran zu erinnern – auch hier neben den Galgen von Plötzensee – in dieser plötzlich so anderen Welt: Gott kommt uns segnend entgegen – selbst in den schwierigsten Zeiten. Denn Leiden und Segen schließen einander nicht aus. „Wir haben Gottes Segen empfangen in Glück und in Leiden.“ schreibt D.B. Und deshalb „legen wir die Hand auf sie und sagen: Gottes Segen komme über dich, er erneuere dich, sei gesegnet, du von Gott geschaffene Welt, die du deinem Schöpfer und Erlöser gehörst.“


Sechs Wochen später schreibt er an anderer Stelle ebenfalls an Eberhard Bethge: „Übrigens muss ja auch im Alten Testament der Gesegnete viel leiden (...), aber nirgends führt das dazu, Glück und Leiden, bzw. Segen und Kreuz in einen ausschließlichen Gegensatz zueinander zu bringen. Der Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen Testament liegt wohl in dieser Hinsicht nur darin, dass im Alten Testament der Segen auch das Kreuz, im Neuen Testament das Kreuz auch den Segen in sich schließt.“ (Brief an Eberhard Bethge am 28.07.1944, DBW 8, 406f)


Genau wie schon Abraham und Sara – genau wie Dietrich Bonhoeffer und seine Zeitgenossen (auch Ihre Angehörigen bis hierher an die Galgen von Plötzensee und an anderen Orten) – genauso will Gott auch uns und diese Welt in all ihrem Leiden, in all ihren Herausforderungen segnend begleiten. Am Ende eines jeden Gottesdienstes steht daher diese Zusage von Gottes Segen für die Wege in die Welt. Wieder und wieder wird so Segen auf uns gelegt – auf Sie – auf dich – zu sagen: du gehörst trotz allem Gott – im Glück und im Leiden – im Schönen und im Schweren – auch wenn es dir ganz unmöglich scheint – Gott gehört trotz allem zu dir – sogar bei den Galgen von Plötzensee!


Und wie Abraham und Sara geben wir Segen weiter, legen anderen die Hände auf und sagen dieser Welt, die uns solches Leiden zufügt: du gehörst trotz allem Gott! „Wir verlassen sie nicht, wir verwerfen, verachten, verdammen sie nicht, wir geben ihr Hoffnung, wir legen die Hand auf sie und sagen: Gottes Segen komme über dich!“ Und das sogar in dieser Welt, die von einem Tag auf den anderen eine andere wurde – wie ein fremdes Land. Du gehörst trotz allem Gott!


Gottes Segen – da hat man nicht so viel in der Hand – und doch dürfen wir vertrauen: wir sind gesegnet und behütet – und wir tragen Gottes Segen in alle Winkel der Erde – lassen die Welt wissen: sie gehört trotz allem zu Gott – und Gott gehört trotz allem zu ihr. Auch wenn das manchmal ganz unmöglich klingt. „Dies Unmögliche ist der Segen Gottes.“ sagt Dietrich Bonhoeffer – der Segen Gottes, der durch uns in die Welt kommt – sogar in diese ganz andere Welt, in der wir seit dem 25. Februar leben. Amen.


Und der Friede Gottes, der höher ist als alles, was wir begreifen können, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.