Predigt

anlässlich der


Ökumenischen Andacht in der Gedenkstätte Plötzensee am 20. Juli 2021 um 10:00 Uhr


anlässlich des 77. Jahrestages des 20. Juli 1944


PER LIVESTREAM (ohne Publikum)


 – Pater Klaus Mertes SJ –


Texte: Psalm 91/Mt 4,1-11


Die Erinnerung an den Widerstand wird instrumentalisiert. Augenfällig ist das seit einiger Zeit der Fall bei Sophie Scholl. Sie wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Besonders schmerzlich dabei ist: Die Instrumentalisierung spaltet das Gedenken bis in die Familien und in die Angehörigenkreise hinein.[1] Das ist ein Warnsignal. Erinnern kann auch spalten, je nachdem, wie wir es tun, und welcher Geist uns dabei bewegt. Die Instrumentalisierung spaltet, und sie ist zugleich ein Symptom der Spaltung.


Im letzten Flugblatt der Weißen Rose steht zu lesen: „Freiheit und Ehre – zehn Jahre lang haben Hitler und seine Genossen die beiden herrlichen Worte bis zum Ekel ausgequetscht, abgedroschen, verdreht, wie es nur Dilettanten vermögen, die die höchsten Werte einer Nation vor die Säue werfen.“ Die Nazis haben „verdreht“. Die Formulierung führt in die Nähe der biblischen Versuchungsgeschichte. Dort wird auch mit Verdrehungen gearbeitet. „Teufel“ (diábolos) müsste eigentlich mit „Verdreher“ oder „Verwirrer“ übersetzt werden. In der Versuchungsgeschichte verdreht er den Sinn des Psalmenwortes. Hören wir noch einmal hin: „Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“ Im Mund des Verdrehers wird der Vers zur Falle, gerade auch im Angesicht des Kreuzes, und genauso auch hier, im Hinrichtungsschuppen von Plötzensee. Matthäus berichtet es so: „Der Teufel nahm ihn mit sich in die Heilige Stadt, stellte ihn oben auf den Tempel und sagte zu ihm: Wenn Du Gottes Sohn bist, so stürz dich hinab. Denn in der Schrift steht: Er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“ Also: „Stürz dich hinab – oder hast etwa keinen Glauben? Und wenn er sich nicht behütet, sondern dich am Kreuz oder am Galgen verenden lässt – dann weißt du es eben jetzt, dass er dich nicht behütet.“ Wer so spricht, hat zwar ebenso wenig Ahnung von Gottvertrauen wie die Nazis von Freiheit und Ehre. Aber es ist auch sehr geschickt: Wer dieser Logik auch nur den kleinen Finger reicht, wird mit Haut und Haar in sie hineingezogen.


Wie entkommt man der Täuschung, diesem Fall in den Abgrund des Misstrauens, und damit letztlich auch in den Abgrund der Irrationalität und des Kadavergehorsams? Andersherum gefragt: Wie findet man zu dem Nein, zum „Widersagen“ gegen die Täuschungslist. Die Männer und Frauen des Widerstandes fanden dazu. Sie fanden sogar zu einem Nein, das sie mit dem eigenen Leben zu bezahlen bereit waren. Doch wie fanden sie dazu, mitten in den Fallstricken der lügnerischen Heilsverheißungen? Es bedurfte sicherlich intellektueller Anstrengung. Aber diese allein reicht nicht. Es bedurfte der Erschütterung, einer Erschütterung, die so stark war, dass sie gerade nicht die Sicherheit der eigenen Meinung und des eigenen Urteils bestätigte, sondern diese oft genug hinwegfegte, insbesondere die Selbstsicherheit. Was dann blieb, oder was vielleicht überhaupt erst dann sichtbar wurde, war das Nein – das bedingungslose Nein zu den totalitären Unterwerfungsansprüchen, die hinter den Tricks der Instrumentalisierung lauern.


Eine Frau tritt auf einer Querdenker-Demonstration auf und sagt: „Ich fühle mich wie Sophie Scholl“. Das ist – um Begriffe aus dem letzten Flugblatt der Weißen Rose zu benutzen – „teuflisch“ verdrehend „und borniert“ zugleich. Mit Borniertheit kann man nicht diskutieren. Da hilft nur Widersagen: sich abwenden. Aber damit sind wir noch nicht aus dem Schneider. Denn die Frage geht ja auch an uns selbst. Sind wir frei von der Versuchung der Instrumentalisierung des Widerstandes? Ich jedenfalls nicht. Es gibt eine falsche Selbstverständlichkeit, mit der man sich auf die Tradition des Widerstandes beruft. Der Instrumentalisierung des Widerstandes widersteht man im Übrigen auch nicht, wenn man ihr mit Gegeninstrumentalisierungen begegnet. Das vertieft nur die Spaltung.


Heißt das also, dass wir verstummen müssen? Dass es kein Entrinnen aus der Instrumentalisierung gibt? Nein. Erinnerung findet in der Gegenwart statt. Ohne den Dialog mit der Gegenwart erstarrt die Erinnerung zum toten Ritual. Man entkommt der Falle der Instrumentalisierung nicht, wenn man in die bloße Historisierung flieht, oder in die rückwärtsgewandte Idealisierung, oder in die totale Entpolitisierung des Gedenkens. Vielleicht sind wir ja gerade in diesem Dilemma näher an den Frauen und Männern des Widerstandes dran, als wir ahnen. Sie mussten die Gegenwart vor dem Hintergrund ihrer Traditionen deuten, und ihre Traditionen vor dem Hintergrund ihrer gegenwärtigen Erfahrungen auf den Prüfstand stellen. Durch Erschütterungen und Verunsicherungen hindurch fanden sie zu dem starken Nein. Manch eine Verunsicherung bezog sich auch auf die eigene Tradition, zumal dann, wenn diese durch Instrumentalisierungen kontaminiert war. Der Keim des Selbstdenkens und Selbstwerdens musste überhaupt erst einmal wachsen dürfen, wieder wachsen dürfen. Auch das steht so im letzten Flugblatt der Weißen Rose: Es appelliert ja an „das aufkeimende Selbstdenken und Selbstwerten“, welches die Nazipropaganda „in einem Nebel leerer Phrasen zu ersticken“ versuchte. Und diese Gefahr des Erstickens war ja real.


Noch einmal kurz zu dem Psalmwort. Es ist ein Wagnis, diesen Vers im Angesicht der Galgen von Plötzensee auszusprechen: „Denn er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten. Sie tragen dich auf ihren Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“ Wenn man einmal alle Sicherheiten fallen lässt, dann ist allerdings gerade dieses Wort dran: „Er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten.“ Eine Heilszusage mitten im Unheil. Das Nein des Widerstandes lässt sich finden in der Geborgenheit der Behütung, an die keine Instrumentalisierung herankommt.


[1] Vgl. ZEIT-MAGAZIN, 6.5.2021, S.16: „In seiner Rede prangert Julian Aicher die Einschränkungen der Grundrechte an, vor ihm steht eine Vase mit weißen Rosen.“