Tradition und Auftrag des Soldaten

Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Gert Kohlberg

Tradition und Auftrag des Soldaten

Ansprache des Kommandeurs der 4. Jägerdivision Dr. Gert Kohlberg am 20. Juli 1977 anlässlich der Enthüllung einer Gedenktafel für General Eduard Wagner am Gebäude des Divisionsstabes in Regensburg

Hochverehrte gnädige Frau!

Sehr verehrte Gäste!

Soldaten des Divisionsstabes!

Ist dieser Tag heute, der 20. Juli 1977, ein Tag wie jeder andere? Was bedeutet er für uns, die wir hier versammelt sind? Für die Truppe und für ihre Offiziere? Welche Verbindung besteht zwischen uns und dem Mann, dessen wir heute besonders gedenken, dem General der Artillerie Eduard Wagner? Wenn eine solche Verbindung besteht, warum hat diese für uns Soldaten heute Bedeutung?

Wir haben uns hier zusammengefunden zur Ehrung eines Mannes, dessen militärische Laufbahn ihn in eine der großen Führungspositionen im Krieg brachte, dem als Generalquartiermeister des Heeres größte Erfolge in der Erfüllung seiner Pflichten beschieden waren und der, dem eigenen Gewissen folgend und nach eigener Verantwortung handelnd, im Widerstand gegen Unrecht und Verbrechen sein Leben einsetzte. Wir gedenken seiner am 20. Juli. Die Truppe ist dazu angetreten, die Öffentlichkeit nimmt teil, Angehörige und Vertraute aus damaliger Zeit begehen diese Feierstunde mit uns. So kreuzen sich heute hier Vergangenheit und Gegenwart, es treffen sich wie in einem Schnittpunkt Kräfte höchster soldatischer Pflichterfüllung im Kriege mit denen letzter Gewissensentscheidung zum Widerstand. Mit der Ehrung des Generalquartiermeisters des Heeres, des Generals der Artillerie Eduard Wagner, soll deutlich werden, dass diese Kräfte nicht in unvereinbarem Gegensatz zueinander stehen, und dass sie Wesensmerkmale dieses vorbildlichen Soldaten sind. Es soll die Erinnerung in der Truppe an General Wagner wach gehalten werden, denn die Truppe braucht Vorbilder.

Es ist mir daher eine besondere Ehre, zu diesem Anlass Sie, verehrte Frau Wagner, heute bei uns begrüßen zu dürfen, die Sie die kurze, aber nachhaltig erlebte Kommandeurzeit Ihres Gatten in Regensburg geteilt haben. Mit besonderer Freude begrüße ich den Herrn Regierungspräsidenten und den Herrn Bürgermeister und sehe in ihrem Besuch bei uns am heutigen Tage nicht nur den Ausdruck äußerer Verbundenheit, sondern auch den innerer Verbindung. Dass so viele ehemalige Untergebene und Freunde des Generals Wagner zum Teil sehr weite Reisen nicht gescheut haben, um in dieser kurzen Feierstunde bei uns zu sein, ehrt nicht nur nachträglich ihren ehemaligen Vorgesetzten. Es ist auch der hier angetretenen Truppe ein vorbildliches Beispiel für die Kraft der Kameradschaft über die Jahre hinaus. Ich danke Ihnen meine Herren ganz besonders, dass Sie heute gekommen sind.

Lassen Sie mich nun versuchen, eine Antwort auf die eingangs gestellten Fragen zu finden: Auf die Frage der Notwendigkeit und Richtung der Tradition in der Bundeswehr, nach der Bedeutung des 20. Juli vor allem für den heutigen Soldaten und nach unserer Beziehung hier in Regensburg zu General Wagner.

„Da der Geist in der Geschichte geworden, ist Geist ohne Geschichte nicht möglich,“ sagt Bruno Shell und fährt fort: „andererseits gibt es Traditionen ohne Geist, aus denen der Geist geschwunden ist. Die Tradition ist immer in Gefahr, geistlos zu werden.“

Es ist hier nicht der Ort, um die Notwendigkeit zu betonen, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen und der Erkenntnis Rechnung zu tragen, dass man aus der eigenen Geschichte nicht auswandern kann. Wer die Geschichte nicht kennt, kann auch ihre Auswirkungen nicht beurteilen. Mehr als andere Berufe will der Soldat seinen Auftrag, der sein Handeln bestimmt, richtig gedeutet wissen, und daher den geschichtlichen Zusammenhang erkennen. Tradition ist nicht Geschichte, denn Tradition dient der Erziehung. Soldatische Tradition leistet Erziehungshilfe durch Vorbild. Dort wo menschliche Bewährung notwendig wird, da gibt Tradition Halt und dort erzeugt Tradition Haltung. Es gilt also, den bleibenden Wert unseres sittlichen und geistigen Erbes zu erkennen, es bedarf der Auswahl aus der Geschichte, der Auswahl von Vorgängen und Menschen, ob sie beispielgebend für den uns heute gestellten Auftrag sind. Denn Tradition und Auftrag des Soldaten können nicht getrennt werden. Tradition soll uns helfen, unseren Auftrag in Krieg und Frieden zu erfüllen. Welche Werte sind es, die hierfür besonders traditionswürdig sind? Ich glaube, dass Freiheitsliebe und Rechtsempfinden, wie sie unser Auftrag im Eintreten für den freiheitlichen Rechtsstaat von uns verlangt, höchsten Ausdruck in der Tat jener Männer am heutigen Tage vor 33 Jahren gefunden haben. Sie bezeichneten als erstes Ziel, das Recht in Deutschland wiederherzustellen. So nannte Eugen Gerstenmaier auch den Rechtsstaat als das Vermächtnis des 20. Juli. Das Rechtsbewusstsein, so sagt er weiter, war das politisch wichtigste Stück der tradierten deutschen Gewissenskultur.

Das Widerstandsrecht, um höheres Recht auch unter dem Bruch von gesetzlichem Recht zur Geltung zu bringen, muss immer Ausnahmerecht sein. Es ist an den drei Kriterien zu messen, die Generaloberst Beck 1938 in seiner Denkschrift herausstellte: Wissen, Gewissen und Verantwortung. Tradition und Norm, die unerlässliche Notwendigkeit von Disziplin und Gehorsam, sowie der Loyalität gegen die Staatsführung als soldatische Kardinalstugend, stehen daher nicht im Gegensatz zu dem Ethos des Gewissens einer Ausnahmelage.

Der 20. Juli 1944 wurde nicht nur von den handelnden Offizieren getragen. Mit ihnen standen Männer aus allen Schichten unseres Volkes, der Kirche, der Gewerkschaften. Den verletzten Rechtsstaat gegen den erkannten Unrechtsstaat wiederherzustellen, war der Soldat wie auch jeder andere Staatsbürger zur Verantwortung aufgerufen. Allein die Tatsache, dass das Wissen im Kriege bei den führenden Soldaten größer war und die Möglichkeiten zum Handeln ebenfalls dem Soldaten eher gegeben waren, haben dazu geführt, dass der Soldat in den Vordergrund trat. Die Gruppe, die im Aufstand zur Waffe griff - ich zitiere nochmals Eugen Gerstenmaier - kam aus den Schichten Deutschlands, die ihre Söhne und Töchter in strengen ja geheiligten Traditionen erzogen hatten. Es war die gewissensbildende Kraft der Tradition deutschen Rechtsdenkens und der Loyalität gegenüber dem Rechtsstaat, die sich als treibende Kraft erwiesen.

Nur aus der vorhin von Generaloberst Beck genannten Verbindung von Wissen, Gewissen und Verantwortung ist Berechtigung und Entschluss zur Tat zu verstehen. Es kann auch kein Gegensatz bestehen zu jenen, die ohne dieses Wissen an der Front oder in der Heimat treu ihre Pflicht erfüllten. So kann der 20. Juli als Ausnahmesituation keine Verhaltensregel für tägliches Handeln geben. Die Männer des 20. Juli sind aber Vorbilder für Soldaten, weil sie in großer Einsamkeit ihrem Gewissen folgend ihr Leben für eine höhere Wertordnung einsetzten und opferten, weil sie bereit waren, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen. So sind sie uns - Beck und Stauffenberg, Tresckow und Wagner, Moltke und York, aber ebenso auch Goerdeler, Leber, Leuschner und Mierendorff, um nur wenige Namen zu nennen - traditionswürdige Vorbilder. Das Vermächtnis des 20. Juli für uns liegt darin, unseren Rechtsstaat so freiheitlich zu gestalten und unser freiheitliches Staatswesen so zu schützen, dass das Widerstandsrecht keine Anwendung zu finden braucht.

Der Generalquartiermeister des Heeres, General Eduard Wagner, trat früh in das Spannungsfeld militärisch-operativer und wirtschaftlicher - und damit politischer Probleme. Seine Tätigkeit wurde durch die Undurchsichtigkeit der obersten Spitzengliederung der Wehrmacht mit den durch Hitler bewusst verwischten Verantwortlichkeiten zwischen politischer Führung, OKH und UKW erschwert. Früh lernte er Parteieingriffe kennen und die Auswirkungen von Befugnissen der SS.

Der Verantwortungsbereich war groß. Die verschiedenen Kriegsschauplätze in Europa erforderten häufig kurzfristige und unterschiedliche Bevorratungen. Forderungen der Bundesgenossen mussten berücksichtigt werden. Die Gesamtversorgung des Heeres unter den Bedingungen der Wirtschaftslage Deutschland aufrecht zu erhalten, verlangte daher nicht nur eiserne Nerven, starken Willen, große Verantwortungsbereitschaft sondern auch unermüdliches Leistungsvermögen, höchstes Können und ungeheuren Fleiß, um die Arbeitslast zu bewältigen. Es liegt auf der Hand, dass in einer Persönlichkeit, die so viel Energie und Stoßkraft freisetzt, die das Unmögliche fordert, um das Höchstmögliche zu erreichen, auch Härte mitschwingt. Der General verlangte von seinen Untergebenen viel. War er aber einmal in ihrem Kreis ungezwungen, so konnte er fröhlich, schwungvoll und mitreißend sein.

Im Juli 1939 übernahm der Oberst Wagner das Artillerieregiment 10 in Regensburg. Er führte es nur zwei Monate als Kommandeur, eine zu kurze Zeit zum dauerhaften Kontakt mit der Truppe, und wurde am 9. August 1939 bereits wieder als Chef des Generalstabes des Quartiermeisters in das OKH gerufen. So ist er für das Regiment in dieser Zeit nicht zu der prägenden Persönlichkeit geworden, die er bei längerer Kommandeurzeit hier gewiss geworden wäre. Aus seinen Briefen an seine Frau klingt jedoch das Erlebnis dieser kurzen Zeit immer wieder nach. „Dem Regiment weine ich viele Tränen nach“, schreibt er, und noch Jahre danach spricht er häufig von Stimmungen „wie in Regensburg“. Sprachen seine Briefe 1940, aber auch 1941, vor allem von dem schweren physischen und psychischen Druck der Arbeit, von den großen Belastungen des unerhörten Tempos, so klingt aber doch die Freude und der Stolz über das Erreichte und auf die eigene Leistung berechtigterweise durch. „Man ist glücklich,“ so schreibt er während des Westfeldzuges, „dass man an diesem Geschehen mitarbeiten kann“. Generaloberst Halder würdigte die Leistung General Wagners in deren entscheidender Bedeutung für den Westfeldzug als ebenbürtig mit den Leistungen der Truppenführer.

Im Jahre 1941 beginnend, besonders jedoch 1942, führten die Tätigkeiten des Generalquartiermeisters zu Erfahrungen nicht nur im militärisch-operativen Gebiet, sondern auch auf dem Gebiet der Militärverwaltung, führten zu Wissen und Einsichten, die ihn zu immer stärkerem Widerstand gegen Hitler trieben. Der Gedanke an eine Versetzung von seiner Stellung wurde erwogen und verworfen, weil ihm zunehmend klarer wurde, dass er dort auszuharren hatte. Seine Stellung im OKH war längst eine Schlüsselstellung für den Widerstand geworden. Ab 1944 vertrat General Wagner in entscheidender Weise die Ansicht, den Krieg zu beenden, um zu verhindern, dass die Sowjetunion kämpfend in das Reichsgebiet eindringe. Es müsse daher mit allen Mitteln versucht werden, politisch zu einer Lösung zu kommen. Dies sei nur möglich, wenn Hitler nicht mehr an der Spitze des Reiches stehe. Wagner, so wird in einem Bericht Kaltenbrunners, Chef des SD, festgestellt, trieb am stärksten auf baldiges gewaltsames Vorgehen. Messen wir das Handeln General Wagners an den genannten Kriterien des Generaloberst Beck, dann erkennen wir, dass ihn sein Wissen über Unrecht und Verbrechen Hitlers in Verbindung mit seinem Gewissen zum Handeln trieb. Sein Verantwortungsbewusstsein ließ ihn so lange zögern, als keine angemessene Aussicht auf Erfolg bestand. Den Ausschlag gegeben zum Handeln hat dann die Einsicht, dass für die Rettung des Landes der letzte Zeitpunkt gekommen sei. Dass es zugleich vor der Welt und vor der Geschichte jetzt darauf ankäme, den Beweis zu erbringen, dass das Empfinden für Recht und für Freiheit in Deutschland nicht untergegangen sei.

So ist der 20. Juli nicht nach dem Erfolg zu beurteilen. Er ist auch als Opfergang zu werten. General Wagner gab sich selbst den Tod.

Für uns Soldaten ist mit der Errichtung des Steines hier am Divisionsstabsgebäude und der erinnernden Inschrift an den Generalquartiermeister des Heeres die Verpflichtung gebunden, mit seinem Gedanken die vorbildliche Haltung all jener Männer zu ehren, die die Flamme des Rechts und der Freiheit in Deutschland aufrecht erhalten haben.