Eine der wesentlichen Wurzeln unserer Tradition

Hans Peter von Kirchbach

Eine der wesentlichen Wurzeln unserer Tradition

Begrüßung durch den kommandierenden General des vierten Korps Generalleutnant Hans Peter von Kirchbach am 19. Juli 1998 in der Henning-von-Tresckow-Kaserne, Potsdam

Sehr geehrte Angehörige der Familie von Tresckow,

meine sehr verehrten Damen und Herren!

Zur traditionellen Gedenkveranstaltung des vierten Korps, hier in der Henning-von-Tresckow-Kaserne, aus Anlass des 54. Jahrestages des 20. Juli 1944 begrüße ich Sie alle ganz herzlich.

Besonders begrüße ich zunächst die Mitglieder der Familie von Tresckow, es ist uns eine Freude, dass Sie auch in diesem Jahr bei uns sind. An der Spitze der Familienmitglieder begrüße ich besonders herzlich Uta Freifrau von Aretin.

Mein besonderer Gruß gilt Herrn Ewald von Kleist. Ich werde ihn am Schluss meiner Begrüßung besonders einführen, obwohl der Träger des großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik mit Stern und Schulterband und der Manfred Wörner Medaille einer solchen Einführung eigentlich gar nicht bedarf. Es ist eine große Freude, Sie hier empfangen zu dürfen, und eine Auszeichnung, dass Sie zu uns sprechen werden.

Danke, dass Sie alle unserer Einladung gefolgt sind, Sie entschuldigen, dass ich nur einige wenige Gäste namentlich nennen kann:

Herrn Senator Schönbohm mit seiner Frau Gemahlin und Staatssekretär Borrmann natürlich mit den Vertretern aus dem Berliner Abgeordnetenhaus, Frau Abgeordnete Liessfeld wird auch einen Kranz niederlegen.

Die Herren Minister Platzeck und Fritsch, Staatssekretär Müller und die anderen Vertreter der Brandenburger Landesregierung sind genauso herzlich willkommen wie die Vertreter der Stadt Potsdam an der Spitze Frau Stadtpräsidentin Müller, die ebenfalls einen Kranz niederlegen wird.

Ich begrüße die Vertreter der Konsulate, für alle die Generalkonsule aus Spanien und Italien, des Bundes und der Länder, der Kirchen, der Stiftung 20. Juli, sie alle, die ich als Freunde des vierten Korps bezeichnen darf.

Zum nunmehr sechsten Mal seit der Verleihung des Namens „Henning von Tresckow“ für diese Kaserne im Jahr 1992 gedenken wir der Geschehnisse des 20. Juli 1994, dem „Aufstand des Gewissens“ des militärischen Widerstandes.

Wir gedenken jener Männer und Frauen, denen Henning von Tresckow am 21. Juli 1944 unter dem Eindruck des missglückten Aufstandes und schon im Angesicht des Todes folgende Zeilen widmete:

„Jetzt wird die ganze Welt über uns herfallen und uns beschimpfen. Aber ich bin nach wie vor der Überzeugung, daß wir recht gehandelt haben. Ich halte Hitler nicht für den Erzfeind Deutschlands, sondern auch für den Erzfeind der Welt. Wenn Gott einst Abraham verheißen hat, er werde Sodom nicht verderben, wenn auch nur zehn Gerechte darin seien, so hoffe ich, daß Gott auch Deutschland um unseretwillen nicht vernichten wird. Niemand von uns kann über seinen Tod Klage führen. Wer in unseren Kreis getreten ist, hat damit das Nessushemd angezogen. Der sittliche Wert eines Menschen beginnt erst dort, wo er bereit ist, für seine Überzeugung sein Leben hinzugeben.“

Wir, die Soldaten der Bundeswehr, tun gut daran, uns diese Dimension ethisch-moralischer Verantwortung immer wieder bewusst zu machen. Die Geschehnisse des 20. Juli 1944 begründen eine der wesentlichen Wurzeln unserer Tradition.

Wir pflegen die Tradition der Frauen und Männer des 20. Juli 1944, weil Bindung an Werte, Bindung an Gewissen, Bindung an Glauben letztlich höher zu stellen sind als Verpflichtung zum Gehorsam, selbst als einen Eid, weil Eid oder Gelöbnis, die die Soldaten der Bundeswehr leisten, eben an diese Werte gebunden sind.

Die Widerstandskämpfer, Henning von Tresckow selbst ist ein gutes Beispiel hierfür, haben sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht. Sie war mit schweren Gewissenskämpfen verbunden. Leichtfertigkeit hat hierbei auch keinen Platz. Mir scheint, dass heute das Wort Widerstand gelegentlich mit zu kleiner Münze gemessen wird.

Ihr meist weiter Weg führte vom Zweifel zur Kritik, von der Ablehnung des unmenschlichen Systems zur Erkenntnis der Notwendigkeit des Widerstandes und von dort zum Wagnis der Tat ohne Wissen um den Ausgang und unter bewusstem Einsatz des eigenen Lebens.

Beispiele für Gewissenstreue finden sich in der gesamten deutschen Geschichte. Dies festzustellen, schränkt die Einzigartigkeit der Frauen und Männer des 20. Juli nicht ein.

Nach meiner Meinung sollten wir bei unserer heutigen Diskussion um Tradition auch einmal intensiver dem Weg und Schicksal der Soldaten der kasernierten Volkspolizei nachgehen, die am 17. Juni 1953 den Einsatzbefehl verweigerten.

Uns bleibt die ernsthafteste Probe der Gewissenstreue erspart. Die Verpflichtung, die sich für uns aus dem Handeln der Widerstandskämpfer ableitet, ist, die Werte unseres Grundgesetzes couragiert nach innen und nach außen zu vertreten, auf der Grundlage unserer Verfassung zu leben, sie zu achten und an der Gestaltung des demokratischen Staates mitzuarbeiten. Hieraus erwächst unsere Legitimation als Soldaten der Demokratie.

Der Bundeswehr ist das Verhalten der Frauen und Männer des 20. Juli 1944 stete Mahnung, dass Gerechtigkeit das Fundament der Staaten sein soll und dass es ihre erste und vornehmste Aufgabe ist, Freiheit und Recht für die Bürger zu sichern und damit einen menschenwürdigen Frieden.

Der Soldat hat als Träger der bewaffneten Macht in der Gesellschaft eine besondere Verpflichtung zur Wachsamkeit, d.h. auch zur bewussten Beteiligung bei der Lösung von Problemen, beim Kampf gegen aufkommenden Extremismus. Soldaten haben damit eine ganz besondere Beziehung zum deutschen Widerstand, dem „Aufstand des Gewissens”.

All denjenigen, die in den letzten Monaten die Frage hinsichtlich der Traditionen unserer Bundeswehr diskutiert haben, kann ich antworten, dass wir, die Soldaten, uns in der Tradition der Geschehnisse des 20. Juli 1944 und damit jener Frauen und Männer sehen, die zu Tausenden – ihrem Gewissen folgend – ihr Leben für den Kampf gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime hingegeben haben. Dies verpflichtet uns, das Erbe zu bewahren. Dazu gehört ganz praktisch auch, die Stadt Potsdam bei ihren Überlegungen, der Ausstellung „Militärischer Widerstand gegen Hitler“ in einem wiederaufgebauten Turm der Garnisonkirche eine dauerhafte Heimat zu geben, entsprechend und überzeugt zu unterstützen.

Unser heutiges ehrendes Gedenken an diesem Ort gilt in besonderer Weise dem Namensgeber unserer Kaserne, Herrn Generalmajor Henning von Tresckow, Herz und Seele des militärischen Widerstands und seiner Ehefrau Erika, an deren Gedenkstein wir nach der Festansprache Kränze niederlegen werden.

Die Festansprache wird Herr Ewald Heinrich von Kleist halten, den ich hiermit noch einmal auf das Herzlichste in unserem Kreis begrüße.

Herr von Kleist wurde 1922 in Pommern geboren. Nach dem Abitur erlernte er die Führung eines landwirtschaftlichen Großbetriebes. Als Fahnenjunker diente er im Infanterie Regiment Neun in Potsdam, demselben Regiment, in dem auch Henning von Tresckow seine militärische Laufbahn begann.

Er gehörte zum aktiven Kreis des Widerstandes 20. Juli 1944, war Freund und Vertrauter von Stauffenberg. Weltweit bekannt wurde Ewald von Kleist, als er 1964 die Wehrkundetagungen, später Tagungen für europäische Sicherheitspolitik genannt, in München ins Leben rief und in eigener Verantwortung gestaltete.

Sicherheitspolitiker und hochrangige Militärs aus aller Welt tauschen hier ihre Ansichten aus. Außenminister, Verteidigungsminister des Bündnisses, auch der Bundeskanzler nutzten die Tagungen zum intensiven Gedankenaustausch. 1998 nahmen an der 34. Konferenz neben Bundeskanzler Kohl acht NATO-Verteidigungsminister und sieben US-Senatoren teil.

Die freie Rede, auch die streitbare, das Ausbreiten von Problemen, ohne Bindung an offizielle Marschrouten, Positionen und Rituale, sind Kenn- und Markenzeichen dieser Tagungen. Herbert Kremp hat 1996 unseren heutigen Redner wie folgt charakterisiert:

„Ewald von Kleist lenkte die große, knapp über 200 Personen umfassende Konferenz mit unnachahmlicher Souveränität.

Der Edelmann, ein ausgewiesener Widerstandskämpfer aus Sorge um Deutschland, Freund und Begleiter des Hitler-Attentäters Stauffenberg, baute die ‚Wehrkunde’ zu einer Institution aus, wie sie sonst nirgends im Westen existiert. Sie ist das Werk einer Persönlichkeit, der man jedes Staatsamt zutrauen durfte und die doch ‚privat’ blieb. Jeder Teilnehmer konnte sich vorstellen, dass er unter ihm, in welcher Funktion auch immer, hätte dienen können. Dies sicherte von Kleist eine Autorität und eine Fähigkeit, Menschen verschiedenen Amtes und unterschiedlicher Nationalität zusammenzuführen.

Es gelang nur mit Mühe, für ihn einen Nachfolger zu finden, die Schuhe erschienen manchem zu groß.“

Herr von Kleist, es ist eine Freude und Auszeichnung, Sie bei uns begrüßen zu dürfen. Ich darf Sie bitten, nun zu uns zu sprechen.






Weitere Reden

19.07.1998
Ewald Heinrich von Kleist