Eine Frage des Gewissens und der Moral

Ewald Heinrich von Kleist

Eine Frage des Gewissens und der Moral

Vortrag von Ewald Heinrich von Kleist am 19. Juli 1998 in der Henning-von-Tresckow-Kaserne, Potsdam

Wir sind heute zusammengekommen, um eines Mannes zu gedenken, der zu den edelsten und besten gehörte, die Deutschland in seiner schwärzesten Zeit hervorgebracht hat. Wir gedenken des Generals Henning von Tresckow. Ich will diesen Schlüsselsatz an den Anfang meiner kurzen Ausführungen stellen. Ein Satz, der sich leicht aussprechen lässt, dessen Extrakt aber von großer Aussage ist. Die Qualifikation, die über diesen Mann ausgesprochen wird, kann man nur verstehen, wenn man die katastrophale Lage Deutschlands nach 1933 kennt. Wie konnte es zu dieser Situation kommen? Wie war es möglich, dass der Nationalsozialismus sein verhängnisvolles Wirken praktizieren konnte? Für die heute Lebenden ist dies schwer vorstellbar. Und so verstehen wir im Wesentlichen eigentlich nicht, wie es damals war. Wir verlassen uns und müssen uns verlassen auf Tatsachen und Daten. Wir haben gewissermaßen nur ein Skelett vor uns, wir können uns aber kaum hineinversetzen in die Mentalität der Zeit, können nicht mehr nachempfinden die Gefühle und Emotionen, die die Menschen damals faszinierten. Das Dilemma ist, dass man heute die Folgen des Handelns von damals kennt. Die damals Handelnden kannten dies nicht. Die Situation Deutschlands war nach dem Ende des 1. Weltkrieges eine ungewöhnlich schwierige. Die wirtschaftliche Lage war enorm ernst; das politische System, das die Monarchie ablöste, war nicht für alle attraktiv. Die vielen Parteien, die es damals gab, führten zu unbefriedigenden Ergebnissen. Die Arbeitslosigkeit war außerordentlich hoch und ohne das dicht geknüpfte soziale Netz, das wir heute gewohnt sind. Die Not in Deutschland war groß. Zwei politische Richtungen machten nachdrücklich auf sich aufmerksam: die Kommunisten und die Nationalsozialisten.

Den Kommunisten begegnete ein großer Teil des Volkes mit äußerster Skepsis. Revolution, Spartakisten-Aufstand und die grauenhaften Vorfälle in Russland nach 1917 waren gut im Gedächtnis und allgegenwärtig. Demgegenüber versprachen die Nationalsozialisten vieles, was auf fruchtbaren Boden fiel, und es gelang ihnen, sich als Hoffnungsträger darzustellen. Der Anklang, den sie fanden, war groß und wurde nach der sogenannten Machtergreifung konsequent und unerhört wirkungsvoll ausgebaut.

Es ist oft die Frage gestellt worden, ob man die Verbrechen, die dieses Regime dann später begangen hat, nicht frühzeitig hätte erkennen können. Es war damals schwer, und nur sehr wenigen gelang es. Die übliche Vorstellung geht dahin, dass eine Diktatur – zu einer solchen entwickelte sich das damalige System sehr schnell – im Wesentlichen durch Terror herrscht – das ist unrichtig. Die Wirkung einer gut funktionierenden Diktatur beruht darauf, dass sie die Menschen zu Gläubigen macht, dass sie Menschen schafft, die sie bejahen, die mit Engagement mitarbeiten. Gewalt und Terror werden als notwendiges Korrektiv bereitgehalten. Auch gelang es dem Nationalsozialismus (und wir müssen das ganz klar sehen) wirkungsvoll an den Idealismus der Menschen zu appellieren, so dass zunächst auch etliche der später entschiedensten Regimegegner sich zum Nationalsozialismus hingezogen fühlten. Wir verstehen das heute schwer und wenn wir Bilder der damaligen Massenveranstaltungen sehen und die Reaktion der Menschen zur Kenntnis nehmen, so scheint uns dies unbegreiflich. Ganz so unbegreiflich ist es allerdings nicht, wenn man bedenkt, dass sämtliche Orientierungsmöglichkeiten durch Presse, Rundfunk usw. zentral gesteuert wurden und mit einer unerhörten Konsequenz im Sinne des Regimes eingesetzt wurden. Möglichkeiten, sein eigenes Urteil zu beeinflussen, waren erschwert. Die Möglichkeiten der Urteilsbildung durch ausländische Nachrichten waren begrenzt. Es gab sie wenig. Das Abhören ausländischer Nachrichtensendungen wurde später sogar mit dem Tode bestraft. Der Höhepunkt der Idiotisierung war Goebbels berühmte Rede im Sportpalast, wo er fragte: „ob das Volk den totalen Krieg wollte“. Und die Antwort war ein unverständlich begeistertes „Ja“. Diejenigen, die dieses „Ja“ ausriefen, waren auch Soldaten, die die Grauen des Krieges ausreichend erlebt hatten, es waren Zivilisten, die den Bombenkrieg mehr als genug am eigenen Leibe gespürt hatten.

Wir, die wir in einer freien Welt leben, können den Schablonisierungs- und Vermassungsprozess, der dem Nationalsozialismus mit unerhörter Virtuosität gelang, kaum nachvollziehen, aber wir sollten nicht zu hochmütig sein. Die Vorstellung, dass Menschen durch eigenständiges Nachdenken zu einem selbständigen Urteil kommen, ist nicht unlimitiert anwendbar. Beeinflussungen in der Auffassung in unserem Denken gibt es auch heute noch. Wir unterliegen den Prozessen einer allgemeinen Urteilsbildung. Man braucht sich nur an Bilder zu erinnern, die wir bei Konzerten, den sogenannten Rockkonzerten, gesehen haben, und bei denen die Menschen in extreme Verzückung geraten bis zur Ohnmacht. Ein anderes Beispiel ist unsere Einstellung zu den Soldaten. Bis zum 8. Mai 1945 glaubte der Großteil der Deutschen, dass „Soldat sein“ richtig und gut sei. Nach dem 8. Mai 1945 bekamen wir das „Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus“ und nach einiger Zeit war das deutsche Volk der Meinung, dass das „Soldat sein“ etwas ganz besonders Schlechtes und Falsches sei. Nach der Wiederbewaffnung 1954 hat sich dies wiederum geändert. Die Masse unseres Volkes findet heute, dass Soldat sein notwendig und richtig ist. Dies ist ein Wechsel um drei Mal 180° in neun Jahren – das ist bemerkenswert!

Trotz der offensichtlichen Erfolge, die der Nationalsozialismus in den dreißiger Jahren hatte, und der Bewunderung, die ihm zuteil wurde – nebenbei gesagt auch vom Ausland in nicht geringem Ausmaß – gab es frühzeitig Menschen bei uns, die die verbrecherische und verderbliche Entwicklung vorhersahen. Die Frage ist nun, gibt es ein festes Datum, von wann an man sehen konnte, wohin die Entwicklung gehen würde? Die Antwort ist ja. Es ist der 30. Juni 1934, der sogenannte Röhm-Putsch, den es faktisch nie gegeben hat. Die SA hatte gar keinen Putsch vor, sie hatte allerdings den Plan, ein Reichsheer aufzubauen, bei dem sie die Reichswehr aufnehmen wollte, für sich aber die entscheidenden Positionen vorgesehen hatte. Hitler erkannte die Gefahr, die ihm aus einer derartigen Entwicklung der SA erwachsen könnte und liquidierte einen wesentlichen Teil der SA-Führer unter dem Vorwand, es handle sich um einen Staatsnotstand. Ein unhaltbares Argument, denn wenn die angeblichen Verschwörer verhaftet sind, braucht man sie nicht zu erschießen, sondern kann sie vor Gericht stellen. Dieses war für alle erkenntlich, und es ist hier das Unerhörte geschehen, dass der Staat erkennbar für jeden zum ersten Mal als Staat zum Mörder wurde. Es wurden bei dieser Gelegenheit nicht nur SA-Führer ermordet, von denen einige bemerkenswert obskure und grauenhafte Personen waren, – das fiel auf eine positive Resonanz – sondern es wurde auch eine nicht geringe Anzahl anderer missliebiger Personen, die mit der SA nichts zu tun hatten, u.a. auch zwei Generäle der Reichswehr, umgebracht, der eine gleichzeitig mit seiner Frau. Ebenso ermordet wurde einer der engsten Mitarbeiter des Vizekanzlers der Reichsregierung, des Herrn von Papen.

Der Reichswehr-Führung waren die Intentionen der SA bekannt und die Ausschaltung der SA angenehm. Tatsächlich ist dies ein ganz unerhörter Vorgang. Die Reichswehr-Führung nahm es hin, nicht nur, dass gemordet wurde, sondern sie nahm es auch hin, dass ihre eigenen Leute umgebracht wurden. Sie reagierte nicht, was damals nicht nur leicht, sondern man muss wohl auch sagen selbstverständlich hätte sein sollen. Dies ist der erste ungeheure Rückgratbruch und Hitler wusste von da an, dass er von der militärischen Führung keine ernsthaften Schwierigkeiten zu erwarten haben würde. Dies bestätigte sich bei der Judenverfolgung, die auch für jedermann sichtbar war und bei der sogenannten Fritsch-Krise, wo mit dem Oberbefehlshaber des Heeres in einer geradezu schamlosen Weise umgegangen wurde. Die Generalität tat nichts – ein zutiefst beschämender Vorgang!

Die ablehnende Haltung, die bei der militärischen Führung gegen Hitlers Kriegsziele recht weit verbreitet war, wurde nicht in die Realität umgesetzt und durch die Erfolge der einzelnen Feldzüge vor 1941 erstickt. Ich will auf die Phasen dazwischen hier nicht näher eingehen.

Unabhängig von dem Vorhergesagten entwickelten sich Hitlers verderbliche Vorstellungen sichtbar, insbesondere vor dem Beginn des Russlandfeldzuges, in aller Klarheit. Da die Hoffnung, dass die oberste Wehrmachtführung sich zu Aktionen durchringen würde, immer mehr schwand, bildete sich eine Gruppe jüngerer Offiziere, die entschlossener und handlungsbereiter waren, Widerstand zu leisten. Wenn man heute von Widerstand spricht, so hat man gelegentlich den Eindruck, dass es eine bestimmte Organisation gab; das ist natürlich nicht richtig. Eine feste Organisation konnte es in einem Polizeistaat gar nicht geben. Vielmehr waren es lose Gruppen von Persönlichkeiten, die sich zum großen Teil untereinander kannten und die sich in unterschiedlicher Form um eine prägende Persönlichkeit scharten. Zu einer der ganz wesentlichen Säulen dieses Widerstandswillens entwickelte sich die Heeresgruppe Mitte unter der Führung des Generalstabsoffizier, des Eins A der Heeresgruppe, des Oberst Henning von Tresckow. Über die Bedeutung und Möglichkeit des Generalstabsoffiziers herrschen heute zum Teil wirre Vorstellungen. Der Generalstabsoffizier ist Führungsgehilfe. Er handelt namens und im Auftrag seines Oberbefehlshabers. Er verfügt nicht über ein eigenes Truppenkommando. Ebenso sind die Vorstellungen über die territorialen Verhältnisse bei vielen nicht ganz klar. Es gab die Front; es gab die sogenannten rückwärtigen Heeresgebiete, ein schmaler Streifen, für den die Armee zuständig war, und es gab dann die großen Gebiete, die unter Zivilverwaltung standen. Selbstverständlich gab es auch hier Truppenteile, Ortskommandanturen, es gab Nachschublager usw. Die Zuständigkeit lag aber hier nicht mehr beim Heer.

Bei der Heeresgruppe Mitte kamen mit Oberst von Tresckow wesentliche und extrem günstige Faktoren für den Widerstand zusammen. Widerstand in einer Diktatur, die bereit ist, ihre Machtmittel rücksichtslos einzusetzen, kann natürlich nur wirkungsvoll geleistet werden von Positionen aus, die ebenfalls über Macht verfügen. Das war naturgemäß das Militär. Der erste Generalstabsoffizier einer Heeresgruppe verfügte sicherlich über mehr konspirative Möglichkeiten als die meisten anderen. Hinzu kamen aber – und das ist von entscheidender Bedeutung – die ungewöhnlichen menschlichen Qualitäten des Oberst von Tresckow. Ein Mann, der durch und durch moralisch gefestigt war, mit unerschütterlichem Glauben, der festen Überzeugung, dass das Böse mit allen Mitteln bekämpft werden müsste, großer Zähigkeit, Widerstandskraft gegen Enttäuschungen – und der Fähigkeit, Menschen zu überzeugen und zum Richtigen zu führen. Er sammelte um sich ähnlich gelagerte Persönlichkeiten und wurde zu einer zentralen Figur der aktiven Bestrebungen zum Umsturz, nachdem seine Versuche, die Oberbefehlshaber der Heeresgruppen zum Handeln zu bewegen, am Unvermögen der Betreffenden gescheitert waren.

Es ist erstaunlich, mit welcher Energie und Umsicht unter seiner Leitung gut angelegte und erfolgversprechende Umsturzversuche geplant und in die Wege geleitet wurden, die dann durch die merkwürdigsten Zufälle zum Teil scheiterten. Was muss in einem Mann wie ihm an Enttäuschungen vorgegangen sein, durch Jahre hindurch zu erleben, wie das, was er mit allen seinen Kräften erstrebte, nicht durchgeführt werden konnte. Trotzdem, er hat nie aufgegeben. Welche Kraft muss dieser Mann gehabt und welcher Glaube muss ihn getragen haben.

Auch der geniale Plan „Walküre”, der ein wesentlicher Bestandteil des 20. Juli 1944 wurde, stammt zum Teil von ihm. Über die Schwierigkeiten, das damalige Regime zu stürzen, macht man sich heute nur sehr schwer die richtigen Vorstellungen. Es gab drei große Abschnitte, jeder für sich unerhört problematisch, die koordiniert werden mussten.

Das erste, das Attentat selber. Durch die außerordentlichen Schutzmaßnahmen, mit denen Hitler sich umgeben hatte, war dies in der Praxis ein enormes Problem geworden, das nur sehr, sehr schwer lösbar war, schon deswegen, weil es kaum Leute gab, die an Hitler herankamen. Der Tod Hitlers, und nach Möglichkeit gleichzeitig Himmlers und Görings, wurde auch deswegen von den jüngeren Offizieren schon für notwendig gehalten, um die Eidesverpflichtung auf Hitler, die für viele von großer Bedeutung war, zu lösen. In der Tat war es so, dass sich sehr häufig Menschen mit dem Hinweis auf ihre Eidesverpflichtung weigerten, sich an Maßnahmen zu beteiligen. Wie weit so etwas wirklich Überzeugung war oder eine Exkulpation, ist natürlich nicht feststellbar.

Der zweite Abschnitt war die Übernahme der vollziehenden Gewalt, vor allen Dingen in der Heimat, um schnell die notwendigen Maßnahmen, wie Besetzung des Rundfunks, Ausschaltung von Gegenaktionen der SS, die notwendigen Verhaftungen usw. durchführen zu können. Hierfür war die Grundlage der vorher erwähnte Walküre-Plan.

Drittens mussten an den Fronten die erforderlichen Maßnahmen veranlasst werden.

Die Beurteilung dieser Epoche und der handelnden Personen unterliegt in einigen Abschnitten der versuchten Veränderung. Während des Nürnberger Prozesses und in den nachfolgenden Jahren war die Wehrmacht relativ wenigen Vorwürfen – verglichen mit anderen Organisationen – des Nationalsozialismus ausgesetzt. Dies hat sich in der letzten Zeit etwas gewandelt, beginnend mit dem unsäglichen Urteil: Soldaten sind Mörder, dem Goldhagen-Buch, dem der Siedlerverlag zu großem Erfolg verholfen hat, und der Ausstellung: „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht.“ Über das Buch und über die Ausstellung ist genug gesagt worden. Auch die Bundeswehr kommt heute gelegentlich in eine schwierige Lage hinsichtlich des Neonazismus. Es ist kaum vorstellbar, dass es heute, nachdem wir alle wissen, was geschehen ist, Neonazis gibt. Es ist aber so. In einem Volk von 80 Millionen, wie dem Deutschen, gibt es eine ganze Reihe von Mördern, es gibt eine Anzahl von Räubern, es gibt eine Anzahl von Dieben. So ist es wohl auch nicht überraschend, dass es eine Anzahl von politisch Abartigen gibt. Gott sei dank ist ihre Zahl klein und dort, wo sie erscheinen, und dies geschieht vor allem bei der Bundeswehr, wird mit dem notwendigen Ernst dagegen vorgegangen. Ich glaube, dass man für die Bundeswehr nicht eine extra Skala einrichten sollte. Die Bundeswehr kriegt ihre Soldaten als vorgeformte Leute, sie kann nicht nachholen, was Gesellschaft, Elternhaus und Schule versäumt haben. Trotzdem glaube ich, es gibt wenig Organisationen oder keine, die sich so ernsthaft um dieses Problem bemühen wie die Bundeswehr, und ich denke, dass die Bundeswehr in dieser Hinsicht unser Vertrauen verdient und es wäre doch ganz gut, dass dort, wo es gerechtfertigt und richtig ist, sich mehr Leute vor unsere Bundeswehr stellen.

Es ist notwendig und richtig, Verbrechen, die begangen worden sind, nicht unter den Teppich zu kehren, sondern sie aufzuzeigen, und natürlich ist die Wehrmacht auch an Verbrechen beteiligt gewesen. Es ist falsch, wenn man hier irgendwie daran herumdeuteln würde. Es gibt kein „Wenn“ und kein „Aber“. Was den Wert von Aufklärungsversuchen allerdings mindert, ist Generalisierung und Sippenhaftung. Schuld kann nur dem Einzelnen zugemessen werden, nicht aber in corpore. Schuld richtet sich nach Kenntnis, Möglichkeiten, Handeln oder Nichthandeln.

Nach 1945 waren wir uns alle einig, dass eine der perfidesten Erfindungen der Nazis die Sippenhaftung war. Leider distanzieren wir uns in der Praxis durchaus nicht immer davon. Die tiefgründige Erkenntnis, dass Hitler keinen Krieg ohne die Wehrmacht hätte führen können, ist natürlich richtig. Aber auch ohne die Eisenbahner wäre der Krieg nicht möglich gewesen und auch nicht ohne die Hunderttausenden von Frauen und Männern, die in der Rüstungsindustrie die Voraussetzung zur Kriegsführung mit geschaffen haben. Tatsache ist, dass es dem Nationalsozialismus gelungen ist, das ganze Volk für seine verbrecherischen Ziele zu missbrauchen. Dieses ist zwar bitter, aber ich fürchte, wir kommen nicht darum herum.

Das Verbrechen des Nationalsozialismus wird simplifiziert im Holocaust festgestellt und darunter versteht man die Ermordung der Juden. Tatsächlich sind aber nicht nur Juden ermordet worden, sondern ebenfalls viele andere. Es sind Menschen ermordet worden, weil der Staat das Recht gebrochen hat. Es herrscht Konsens über diesen Teil des nationalsozialistischen Verbrechens.

Ein anderes Verbrechen, das sich strafrechtlich nicht erfassen lässt, aber ebenfalls von ungeheurer Wirkung war, ist der Missbrauch und die Verführung des deutschen Volkes zu verbrecherischem Tun.

Im Zuge der neueren Betrachtung gibt es nun auch Leute, die sich mit den Personen des Widerstands in einer eigenen Art beschäftigen. Da gibt es zum Beispiel einen Christian Gerlach, der sich intensiv bemüht, die Verstrickungen der Widerstandskämpfer in die verbrecherischen Maßnahmen des Regimes nachzuweisen. Er spezialisiert sich hier vor allem auf die Personen um Henning von Tresckow bei der Heeresgruppe Mitte. Seine Ausführungen sind höhnisch, bösartig, dilettantisch und unseriös und von einer klaren Zielsetzung getragen, so dass man darauf nicht näher eingehen muss. Es stellt sich die Frage: Darf man so etwas? Die Antwort ist ein deutliches Ja. Man darf falsche, dumme und auch bösartige Sachen sagen. Das ist ein Teil der Freiheit, für die Männer wie von Tresckow gekämpft haben. Es ist aber auch Teil der Freiheit, diese Bestrebungen aufzuzeigen.

Aufmerken lassen einige Ausführungen des Prof. Hans Mommsen. Auch er beschäftigt sich mit den Vorfällen bei der Heeresgruppe Mitte, insbesondere der Partisanenbekämpfung und Judenverfolgung, wobei er davon ausgeht, dass man bei den Offizieren die Gleichsetzung Partisanen – Bolschewiken – Juden annehmen kann. Das ist vollkommen irrig. Die Partisanenbekämpfung war für die Truppe ein außerordentlich schwieriger und verlustreicher Kampf, der von beiden Seiten mit großer Härte geführt wurde. Dass die Partisanen bolschewistische Vorstellungen hatten, ist nicht weiter überraschend. Die Judenverfolgung hatte damit aber nichts zu tun. Dass sie stattfand, ist selbstverständlich unbestritten. Aber Mommsen hat die Vorstellung, dass die ausgeprägte antibolschewistische Orientierung der meisten hohen Offiziere Grundlage für das vorbehaltlose Akzeptieren des Hitlerschen Vorgehens gewesen wäre. Es ist zwar richtig, dass die antibolschewistische Vorstellung weit verbreitet war, die Schlussfolgerung, die Mommsen daraus zieht, stimmt nicht. Wir haben uns teilweise eine sehr eigenartige Werteskala zu eigen gemacht. Es hat sich die Vorstellung herausgebildet, dass alles, was man mit dem Etikett „Faschismus und faschistisch“ belegen kann, schlecht ist und alles, was antifaschistisch ist, das Prädikat „gut“ verdient. Wer also gegen Faschismus eingestellt war oder gekämpft hat, verdient automatisch das Prädikat „gut“. Das ist vollkommen falsch. Gut ist ein politisches Regime, das das Recht schützt und das Recht zur Grundlage seines Handelns macht. Schlecht und verderblich ist ein Regime, das das Recht bricht und mit Füßen tritt, wobei es vollkommen gleichgültig ist, ob dieses Regime braun, rot oder eine sonstige Farbe hat.

Eine andere erstaunliche Erkenntnis, zu der Mommsen gekommen ist: Die Persönlichkeiten des Widerstandes hätten auf zwei Schultern getragen und ihr Handeln sei aus der Erkenntnis der militärischen Katastrophe entstanden, ist äußerst befremdlich. Wer so etwas sagt, hat das Wesentliche nicht verstanden. Die Bemühungen, das Regime zu stürzen, begannen viel früher, bevor die militärische Lage sich katastrophal entwickelte.

Diese Offiziere wollten das Regime stürzen, weil sie sich schämten, man kann sagen zu Tode schämten, was im deutschen Namen an Verbrechen begangen wurde, und das Wissen um diese Verbrechen, das war es, was sie zu Gegnern dieses Regimes gemacht hat. Es war also eine Frage des Gewissens und der Moral, die sie handeln ließ und nicht eine Frage des Opportunismus, wie man ihnen das unterstellen will. Für Opportunismus stirbt man nicht! Es wird ihnen vorgeworfen, dass sie Befehle und Papiere abgezeichnet haben, aus denen die unheilvollen Maßnahmen klar hervorgingen. Das stimmt.

Ein anderer entscheidender Punkt war aber: Was hätten sie anderes tun sollen? Natürlich hätte es die Möglichkeit gegeben, sich hinzustellen und zu sagen, ich bin gegen diese Verbrechen, und sich erschießen zu lassen.

Es ist wohl ziemlich sicher, dass einige dazu bereit gewesen wären. Sie haben es schließlich dann auch bewiesen, aber es hätte mit Sicherheit die Möglichkeit eines Handelns, das zur Beseitigung des Nationalsozialismus geführt hätte, verhindert. Die pharisäerhafte Hybris, mit der von einigen Leuten heute Schuldzuweisungen vorgenommen werden, ist ekelerregend.

Statt dessen sollten sich diese Leute einmal fragen, wozu sie unter diesem entsetzlichen Druck bereit gewesen wären. Uns bleibt die Erkenntnis und das Wissen, dass wir in Deutschland einen Mann gehabt haben wie den General von Tresckow, der bereit war, zu sterben, um uns von diesem Verbrecher zu befreien. Mehr kann ein Mensch nicht tun.







Weitere Reden

19.07.1998
Hans Peter von Kirchbach