Eintreten für den Rechtsstaat und die Bürgerrechte

Robert von Steinau-Steinrück
Eintreten für den Rechtsstaat und die Bürgerrechte
Ansprache des Vorsitzenden des Vorstands der "Stiftung 20. Juli 1944" Prof. Dr. Robert von Steinau-Steinrück am 19. Juli 2017 im Berliner Rathaus
Liebe Angehörige und Gäste,
Ihnen liebe Frau Bürgermeisterin danken wir für Ihre Worte und ebenso, dass Sie uns hier im Roten Rathaus empfangen.
Seit 1952, also seit 65 Jahren lädt der Berliner Senat die Angehörigen derjenigen, die im Widerstand waren, zu sich ein. Auch das ist schon eine kleine Tradition. Für die Angehörigen ist es nicht nur ein jährliches Widersehen, sondern der Auftakt zu den jährlichen Gedenkfeiern zum 20. Juli 1944.
Das Erinnern an diesen Widerstand hat seinen Bezugspunkt in der Vergangenheit, wirkt aber sinnstiftend auf unsere Gegenwart und Zukunft. Dass ein Eintreten für den Rechtsstaat und für Bürgerrechte aktüll erforderlich ist und bleibt, können wir beispielhaft allein den heutigen Nachrichten entnehmen: eine aktülle Umfrage an 21 Berliner Schulen bestätigt, dass antisemitische Stereotype und Feindbilder an einigen Schulen stark präsent sind.
Uns, der Stiftung 20. Juli 1944 ist das Erinnern an den Widerstand gegen das Unrechtsregime des Nationalsozialismus in seiner ganzen Breite wichtig. Auch wenn sich dieser Widerstand auf ganz Deutschland bezog, kann ihm nirgendwo so nachgespürt werden wie hier in Berlin. Unter den vielen Aktivitäten der Stiftung und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im letzten Jahr möchte ich beispielhaft an eine Veranstaltung erinnern, die am 1. Juni stattgefunden hat: es war das Gespräch, bzw. die Begegnung zwischen Maria Theodora von dem Bottlenberg-Landsberg und Bärbel Schindler-Saefkow. Die eine, Tochter des katholisch-konservativen Widerstandskämpfers Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg, die andere Bärbel Schindler-Saefkow die Tochter von Änne und Anton Saefkow, die im kommunistischen Widerstand aktiv waren. Die Verschwörer hatten im Sommer 1944 auf Vorschlag von Julius Leber und Adolf Reichwein (und mit Unterstützung von u. a. Stauffenberg und meinem Grossvater Schulenburg) Kontakt zu der Saefkow-Jacob-Bästlein-Gruppe aufgenommen. Tragischerweise wurden sie beim zweiten Treffen am 4. Juli von einem Spitzel innerhalb des kommunistischen Netzwerks verraten, was zur Verhaftung und späteren justizförmigen Ermordung der meisten Beteiligten führte. Beide Töchter sind promovierte Historikerinnen. Die eine hat den schwierigen Umgang mit dem Widerstand in der Bundesrepublik miterlebt, die andere den - nicht weniger schwierigen - in der DDR.
Das Fördern der Kontakte zwischen den einzelnen Widerstandsnetzwerken, der vorurteilsfreie, aber auch präzise Blick auf den Widerstand in seiner ganzen Bandbreite - das ist der Stiftung ein Anliegen und muss es uns allen sein. Die Wiedervereinigung hat die beeindruckende Begegnung der beiden Fraün möglich gemacht. Die Brücken, die beide geschlagen haben und schlagen, sind exemplarisch und haben ihren Wert für die Zukunft.
Wir, die Stiftung wie die Forschungsgemeinschaft möchten gerade durch unsere Ausstellungen und Aktivitäten dazu beitragen, dass sich vor allem die Jugendlichen und Jungen mit extremistischen Denkweisen auseinandersetzen und sie dann auch als solche entlarven können, wie es die Bundeskanzlerin einmal ausgedrückt hat.
In diesem Sinne werden sich morgen Vormittag bei dem Jugendworkshop Jugendliche mit einem Audio-Video-Guide über das Widerstandsnetzwerk der Rote Kapelle beschäftigen, dem etwa 150 Regimegegner und Gegnerinnen angehörten. Der Audio-Video-Guide, der als App auf das Smartphone geladen werden kann, erzählt ihre Geschichte. Die Nutzer bewegen sich zwischen den Zeiten, damals und heute. Gestaltet hat diesen Guide der Künstler Stefan Roloff. Ihm gebührt für seine künstlerische Leistung ein grosses Kompliment. Er hat auch selbst einen biographischen Bezug als der älteste Sohn von Helmut Roloff, der Pianist war und sich selbst der Roten Kapelle angeschlossen hat.
Möglich gemacht hat diesen Audio-Video-Guide die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, mit der wir eng und gut zusammenarbeiten. Dem gesamten Team unter der Leitung von Prof. Johannes Tuchel danken wir ausserordentlich für die intensive Zusammenarbeit und für ihre zahlreichen Veranstaltungen und Aktivitäten.
Die morgige Feierstunde veranstaltet die Stiftung gemeinsam mit der Bundesregierung. In diesem Jahr oblag die Auswahl des Redners der Stiftung. Wir freün uns auf die Rede von Gerhard Baum. Er hat sich sowohl in seiner Zeit als aktiver Politiker als auch danach für Menschen und Bürgerrechte eingesetzt. Umso erfreulicher, dass die FAZ morgen im Feuilleton (auf S. 3) seine Rede in voller Länge abdrucken wird.
Wir danken Ihnen, lieber Frau Bürgermeisterin Pop und dem Senat von Berlin für die fortdaürnde und bewährte Unterstützung und Zusammenarbeit. Auf dieser Grundlage wird die Stiftung ihren Beitrag zu unserer gemeinsamen Erinnerungsarbeit weiterhin gerne leisten.

Weitere Reden

19.07.2017
 Ramona Pop
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