Engagieren wir uns jetzt

Prof. Dr. Robert von Steinau-Steinrück


Begrüßung des Vorstandsvorsitzenden der Stiftung 20. Juli 1944 bei der Gedenkfeier im Ehrenhof der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin am 20. Juli 1944


Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin,
liebe Angehörige,
sehr geehrter Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichts,
Exzellenzen,
sehr herzlich begrüße ich unseren früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck,
Frau Bundesministerin Kramp-Karrenbauer,
Herrn Bundesminister Spahn,
Herrn Bundestagsvizepräsident Oppermann,
Herrn Ministerpräsident Bouffier,
Herrn Regierenden Bürgermeister Müller,
und Herrn Präsidenten Wieland,
sehr geehrte Repräsentanten des Bundes und der Länder,
sehr geehrte Gäste,


Sie alle begrüße ich sehr herzlich zur Feierstunde der Bundesregierung und der Stiftung 20. Juli 1944. Der 20. Juli bewegt uns auch nach 75 Jahren, das zeigt die große Anzahl der Anwesenden, darunter mehr als 700 Angehörige über vier Generationen. Stellvertretend für alle Angehörigen heiße ich ganz besonders Sie, liebe Frau von Hammerstein willkommen, Ehefrau von Franz von Hammerstein.


Auf Anregung der Frauen der ermordeten Widerstandskämpfer gibt es diese Feierstunde seit 1952. In dem Zusammenhang freuen wir sehr, dass der Deutsche Bundestag vor wenigen Tagen einen Antrag verabschiedet hat, der ausdrücklich den Widerstand der Frauen anerkennt und würdigt.


In der Nacht zum 21. Juli 1944 hat Hitler in seiner Radioansprache die Beteiligten des Aufstands als eine „ganz kleine Clique“ „reaktionärer Offiziere“ bezeichnet. Diese Formulierung der Nazi-Propaganda ist leider tief in das kollektive Bewusstsein der Deutschen eingesunken und wirkt bis heute nach. Die Historikerin Linda von Keyserlingk-Rehbein hat in ihrer wichtigen Arbeit über das Netzwerk des 20. Juli belegt, dass tatsächlich rund 200 Personen in die Vorbereitung von Attentat und Staatsstreich eingebunden waren. Sie kamen aus unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten und es waren neben den Offizieren eben auch viele Zivilisten.


Wie in der gestern eröffneten Ausstellung über die frühe Erinnerung an den 20. Juli zu sehen, heißt es in der bei Grundsteinlegung unter der Bronzestatue hier eingelassenen Pergamentrolle u.a.:


“Berlin ehrt durch diesen Gedenkstein alle Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus“.


Das ist auch unser Anliegen: wir möchten an den gesamten Widerstand erinnern; also auch an Georg Elser und die Geschwister Scholl, den Kreisauer Kreis, die „Rote Kapelle“, das kommunistische Netzwerk um Anton Saefkow, den Widerstand aus der Arbeiterbewegung ebenso wie den bürgerlichen, den christlichen und den militärischen Widerstand, oder an Widerstandsgruppen wie „Onkel Emil“, die „Europäische Union“ und die „Edelweißpiraten“ in Köln, um nur einige zu nennen. Hier in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand werden sie alle zu Recht gewürdigt!


Es ist uns eine ganz besondere Freude, dass Sie, verehrte Frau Bundeskanzlerin heute zu uns sprechen. Sie haben im Jahr 2014 die Frage beantwortet, weshalb sich eigentlich Jugendliche mit dem Widerstand befassen sollten. Dazu haben Sie folgendes im Zusammenhang mit der Verantwortung der Deutschen nach dem Zivilisationsbruch der NS-Verbrechen gesagt: (ich zitiere)


„Dafür ist es unerlässlich, dass junge Menschen lernen, welches Leid von Deutschland ausging, dass sie verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass sie extremistische Denkweisen entlarven können und dass sie für sich Wege finden, wie sie selbst extremistischen Verführungen und Verführern entgegentreten können.“ (Zitatende)


Dem ist nichts hinzuzufügen und ich heiße an dieser Stelle alle Schüler unserer Partnerschulen und Jugendlichen herzlich willkommen.


Die Auseinandersetzung um die Deutung des 20. Juli dauert bis heute an. Erstmals 1954 hat Theodor Heuss an diesem Ort als Bundespräsident anerkennende Worte gefunden. Die deutsche Gesellschaft in Ost und West hat dazu viel länger gebraucht. Den Angehörigen, die sich diese Rolle nicht ausgesucht haben, ist so die Aufgabe zugewachsen, „Hüter des Vermächtnisses“ des Widerstands zu werden. Deshalb sind wir Angehörigen aber keine „Ewig-Gestrigen.“ Ja: es gehört zur historischen Wahrheit, die Schatten, die Grauzonen und auch die Abgründe der Widerständler darzustellen. Sie waren Menschen mit ihren Schwächen und Fehlern. Wer „reine Helden“ als Vorbilder will, muss sich den Darstellungen totalitärer Systeme anvertrauen. Und ja: Heroisierungen und Übertreibungen des Widerstands hat es zweifellos gegeben Wer sie beklagt, sollte aber den zeitlichen Kontext einer Gesellschaft berücksichtigen, die den Widerstand über lange Jahre abgelehnt hat. Sie, verehrter Herr Gauck, haben uns darin bestärkt, die offene Debatte immer wieder zu führen.


Worin liegt nun das Vermächtnis, das Vorbild? Die Kritiker sagen, die Widerständler vom 20. Juli seien keine Demokraten gewesen; sie hätten nicht wegen der Verbrechen der Nazis, sondern erst im Angesicht der Niederlage gehandelt. Vor allem an Claus Schenk Graf von Stauffenberg entzündet sich die Debatte, auch in diesem Jahr. Er hat als Offizier unter dem Einsatz seines Lebens den Versuch unternommen, unser Land von einem verbrecherischen Regime zu befreien und einen ebenso verbrecherischen Krieg zu beenden - nachdem er beides erkannt hat. Um den Staatsstreich zu ermöglichen, hat er ein breites politisches Bündnis angestrebt, in das Konservative, Liberale, Gewerkschafter und Sozialdemokraten einbezogen waren. Mit seiner Zustimmung wurde auch mit der Führung der Berliner Kommunisten sondiert. Mit alldem hatte er die Kraft, aus seiner Zeit herauszutreten, eigene Überzeugungen zu überwinden und als Patriot konsequent zu handeln.


Den Beteiligten des 20. Juli war sehr bewusst, dass gerade in der Beinahe-Aussichtslosigkeit ihres Widerstehens die Chance der „Wiedererrichtung des Bildes vom Menschen im Herzen unserer Mitbürger“ lag. So hat es auf unvergessliche Weise Helmuth James von Moltke formuliert. Dieses zeitlose Anliegen ist Vorbild und Inspiration für jeden von uns, eigene Handlungsspielräume zu nutzen, ob als Zivilist oder Soldat. An dieser Stelle heiße ich ganz herzlich Sie, sehr geehrte Frau Bundesministerin Kramp-Karrenbauer wie auch Sie, sehr geehrter Herr Generalinspekteur Zorn willkommen. Der heutige unmittelbare zeitliche Ablauf von Gelöbnis und Feierstunde verdeutlicht den gemeinsamen Wert des Widerstands für uns alle. Die bisherige Verteidigungsministerin, Frau von der Leyen wird für Ihre neue und wichtige Aufgabe in Europa von diesem Ort das mitnehmen, woran uns Fritz Stern vor 9 Jahren erinnert hat: nämlich die europäische Dimension des Widerstands als Teil der europäischen Identität mit ihrer Grundlegung in den elementaren Menschenrechten.


Außen vor dem Bendlerblock wie auch an vielen Orten Berlins sehen wir in dieser Woche Plakate in den deutschen Freiheitsfarben mit Zitaten aus Programmen des Widerstands. Eines aus der für den 20. Juli 1944 geplanten Regierungserklärung lautet:


„Zur Sicherung des Rechts und des Anstandes gehört die anständige Behandlung aller Menschen.“


Und weiter heißt es dort:


„Die Judenverfolgung, die sich in den unmenschlichsten und unbarmherzigsten, tief beschämenden und gar nicht wieder gutzumachenden Formen vollzogen hat, ist sofort eingestellt.“


Die staats- und gesellschaftspolitischen Vorstellungen im Widerstand waren kontrovers sowie situations- und zeitgebunden. In einem herrschte aber Konsens bei allen Beteiligten, nämlich Willkürherrschaft und Terror zu beenden, Rechtsstaatlichkeit, oder noch schöner: die „vollkommene Majestät des Rechts“ - wie es in der Regierungserklärung heißt - wiederherzustellen. Hier liegt auch eine Verbindung zu einem anderen wichtigen Jubiläum dieses Jahres, nämlich 70 Jahre Grundgesetz. Ralf Dahrendorf hat dazu hier im Jahr 2002 mit Blick auf den 20. Juli angemerkt, dass Rechtsstaat und Demokratie nicht dasselbe sind. Wer den Rechtsstaat aber habe, finde leichter zur Demokratie. Gerade wegen seines klaren rechtsstaatlichen Vermächtnisses achten wir darauf, dass sich diejenigen auf den 20. Juli berufen, denen es um Rechtsstaatlichkeit geht. Totalitär agierende Rechtspopulisten zählen dazu nicht.


Der Bundespräsident hat in dieser Woche den Widerstand in seiner Vielfältigkeit als bedeutenden Teil der deutschen Freiheitsgeschichte gewürdigt. Engagieren wir uns deshalb jetzt für unser Land, für unseren demokratischen Rechtsstaat, denn Widerstand – so Klaus von Dohnanyi – kommt immer zu spät!

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