Gedanken zum 20. Juli 1944

Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Eberhard von Hofacker

Gedanken zum 20. Juli 1944

Vortrag von Dr. Eberhard von Hofacker am 20. Juli 1961 in der Universität München

Euer Magnifizenz,

Sehr verehrte Damen und Herren,

Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen!

Ich sehe es nicht als meine Aufgabe an, Ihnen heute den geschichtlichen Ablauf vor Augen zu halten, der zu der Tat vom 20. Juli 1944 geführt hat. Nur allzu oft wird bei den offiziellen Gedenkfeiern zum heutigen Tage einseitig in die Vergangenheit geblickt, so als ob es sich dabei um den abgeschlossenen Tatbestand eines einmaligen Ereignisses handelt, den man als geschehen hinnimmt, den man würdigt, kaum aber für die Gegenwart als verbindlich ansieht. Ich will mich auch nicht mit den ethischen oder juristischen Rechtfertigungsgründen des Tyrannenmordes, des Eidbruches oder des Staatsverrats auseinandersetzen. Über alle diese Dinge ist von berufenerer Seite viel geschrieben und gesagt worden. Auch möchte ich bei Ihnen, die Sie in dieser Stunde trotz nahem Semesterschluss hier sind, die Kenntnis der äußeren Zusammenhänge jenes Ereignisses vom 20. Juli wenigstens in großen Zügen voraussetzen.

Der Sinn meiner Worte soll und muss ein anderer sein: zu versuchen, von der Tat jener Männer am 20. Juli die Brücke zur Gegenwart zu schlagen, Ihnen klarzumachen, welche unmittelbaren Folgerungen sich daraus für uns als Angehörige der jungen, der Nachkriegsgeneration ergeben. Ich habe deshalb ganz bewusst die Anrede „Kommilitonen“ gebraucht, weil ich in erster Linie zu Ihnen sprechen möchte als ein Angehöriger Ihrer Generation, als einer, der selbst nach dem Krieg fast vier Jahre an dieser Universität studiert hat und dessen bisheriges Leben durchaus nicht den Anspruch erheben kann, dem Vorbild des Vaters treu geblieben zu sein. Ich kann Ihnen auf viele Fragen keine fertigen Antworten geben, weil ich selbst noch zu sehr damit beschäftigt und auf der Suche nach dem rechten Weg bin.

Als sich der 20. Juli im Jahre 1944 ereignete, war ich 16 Jahre alt. Mit meinen jüngeren Geschwistern und meiner Mutter kam ich neun Monate bis zum Kriegsende in Sippenhaft der Gestapo, teils im Gefängnis, teils in verschiedenen Konzentrationslagern. Mein Vater war als Reserveoffizier aktiv an der Vorbereitung des Umsturzes in Paris beteiligt. Er wurde Ende August 1944 zum Tode verurteilt und starb fast vier Monate später durch Henkershand in Plötzensee. Mein Schwiegervater Hans-Bernd von Haeften war ihm einige Monate vorher aus gleichem Anlass im Tod vorausgegangen. Ich hielt diese persönliche Vorstellung und Einleitung für notwendig, damit Sie verstehen, weshalb ich mich trotz nur kurzer Vorbereitungszeit des Auftrags nicht entziehen wollte, zu Ihnen zu sprechen. Ich möchte nun im Folgenden die wesentlichen Motive behandeln, die jene Männer zu der Tat des 20. Juli bewogen, um daraus die Ableitungen für unser heutiges eigenes Leben zu suchen und vielleicht auch teilweise zu finden.

Der erste Band eines nach Kriegsende erschienenen, aufrüttelnden Buches über den deutschen Widerstand trägt den Titel

I. Das Gewissen steht auf

Dieser Satz enthält in der Tat die wesentliche, ja die entscheidende Triebkraft der Männer vom 20. Juli, ohne die man ihrem Handeln niemals gerecht werden würde. Sie wussten von den Verbrechen, den Menschen- und Rassenmorden, die von Hitler und seinen vielen großen und kleinen Helfershelfern im deutschen Namen in der Heimat und im Ausland Tag für Tag begangen wurden; sie erkannten die Sinnlosigkeit, den Krieg in einem damals längst aussichtslosen Stadium fortzusetzen; sie durchschauten die teuflische Heuchelei Hitlers, der den Opfermut vieler aufrechter deutscher Soldaten schamlos missbrauchte. Diese Not des eigenen Gewissens, das wache Empfinden, durch die eigene Untätigkeit, das dem Wahnsinn Zusehen mitschuldig geworden zu sein und täglich schuldiger zu werden, das alles vermochten sie nicht zu unterdrücken, nicht in sich zum Schweigen zu bringen, wie es vielen ihrer Zeitgenossen leider gelungen ist. Lassen wir stellvertretend für die anderen einen Toten mit seinen eigenen Worten sprechen. Albrecht Haushofer schrieb mit gefesselten Händen in seiner Zelle diese Worte, denen er den bezeichnenden Titel „Schuld“ gab:

„Ich trage leicht an dem, was das Gericht

nun Schuld benennen wird: an Plan und Sorgen.

Verbrecher wäre ich, hätt ich für das Morgen

des Volkes nicht geplant aus eigner Pflicht.

Doch schuldig bin ich anders als ihr denkt,

ich müßte früher meine Pflicht erkennen,

ich müßte schärfer Unheil Unheil nennen

mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt.

Ich klage mich in meinem Herzen an:

Ich habe mein Gewissen lang betrogen,

ich hab’ mich selbst und andere belogen. -

Ich kannte früh des Jammers ganze Bahn -

ich hab gewarnt - nicht hart genug und klar!

Und heute weiß ich, was ich schuldig war.“

Galt dieser Gewissenskonflikt wirklich nur damals, konnten nur jene Männer des 20. Juli durch den Ausnahmecharakter der Situation sich zum Handeln berechtigt fühlen, konnte oder musste sogar ihr Gewissen damals ein Anderes sein als das eines jeden einzelnen von uns heute? Musste das Gewissen jener Männer zwangsläufig schärfer und empfindlicher reagieren als es von uns heute als Angehörigen der jungen Generation überhaupt verlangt werden kann? Soll das Leben und der Tod von Sophie und Hans Scholl mit ihren Gefährten wirklich nur Gegenstand ehrfurchtsvoller Verehrung für uns bleiben, ohne dass wir selbst für unser persönliches Leben echte, dauerhafte Wertmaßstäbe aus ihrem Vorbild gewinnen können?

Gewiss ist der äußere Druck, die Vergewaltigung des Einzelnen zu einem seelenlosen Werkzeug verbrecherischer Staatsmacht, seither jedenfalls im einen Teil unseres Vaterlandes einer freiheitlichen Staatsform gewichen. Eine solche äußere Veränderung der Lebensverhältnisse wandelt allerdings den Charakter des einzelnen Menschen unserer Zeit, wie die Erfahrung gerade in diesen Tagen immer wieder lehrt, durchaus noch nicht. Das Gewissen eines jeden von uns bedarf vielmehr ständiger kritischer Prüfung gerade in den kleinsten anscheinend so nebensächlichen tagtäglichen Fragen. Es darf für uns kein Gewissen auf Raten mehr geben, indem wir bei kleinen vielleicht äußerlich unscheinbaren Entscheidungen bequeme Kompromisse schließen und uns, wer weiß denn mit welcher Sicherheit, darauf verlassen, im entscheidenden Augenblick das Gewissen schon „parat“ zu haben. Weichen wir unseren ganz persönlichen, privaten oder beruflichen Entscheidungen des Alltags nicht aus, lasst uns nicht auf den Mitmenschen sehen, der es ja ebenso macht. Wenn wir versuchen, mit all den tausend kleinen Gewissensfragen wirklich ernst zu machen, werden wir feststellen, dass uns die heutige Zeit das eigene Gewissen keineswegs erleichtert, geschweige denn abnimmt. Georges Bernanos lässt seinen Landpfarrer sagen: „... Die Welt wird vom Stumpfsinn aufgefressen. Es ist wie Staub. So lange man mit Geh’n und Kommen beschäftig ist, sieht man ihn nicht, man atmet ihn ein, man isst und trinkt ihn und er ist so fein und hauchzart, dass er einem nicht zwischen den Zähnen knirscht ...“ Bemühen wir uns, dieses schleichende Gift innerer Gleichgültigkeit, diesen Weg des geringsten Widerstandes, das ewige Vertagen eines wirklichen Bekenntnisses schon in jungen Jahren aus unserem Leben zu verbannen. Schrecken wir auch nicht davor zurück, eine als falsch erkannte Handlung zuzugeben und zu korrigieren, denn gerade darin sind uns viele der Toten des 20. Juli ein deutliches Vorbild. Nicht wenige von ihnen hatten noch nach der Machtübernahme Hitlers in bester Absicht geglaubt, dem Staat loyal dienen zu müssen bis sie erkannten, wohin der Weg des Diktators führte. Um so höher, meine ich, ist gerade deshalb ihre Haltung zu bewerten, aus der Erkenntnis eigener Irrtümer radikal die Konsequenz gezogen zu haben, wie sie sich dann in der Tat des 20. Juli manifestierte. „... Verräter ist nur, wer zu feige ist, das ehrlich erkannte Gute zum Siege zu führen, nicht aber, wer das offensichtlich Schlechte um des erkannten Guten willen verlässt ...!“, so hat es Professor Angermeier einmal ausgedrückt. Man erweist diesen Männern heute einen schlechten Dienst, wenn man sie als Heilige aus einer anderen Welt verherrlicht und sie in das Museum der Weltgeschichte stellt, so als ob für unsere Generation eine Verwirklichung ihres geistigen Vermächtnisses von vornherein unmöglich wäre. Damit würden wir es uns um vieles zu leicht machen. Sie waren Menschen aus dem gleichen Fleisch und Blut wie wir, mit all ihren Stärken und Schwächen, mit ihrem ganzen urmenschlichen Hang zum Leben, oftmals Väter sehr glücklicher Familien, an denen sie mit ganzem Herzen hingen. Nur wenn wir die Toten so sehen, gewinnt ihr Opfer für uns Bedeutung, nur so bleiben wir auf dem Boden der Wirklichkeit, mit der sie gerungen haben. Ich bin mir bewusst, dass es unserer Generation in der Tat heute nicht leicht gemacht wird, das eigene Gewissen als oberste Richtschnur zu wählen und zu bewahren. Männern wie Herrn Fränkel fehlt es ganz eindeutig an der Wachheit des eigenen Gewissens, das ihnen jede Mitwirkung an der Rechtsprechung nach dem Kriege, sei es auch nur als kleiner Staatsanwalt, aus eigener Einsicht hätte verbieten müssen. Einer von ihnen geriet in das Rampenlicht der Öffentlichkeit, so manche bleiben weiter anonym und betrügen oder betäuben ihr Gewissen damit, dass ja auch andere nicht aufrecht sind. Lassen wir uns aber dennoch von diesen schlechten Beispielen nicht verwirren, sondern versuchen wir, vor uns selbst wahrhaftig und aufrecht zu sein, um uns rechtzeitig stark zu machen für eine Zeit, die auch unser Gewissen erneut vor letzte Entscheidungen stellen kann. Würde nur Einer von uns heute in der Ostzone leben, dann wäre es für ihn längst so weit.

Ein weiteres Motiv für die Haltung jener Männer ist zeitlos und hat damit für jeden von uns Gültigkeit. Indem sie sich zu der Tat entschlossen, den Tyrannen zu stürzen, vollzogen sie eine

II. Verpflichtung gegenüber ihrem Volk und dem Staat

Sie fühlten sich berufen, stellvertretend für das ganze, zur Ohnmacht verurteilte deutsche Volk die Rettung zu wagen, ihm weitere sinnlose Opfer zu ersparen und die nationale Schmach aus eigener Kraft zu tilgen.

Lassen Sie mich an dieser Stelle einen der Toten, den Grafen Schwerin von Schwanenfeld, aus seinem Abschiedsbrief an seine Frau zitieren; er schrieb: „... Daß ich ungebeugt in den Tod gehe in dem festen Bewußtsein, nichts für mich und alles für unser Vaterland gewollt zu haben, das muß Dir immer Gewissheit bleiben und das mußt Du den Söhnen immer wieder sagen. Du weißt, daß zu allen Zeiten mein Handeln auf Deutschland ausgerichtet war, nach der Tradition der Familie aus glühender Vaterlandsliebe, die alles andere überwog. Andere Zeiten werden andere Sitten und Anschauungen im Einzelnen bringen, aber die Liebe zum Vaterland wird ewig der Bestandteil des Lebens bleiben, der alles andere beherrscht ...“ Es ging jenen Männern am 20. Juli um die Einlösung der Verpflichtung, das Staatswesen von den Fesseln diabolischer Machthaber zu befreien, den Staat selbst an Haupt und Gliedern zu erneuern. Dieses Ziel konnte nur, wollte man weitere Opfer unserem Volk ersparen, durch den gewaltsamen Sturz des Tyrannen erreicht werden. Mit ihrer Tat bewiesen diese Männer im besten Sinne wirkliche Staatstreue, ohne die jedes Gemeinwesen schlechthin undenkbar ist. Jenen ewig Gestrigen, die diesem Gedanken nicht folgen wollen, mögen Hitlers eigene Worte aus dem Buch „Mein Kampf“ das Verständnis erleichtern. Dort steht zu lesen: „... Wenn durch die Hilfsmittel der Regierungsgewalt ein Volkstum dem Untergang entgegengeführt wird, dann ist die Rebellion eines jeden Angehörigen eines solchen Volkes nicht nur Recht sondern Pflicht. Menschenrecht bricht Staatsrecht! ...“

Drängt es sich einem nicht geradezu auf, unser eigenes Verhältnis zu unseren Mitmenschen, vor allem aber zum Staat in seiner freiheitlichen Ordnung gründlich zu überprüfen? Gerade von uns als akademischer Jugend wird mehr als reines Fachwissen verlangt. Hüten wir uns vor dem geistigen Hochmut mancher Zeitgenossen, die den Blick für die Not des Nächsten verloren haben, die den Staat als notwendiges Übel hinnehmen, ihn aber stets beschwören, wenn es um eigene Vorteile geht. Ist es nicht ein bezeichnendes Symptom unserer Zeit, dass der einfache, kleine Mann häufig sehr viel spontaner, vorbehaltloser zu Opfern an den Nachbarn bereit ist als viele von uns, bei denen der Verstand das Herz beherrscht? Die Kriegsjahre jedenfalls haben hierfür deutliche Beispiele der Hilfsbereitschaft einfachster Menschen etwa gegenüber ihren jüdischen Mitmenschen geliefert. Merkt nicht jeder von uns Jüngeren beinahe täglich, wie er sich mit Überlegung, aus wohlverstandener Berechnung über echte Hilferufe eines anderen, eines Mitstudenten, eines Berufskollegen, ja auch des Staates hinwegsetzt? Gerade auch der Staat bedarf der Hilfe, der Unterstützung eines jeden von uns, denn allein von uns, seinen Bürgern kann und wird er geprägt. Nutzen wir doch die Möglichkeiten, die uns für die Beteiligung am öffentlichen Leben hier und dort gegeben werden, in der Studentenvertretung, in der Heimatgemeinde, in den Berufsvertretungen, in den Gewerkschaften, kurz wo immer es des Einsatzes aufrechter, gewissenhafter Menschen bedarf. Rufen uns nicht viele Kommilitonen von Leipzig, Jena oder Rostock zu: „Gebt uns nur einen Bruchteil eurer Rechte, wir würden gern alle Pflichten tragen!“ Wir sollten frühzeitig nach Verantwortung streben und uns für andere bis herauf zu der Gesamtheit der Bürger im Staat mitverantwortlich fühlen. Wir können von den anderen nicht mehr verlangen, als wir selbst zu geben bereit sind.

Jene Männer des 20. Juli fanden zueinander trotz verschiedenster geistiger Herkunft, Konservative und Liberale, Offiziere und Zivilisten, Katholiken und Protestanten. Sie dachten nicht daran, Christen und Sozialisten von vornherein als unversöhnliche Gegner zu bezeichnen. Heute scheint diese Einmütigkeit fast vergessen zu sein, in der damals Männer der Linken und Rechten brüderlich zusammenhielten. Verstehen wir uns nicht falsch: der demokratische Staat bedarf aus sich heraus der Opposition, des lebendigen Austausches der Meinungen, um das Bestmögliche zu erreichen. Das setzt allerdings wirkliches Diskutieren miteinander voraus. Unser politisches Leben leidet oft darunter, dass wir auf beiden Seiten Monologe halten und auf eine Kritik des Gegners äußerst empfindlich reagieren, wenn wir sie nicht gleich verwerfen. Unsere Toten, deren wir heute gedenken, mahnen uns Jüngere täglich von Neuem: Wahrt das rechte Verständnis der Freiheit, nützt nicht hemmungslos eure Rechte aus, betrachtet sie zugleich als Pflicht zur freiwilligen Beschränkung, übt Toleranz mit Anstand und Würde. Die Freiheit ist nicht nur das köstlichste, sie ist auch das unbequemste Gut. Der französische Historiker Georges Lefebvre hat einmal gesagt: „Es ist schwieriger, als freier Mann zu leben, denn als Sklave. Das ist der Grund, warum Menschen so oft bereit sind, auf ihre Freiheit zu verzichten. Denn wie die Freiheit des Christen ein Ruf zu einem Leben der Heiligkeit ist, so ist die Freiheit an sich der Ruf zu einem Leben des Mutes und oft auch des Heroismus.“

Eine weitere Erkenntnis lässt sich aus dem Beispiel der Männer des 20. Juli für uns heute gewinnen:

III. Sie handelten ohne die Garantie des Erfolges

Unsere Toten waren sich bei aller Exaktheit der Planung, bei aller Gründlichkeit der Vorbereitung des Umsturzes bewusst, dass ein Gelingen des Rettungsversuchs keineswegs feststand. Was sie beseelte war die Erkenntnis, dass auch nur die geringste Chance eines Gelingens sie zum Handeln verpflichtete. Es mag sicher bei dem einen oder anderen von ihnen Nuancen des Optimismus in dieser Richtung gegeben haben, im letzten aber waren sich viele von ihnen einig, dass die Tat um der Ehre Deutschlands willen, um das Volk von seinen Leiden und Opfern zu erlösen, gewagt werden musste. „Das geschichtliche Wagnis ist keine Rechenaufgabe mit gesicherten Faktoren“, hat Prof. Heuss einmal gesagt. Mein Vater zum Beispiel dachte als Jurist und Offizier äußerst nüchtern, fast skeptisch über die Aussichten des Erfolgs jener Tat. „Und wenn nur zehn Prozent für das Gelingen sprechen“, sagte er einmal, „es muss gewagt werden“. Bei einer anderen Gelegenheit ließ mein Vater seine innere Überzeugung noch deutlicher werden mit den Worten gegenüber seinen Freunden in Paris: „Hier sitzen wir nun“, sagte er damals, „sehen klar, dass der Wagen dem Abgrund zutreibt und tun nichts. Und wenn jeder ein Freischärlercorps wie Karl Moor gegen die Halunken des Dritten Reiches anführen würde, es wäre besser, als nur zu kritisieren!“ Diese Männer handelten aus dem gleichen Geist heraus, den auch Professor Kurt Huber beseelte als er sich in seiner Verteidigungsrede vor dem Volksgerichtshof auf diese Worte von Johann Gottlieb Fichte berief:

„Und handeln sollst Du so,

Als hinge von Dir und Deinem Tun allein

Das Schicksal ab der deutschen Dinge,

Und die Verantwortung wäre dein.“

Ist dieser Geist der Männer vom 20. Juli oder eines Professors Huber für uns unter den geänderten, geordneten Verhältnissen heutiger Zeit nicht mehr vollziehbar? War diese Haltung so einmalig und situationsgebunden, dass es nur jenen Männern aus einer übermenschlichen Kraft heraus möglich war, so und nicht anders zu handeln? Wer so denkt, besitzt gewiss ein hohes Maß heute schon selten gewordener innerer Bescheidenheit und doch bleibt er auf halbem Wege stehen. Einmalig allerdings bleibt diese Tat für jene unglückselige Epoche unserer Geschichte in einer Beziehung: sie handelten im Angesicht des Todes, unter Einsatz ihres Lebens, in dem klaren Bewusstsein, einen Fehlschlag ihrer Tat in schmählicher Erniedrigung sühnen zu müssen. Befreit uns aber dieses höchste menschliche Opfer, das heute bei uns im Westen nicht mehr gewagt zu werden braucht, so einfach und total von der Verpflichtung jenes Vermächtnis anzunehmen? Ist es wirklich das legitime Recht unserer Generation, das eigene Leben nur auf den sichtbaren Erfolg, auf den materiellen Vorteil, auf das, was uns ein Tun oder Unterlassen einbringt, auszurichten? Soll es für uns nur darauf ankommen, als Student, im Beruf, in der Familie oder Ehe möglichst rasch ein Höchstmaß existenzieller Sicherheit zu erreichen? Sollten wir nicht mindestens ebenso frühzeitig auch das Verzichten-können üben, etwa auf eine berufliche Karriere, die nur mit Skrupellosigkeit erreicht werden kann? Ich möchte durchaus nicht einer schicksalsergebenen Passivität und Zurückgezogenheit das Wort reden. Was mir wichtig erscheint ist das Eine: so wie jener Männer am 20. Juli um des sichtbaren Beispiels ungebrochener Aufrichtigkeit willen handelten, ohne auf die Sicherheit eines äußeren Erfolges bauen zu können, so sollten auch wir uns bemühen, angefangen bei den kleinsten Dingen des Alltags, mehr uneigennützig, mehr unbedingt zu handeln. Machen wir uns nichts vor, jeder von uns begegnet fast täglich der Gefahr, sich auf Kosten anderer rücksichtslos durchsetzen zu wollen. Lassen wir uns auch hier nicht von manchen schlechten Beispielen unserer Zeit blenden. Fehler und falsche Entscheidungen der Anderen sind nun einmal keine Rechtfertigung für das eigene Verhalten. Die Männer des 20. Juli und mit ihnen viele Namenlose des deutschen Widerstands vertrauten darauf, dass über Wert oder Unwert eines Menschenlebens nicht hier auf Erden entschieden wird. Ich vermag für meine Person einfach nicht einzusehen, dass diese Zuversicht heute keine Gültigkeit mehr haben soll.

Ich habe eingangs von der Kraft des Gewissens gesprochen. Wer sich mit den Vorgängen um den 20. Juli ernsthaft auseinandersetzen will, kommt nicht umhin, die tiefe

IV. Christliche Gesinnung

nahezu aller Beteiligter nachzuempfinden. Sie fühlten sich als Menschen vor Gott verantwortlich, ihm gegenüber galt ihr unbedingter Gehorsam und nicht Hitler, den sie als den „Antichristen“, den „Vollstrecker des Bösen in der Geschichte“ erkannten. Ihr christliches Gewissen spiegelt sich in vielen uns erhalten gebliebenen Briefen und Bekenntnissen wider, es fand seine Bewährung und Krönung in den Wochen und oft Monaten der Einzelhaft. Anfang des Jahres 1944 schrieb mein Vater aus Anlass meiner Konfirmation diese Zeilen: „Warum haben wir gerade in der heutigen Zeit Anlaß, uns mit besonderer Inbrunst zum christlichen Glauben zu bekennen? Weil wir mehr denn je fühlen, daß jeder von uns in Gottes Hand ist, daß Er die Menschen und Völker lenkt und daß wir daher tief demütig sein müssen; daß die Menschen die Demut, die Ehrfurcht vor etwas Höherem, Reinerem, Größerem als sie selbst brauchen, wenn sie nicht dem Übermut, dem Größenwahn, dem Verbrechen verfallen wollen ...“ Und als die Tat vom 20. Juli gescheitert war, vermochten der Hohn und Spott eines Freisler diese Männer nicht zu beugen, nicht wankend zu machen trotz Folter und Fesseln. „... Ich habe all dieses getan in der Meinung und dem Willen recht zu tun vor Gott.“ schreibt mein Schwiegervater in dem Abschiedsbrief an seine Frau. Und Pater Delp ruft seinen Mitgefangenen auf dem Wege zur Hinrichtung unverzagt zu: „In wenigen Augenblicken weiß ich mehr als ihr. Auf Wiedersehen in einer anderen Welt.“ Das sind lebendige Beweise ihrer ungebrochenen Haltung und göttlicher Gegenwart.

Spüren wir, welchen realen Wert, welche Überzeugungskraft diese seltenen Beweise menschlicher Glaubensstärke für uns heute haben können, wenn wir sie recht verstehen? Hadern wir nicht Tag für Tag mit Gott, so wir überhaupt eine überirdische Macht anerkennen, über die vielen tausend Ungerechtigkeiten dieser Welt? Bedarf es denn immer erst äußerster Not und völliger Verlassenheit eines Menschen, um ihn den rechten Weg erkennen zu lassen? Jeder von uns wird von den Toten aufgerufen, hierauf vor sich selbst Antwort zu geben und rechtzeitig zu erkennen, dass wir alle einstmals über unser Leben Rechenschaft ablegen müssen.

Als ich den Auftrag zu der heutigen Gedenkstunde übernahm, war ich mir im Klaren, dass ich Ihnen im Grunde nichts Neues würde sagen können, nichts, was nicht schon mancher von Ihnen wusste und was Andere vor mir weit besser ausgesprochen haben. Und doch bedarf es gerade für unsere Generation, weil sie die Jahre des Terrors nicht mehr bewusst erlebt hat, immer wieder von Neuem der lebendigen Auseinandersetzung mit diesen dunkelsten Jahren unserer deutschen Geschichte. Ich werde nie vergessen, mit welcher Leidenschaft und Offenheit in den Jahren nach dem Zusammenbruch im kleinen Kreis unter uns Studenten über diese Vergangenheit gesprochen wurde. Ich war damals mit Abstand der Jüngste neben Heimkehrern, ehemaligen Offizieren und befreiten politischen Häftlingen. Mit zunehmender Besserung unseres Lebens erloschen diese Diskussionen immer mehr und heute wage ich kaum noch, Sie danach zu fragen.

Eines wollte ich Ihnen mit meinen Worten klarzumachen versuchen: Es erscheint mir notwendig, dass gerade wir Jungen uns, jeder an seinem Platz, mit dem Leben und Tod jener Männer vom 20. Juli auseinandersetzen. Wir besitzen in ihnen einen wirklichen Schatz lebendiger Vorbilder. Greifen wir ihn doch an, schöpfen wir ihn aus, diesen Reichtum, für unser eigenes Leben.

Unsere Toten rufen jeden von uns an:

Nehmt unseren Geist in Euer Leben auf, tötet nicht den Sinn unseres Opfers durch Gleichgültigkeit, reißt uns heraus aus dem Gefängnis jährlicher Gedenkstunden! Diese Mahnung erneut auszusprechen, die überall vorhandenen guten Kräfte unserer Generation in ihrem Geist zu mobilisieren, darum ging es mir in dieser Stunde.

Ich danke Ihnen.






Weitere Reden

20.07.1961
Dr. Eberhard Zeller