Geist der Freiheit
Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Eberhard Zeller
Geist der Freiheit
Vortrag von Dr. Eberhard Zeller am 20. Juli 1961 in der Universität München
Magnifizenz, meine Kommilitoninnen und Kommilitonen!
Lassen Sie mich Ihnen gestehen, dass es mir nicht leicht fällt, in der heutigen Gedenkstunde zu Ihnen zu sprechen. Nicht als ob ich annähme, dass es nur Gewohnheit oder Pflicht ist, die uns hier zusammengeführt hat, nicht als ob ich unbewegt davon wäre, in welcher Zahl Sie gekommen sind. Aber was es mich zu sagen drängt, ist vielleicht nicht so auf Wohllaut gestimmt, wie Sie es zu solchem Anlass erwarten könnten. Ein Tag wie der heutige ruft uns in den Sinn, dass wir Deutschen gegenwärtig etwas anderes darstellen als was wir sind und doch wohl sein sollen: wir sind nicht das blühende Fleisch, die vierschrötige Gesundheit, als die wir erscheinen. Sie wissen so wie ich, dass eine schwere Krise unsere Bundesrepublik bedroht, dass der Erfolgsseite unseres wirtschaftlichen Umtriebs keinerlei Sicherheit unserer staatlichen Gestaltung und unseres inneren Daseins entspricht und dass hinter dem in erstaunliche Niederungen platten Hohns ziehenden, augenblicklichen Wahlkampf große, drohende Aspekte trügerisch verdeckt werden. In einem angesehenen Blatt der USA las man in diesen Tagen von einem Schreiber, der als ernsthaft bekannt ist und nicht als Schalk aufgefasst werden kann: „Jemand sollte eine Alternative vorschlagen zum herbstlichen Selbstmord der Welt.“
Wir missbrauchen das gute Wort „Starkbleiben“ und vertrauen bei einem für unmöglich geglaubten Ernstfall aufs atomare Orchester, das gleiche, was der andere mit etwas deutlicherem Ausdruck Selbstmord nennt.
Wenn es mir also nicht leicht scheint, heute hier zu sprechen, so deshalb, weil Sie missdeuten könnten, ich hätte dabei tagespolitische Absichten im Sinn, die mir fern liegen.
Der Zwanzigste Juli ist keine Politik und wir sind froh, dass er nicht zum Staatsfeiertag gemacht worden ist. Denn Ministerreden, Leitartikel, Kranzniederlegungen und das Geschenk des arbeitsfreien Tages für die Fahrfreudigen könnten vielleicht nur mithelfen, ihm das zu nehmen, was er - wenigstens für einen Teil von uns - sein muss: Gewissensanruf, der uns trifft und in Unruhe hält. Wir wollen auch nicht der deutschen Verführung verfallen, ihn abgetan zu wissen, wenn wir über ihn von bezahlten Stellen wissenschaftlich forschen und doktorieren lassen. Er soll uns Ärgernis und - ich sage es - Stolz bleiben und uns in die Gemeinschaft eines Geistes rufen, der unter uns wach bleiben muss, sollen wir menschengemäß, menschenwürdig leben. Ich meine mich zu erinnern, zu den tatenarmen und gedankenvollen Deutschen gewandt habe Hamann einmal ausgerufen: Pulsschläge, nicht Kopfschmerzen verlange von uns Jupiter Optimus Maximus...
Dieser Zwanzigste Juli ist heute wie vor 17 Jahren ein Wagnis: diesmal ein Wagnis für uns, wenn wir uns mit jenen Männern unseres Bluts konfrontieren, ihrem großen und lauteren Wollen und ihrem in den Tod führenden Vollbringen. Wie wenig trägt es uns mehr aus, ihnen dieses oder jenes Versagen, diesen oder jenen Bastard in ihren Reihen nachzuweisen, wenn wir, je mehr wir uns in unserer Lage bewusst werden, heute die Frage jener Männer auf uns gezückt fühlen: Und was ist Euch dies Land, dies zweigeteilte Vaterland noch wert? Steht Ihr so bei ihm, wie wir versucht haben, zu seinem Heil in der Not zu handeln? Ist Euch Euer süßes Leben im leichten Windschatten wirtschaftlichen Gedeihens nicht gar zu lieb geworden? Schmäht unser Unterliegen: aber wo sind unter Euch die, die gegen eine Übermacht bereit sind sich zu bekennen, sich um Gleichgesinnte zu mühen und vom Geist her zu handeln?
Vielleicht täusche ich mich, aber mir will es scheinen, dass wir in dieser Zeit dem Geschehen des Zwanzigsten Juli wie auch dem des verlorenen Kriegs und der ihm nachbebenden Erschütterung wieder offener sind und näher rücken, weil eben jetzt einige Illusionen von Frieden und Geborgenheit, die wir uns im politischen Quietismus unserer westlichen Bündnerzuversicht durch Jahre aufblühender Wohlfahrt machten, gefährlich zusammenbrechen und wir, der Drohung eines neuen Kriegs nahe, schmerzhaft inne werden, dass wir mit dem vorigen noch nicht fertig sind. Die zaubernden Palliative, die uns voranbrachten, beginnen ihren Zauber zu verweigern und wir stehen (ähnlich vielleicht wie die USA, für die das neue Buch von Henry Kissinger den Beginn einer Schocktherapie bedeuten mag) vor einer ernsten und entscheidenden Besinnung über unseren weiteren Weg als unselig zwischen West und Ost gespaltene Nation, für die Berlin das Bild ihres Schicksals ist.
Hier von Ihrer Universität, von diesem Hause ging jener denkwürdige Aufruhr einer studentischen Gruppe aus, die sich in den Besitz einer Druckerpresse setzte, in jenen Flugblättern der Weißen Rose einem andern Geist Gehör verschaffte und zur Umkehr, zur Ermannung, zur Sammlung für eine Gegentat aufrief. Sie kennen die entschlossene, hochgemute Sprache. Es war ein kurzes Aufreißen des Vorhangs, für wenige sichtbar. Das Fallbeil endete den kühnen Aufschwung und die Worte jenes Mentors, die Sie nachher hören werden, die uns als seine stolzen Schlussworte vor Gericht überliefert sind, verhallten ungehört.
Auch im Jahr 1944, dem fünften des Krieges, gab es in Deutschland in allem, was öffentlich war, nur eines: Gewissheit des Sieges, Stolz auf die immer wieder unglaublichen Leistungen des deutschen Soldaten, das Pochen auf die deutsche Vormacht, Entschlossenheit zum Durchhalten gegen eine Welt von Feinden bei absichtvoll genährter Hoffnung auf neue Wunderwaffen. Dachten und sahen es Einzelne anders, so mussten sie schweigen oder sie verschwanden und man wusste nicht, wo sie blieben. Nur gerüchtweise und kaum unterscheidbar von Zerrbildern aus feindlichen Sendern, die abzuhören ebenfalls lebensgefährlich war, gingen Nachrichten von rigorosen Menschenvernichtungen durch die SS um - kaum einer, der davon hörte, ahnte den umfassenden Plan und die kaltsinnige Perfektion, die hier am Werk waren. Auch der, der dies ganze herrschende System hasste, konnte von seinem Gewissen die Mahnung erhalten, dass es mitten im schweren Daseinskampf seines Volkes unerlaubt sei, an etwas anderes als ein entschlossenes Mitgehen und Durchhalten zu denken, weil ein Zusammenbruch der Fronten und der von Millionen von Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern mitbewohnten Heimat ein verschlingendes Chaos bedeuten musste. So quälten sich viele Deutsche mit dem Unauflöslichen: dass sie ihrem Volk nicht die grauenvolle Niederlage, aber noch weniger den Sieg der frevelnden Gewaltherrscher wünschen konnten. Keiner war vom Mittun befreit. Auch Männer in höchsten Befehlsrängen waren wie Zwangsarbeiter an das Unmaß ihrer täglichen speziellen Aufgaben gebunden und sie konnten wissen, dass jeder Schritt über das täglich Gesollte hinaus gefährlich beobachtet wurde. Blick und Verantwortung für das Ganze hatte sich ein Mann vorbehalten und er warf jeden nieder, der eine Einmischung wagen wollte und war es auch der einst von ihm selbst gefeierte Feldmarschall Rommel.
An den Fronten brachte das Jahr 1944 schwere Rückschläge für die Deutschen: im Frühjahr den Zusammenbruch des mit größten Opfern gehaltenen Verteidigungswalles südlich von Rom, zu Beginn des Juni den geglückten Einstrom der Alliierten nach Nordfrankreich, zu Ende Juni den Einsturz des deutschen Mittelabschnitts in Russland mit schwersten Verlusten, die drohende Abschnürung der so genannten Kurlandarmee im Norden, die in ihrer Vorbereitung erkannte Offensive in Südrussland mit Stoßrichtung nach Rumänien und zum Balkan.
In solcher Lage traf uns die Nachricht vom Zwanzigsten Juli ... Hass, Schmähung, Racheaufschrei gegen die, die solches gewagt hatten, Dank an die Vorsehung, die sie scheitern ließ, so war die öffentliche Kundgabe und das geschuldete Pflichtteil jedes Deutschen. Erstaunen, Tadel, Vorwurf auch bei denen, die eine Änderung ersehnt hatten, Bestürzung und Trauer über das Nein des Schicksals bei den Wenigen, die von den Menschen, Plänen, Opfern wussten.
Heute kennen wir aus Tatsachen Umfang, Art und Sinn dieser Erhebung: keine Offiziersrevolte von Machtabenteurern und Karrieresüchtigen, kein „Dolchstoß“ von Monarchisten, Fanatikern, Ideologen, kein Racheakt der unterdrückten Kirchen, der zurückgesetzten Adligen, der verfolgten Sozialisten, kein Versagen der Heimat gegenüber der schwer bedrängten, aber bis zum Ausbluten kämpfenden Front, in ihr waltet auch kein romantisch-dichterischer Hang zum Tyrannenmord.
Der Versuch dieser Erhebung ist eine Tat im Kampf des Geistes um die Macht, nicht um der Macht willen sondern um einer echten Verantwortung zu genügen. Von der einen Seite betrachtet ist er ein nüchtern, umfassend und mit unerhörter Verschwiegenheit geplantes militärisches Unternehmen, von dem nachher kein unparteiischer Kenner hat erweisen können, dass es so, wie es geplant war, nicht auch hätte gelingen können und dass es, die gegebenen Bedingungen vorausgesetzt, in seinen Grundzügen anders hätte aufgebaut werden können. Es muss zu denken geben, dass die beiden Hauptverantwortlichen für den Plan zwei der bestqualifizierten Generalstabsoffiziere der jüngeren Generation waren, der eine von ihnen, Claus von Stauffenberg, war 36-jährig, wie wir heute wissen, für die Stelle des Generalstabschefs des Heeres vorgeschlagen worden. Der Anschlag auf das Staatsoberhaupt war nicht Ziel der Erhebung, sondern nur eine am Beginn des Weges liegende, unumgängliche Voraussetzung. Ziel war vielmehr, nach dem Tod des Einen und vielleicht einiger seiner mächtigsten Helfershelfer in raschem und unerwartetem Zupacken, ohne den Bestand der Front zu gefährden, eine neue Führung im Militärischen, zugleich eine neue, wenn auch übergangsweise Regierung zu begründen, die auf Verantwortung und Gewissen gegründet den Weg der Gräuel verließ, den Krieg aus seiner völlig irreal gewordenen Ausweitung zurückführte und als immerhin verhandlungsfähiger Partner der Feindmächte versuchen konnte, einen tragbaren Übergang in Nach-Krieg und Frieden vorzubereiten. Es ist nach den Zeugnissen kein Zweifel, dass diese Männer aus dem Befund des Juli 1944 eine künftige Besetzung Deutschlands und eine daraus zu erwartende Selbstentfremdung der Deutschen als wohl unumgänglich voraussahen. Heute ist es bewegend zu wissen, wie nachdrücklich sie die Drohung einer Ost-West-Spaltung Deutschlands empfanden, Warnungen, ja Beschwörungen dem zu kurzsichtigen Westen zukommen ließen und wie stark sie trotz aller Sicht auf künftig notwendige Völker-Einigungen und menschheitliche Aufgaben an einem Gesamtdeutschland, an einem für sie unverlierbaren Vaterland festgehalten haben. Der Eid, den sie entworfen hatten, war nicht dafür gemeint, ihre damalige Verschwörergruppe zusammenzuhalten oder als späteres Subversivmittel gegen Besatzer zu dienen. Er ist offenbar aus der Voraussicht entstanden, dass in den schweren Überfremdungsschicksalen, in den Anklagen und Gegenklagen und Verleugnungen, die diesem Krieg folgen mussten, die Deutschen, vor allem die Heranwachsenden, sich verlören, nicht mehr von Mutterboden und Vaterland, von Rang, von Verpflichtung und gewachsener Ordnung wüssten, nicht mehr zu einander fänden, falschen Führern folgten. Einem Kern der Zugehörigen sollten die gemeinsam angenommenen Sätze als Unterpfand dienen.
Die militärische Planung war nur die eine Seite dieses Aufstandes vom Zwanzigsten Juli. Ein echtes Erneuerungsdenken rang, vielfach in agonaler Kontroverse, zum Durchbruch, so in der Frage der Leitbilder, zu denen die Proklamationen sich zu bekennen hatten, in der Frage der staatlichen und sozialen Gestaltung, der Wiedereinsetzung des Rechts und der Sühne vergangener Verbrechen, in der Frage der modernen Neugeburt christlichen Lebens. Es war die tiefe Hoffnung und wohl das bezwingende Gebet der zu innerst an der Erhebung Beteiligten, dass der Umsturz weitertrage als zu einer von außen versuchten Notwende, dass es gelingen wolle, aus Stolz und Leiderfahrung, aus dem unsagbaren Sturz dieses Volkes, aus der Brandstatt und der Unbehaustheit des getroffenen Lebens Kräfte zu entbinden für ein gewandeltes Dasein.
Wie fern von uns klingen heut solche Worte! Wir haben einen anderen Weg genommen. Die Abgründe haben sich schneller als wir gedacht haben (wenigstens für den einen Teil Deutschlands und vielleicht nur für einige Jahre Frist) geschlossen. Jener Zwanzigste Juli entschied gegen solche Hoffnungen und Gebete. Das Schicksal verwarf, was ihm jene Gruppe von Menschen nach besten Kräften und in lauterer und opfervoller Tatbereitschaft als Werkzeug des Umbruchs bot. Wir können von keinem Erreichten reden. Kein Irrealismus führt uns weiter zu fragen, was geschehen wäre, wenn ... Wir können uns nur von Plänen, Zielen, Vorbereitungen Rechenschaft geben, soweit überhaupt ein Wissen davon auf uns gekommen ist, und uns Art und Haltung der Beteiligten nahe zu bringen versuchen.
Hier freilich erlebt jeder, der eindringt, etwas Außerordentliches. Er wird gewahr, dass mit dem Scheitern des einen Tages die angestoßene Bewegung nicht beendet ist. Ob wir wollen oder nicht, nehmen wir heute noch an ihr teil und sind in ihrem Bann, wenn überhaupt wir noch die Herausforderung durch das zur Unfreiheit und zum Larvenwesen erniedrigende Massentum der Zeit empfinden. In dieser Bewegung, in der bisher unerhörte, letzte, menschliche Entscheidung gefordert wurde in einem Gebiet, wo das usuelle Gut und Böse einer überkommenen Ethik nicht mehr eingriff, die sich durch die Schwere ihrer Alternativen grundsätzlich von den Widerstandsbewegungen in anderen europäischen Ländern unterschied, - in dieser Bewegung kam, was in unseren neueren staatlichen Läuften, wie ich meine, sehr selten geworden ist, ein stellvertretendes, ein sinnbildhaftes Handeln zum Durchbruch, in das wesentliche leidvolle und hoffnungsvolle Züge unserer Existenz verwoben sind.
Um mich zu erklären, möchte ich Sie noch einmal in die Wende Juni-Juli 1944 zurück versetzen. Die Verantwortlichen der Erhebung suchten sich um diese Zeit ein letztes Mal in umfassender Unterrichtung nach außen, ernster Einkehr nach innen klar zu werden, ob ein Handeln jetzt noch sinnvoll sei und verantwortet werden könne, nachdem die Einbrüche an den Fronten - es wurde hier schon davon gesprochen - den Gesamtzusammenbruch in absehbare Nähe gerückt hatten. Man war sich klar, dass jeder Versuch einer Erhebung, ob erfolgreich oder misslingend, später von den Deutschen zur Ursache ihrer Niederlage erklärt, ja dass ihm auch die Schuld an den vorausgegangenen Zusammenbrüchen gegeben werde. Man wusste von der eigenen Unpopularität bei dem bisher mit Lügen genährten Volk, das es sehend zu machen galt, für das sich überdies Bild und Wahnbild der „Treue“ und des zu befolgenden Befehls unselig verstrickten ... Man erhoffte, aber sah nirgends eine Lücke in der durch die Casablanca-Erklärung wirksam gewordenen, allseitigen Forderung bedingungsloser Kapitulation und konnte von außen keine Hilfe, vielleicht sogar noch eine Erschwerung, für die Tage des innerdeutschen Umsturzes erwarten. Zudem sprach für jeden Einzelnen das Gebot der Selbsterhaltung dafür, nach bald fünf Jahren Krieg sich und die Familie nicht durch ein ungewisses Handeln noch zu gefährden, ja es ließen sich moralische Zungen-Gründe finden, die forderten, es müssten erst recht noch Andersdenkende am Leben bleiben, um nachher, wenn alle Gewalt zerbräche, zur Stelle zu sein und das Land gegen die Sieger zu vertreten.
Bei all diesen Überlegungen siegte der Entschluss, koste es was es wolle, zu handeln. Wenn dabei das Wort „Noblesse oblige“ gesprochen wurde, so wissen wir heute, dass es dabei nicht um das Wörtchen „von“ und um die Zahl der Sterne im Adelswappen ging, sondern eben um jenes im Schicksalsfeld geforderte, sinnbildhafte Tun, in dem freilich ursprünglicher „Adel“ sein Gebot und Vorrecht gesehen hat. Deutschland musste, so bestand man, aus eigenen Kräften den Schritt einer Befreiung tun und die letzte Stunde schien da, die noch einen Durchbruch verhieß. Was immer kommen werde - ganz offenbar stand diesen Männern höher als die Gefahr einer neuen Dolchstoßlegende, höher als das Leben, das sie wagten und ihre Familien, die sie aufs Spiel setzten, ja zuletzt höher als Erfolg und Misserfolg: auch gegen eine Übermacht ein anderes Deutschland, einen anderen Willen zu bekunden, Schmach, die sie auf dem deutschen Namen empfanden, zu sühnen, als Walter ihres Volkes das Recht und die Bindung an höhere Ordnungen wieder sichtbar zu machen und mit ganzer Hingabe so zu wirken, dass auch Söhne und Enkel - Sie meine Kommilitonen - noch in innerer Freiheit ihrem Volk angehören könnten.
Diese Männer fühlen sich, unabhängig davon, dass sie die Mehrheit der Deutschen noch gegen sich wissen, zu einem stellvertretenden, beispielhaften Handeln verpflichtet. Sie sehen es sich aufgegeben, die Menschen dieses Volkes aus der Knechtung ins Unrecht, aus der Gewissensqual eines verabscheuten, aber doch nicht zu vermeidenden Mittuns, von dem hier schon gesprochen wurde, zu befreien und tausend Frevel, deren Zeugen sie sind, zu beenden, indem sie das Opfer bringen, auch eine Mordtat am Staatshaupt gut zu heißen und ins Werk zu setzen. Freilich wissen sie sich dabei, auch wenn die Menge sie zu steinigen bereit wäre, vom Einverständnis der wahren Glieder dieses Volkes getragen, insbesondere sind sie sich bewusst, nicht gegen sondern für die Kämpfenden an der Front zu handeln, mit denen sie mehr fühlen als der starr befehlende Kriegsherr und die nicht sie verraten sondern Er, der wahnhaft unverantwortbare Opfer unersetzbarer Substanz fordert. Hatte gerade Er die Deutschen immer tiefer in die hybride Vorstellung hinein gezwungen, Deutschland das sei Er, habe es nicht die Kraft mit ihm zu siegen, werde es mit Recht untergehen, so denken die Handelnden des Zwanzigsten Juli das „Reich“ als etwas, was war und ist und sein wird. Sie leben der Sorge, wie eine weitere sinnlose Opferung an Blut vermieden werden könne, wie Deutschland aus dem Krieg in den Frieden komme und aus dem Fall wieder aufleben könne, nicht nur im Hinblick auf die materielle und politische Gestaltung und die künftigen Grenzen sondern auch in der Frage, wie es vom Innern her in der geistigen Bewältigung wieder zu sich finde, wie es fähig werde, das Miasma zu überwinden, sein Dasein neu an die Oberen zu binden und was seine Genien ihm zugebracht und bedeutet hatten, zu bewahren und zu neuem Leben weiter zu tragen.
Meine Damen und Herren, wenn ich so vor Ihnen rede, mutet Sie, vor allem die Jüngeren unter Ihnen, all dies vielleicht wie ein sehr fremdes Land an. Sprache und Habitus dieser Menschen kommt Ihnen vielleicht jeder Anerkennung wert, aber etwas altfränkisch oder romantisch vor und einige von Ihnen werden vermuten, ich hätte ein heroisierendes Pathos eingemengt. Dem ist nicht so. Die Deutungen, die ich Ihnen vorgetragen habe, sind der Überlieferung entnommen. Wenn Sie darin eine erhöhte Sprache bemerken, so muss ich erinnern, dass wir uns wie am Ende des vierten Akts eines großen, tragischen Dramas befinden: die Handelnden sind durch gefüllte und gespannte Wochen hindurch gegangen. In jedem Sinn Außerordentliches wird von ihnen gefordert, während um sie die Lethargie des Zu-Ende-dulden-müssens sich unheimlich mit dem Ferienmonat Juli und den lähmend regelmäßigen Nachtangriffen auf Berlin und die anderen Städte verbindet. Den Hinübergang in den fünften Akt, das Ja zu Entschluss und Berufung vermögen sie nur so zu finden, wenn sie sich von den Grundmächten des Daseins getragen wissen und es auf solcher Daseinshöhe mit allem Vorbehalt auch einmal aussprechen. Man muss sich allerdings das Bild auch damit ergänzen, dass um die Gleichen - wir wissen es z. B. aus der Bendlerstraße - eine Atmosphäre der Zuversicht, der Frohheit, des menschlichen Unmittelbarseins, der Hilfsbereitschaft geschildert worden ist, die in jenen Tagen inselhaft angemutet haben muss.
Wo Sie also eine höhere Sprache der Verantwortung finden, da ist kein Krampf, kein Alabaster, keine Pose. Bleibt uns eine Fremdheit jenen Männern gegenüber, so müssen wir wohl bei uns selbst fragen, ob wir noch fühlend und schicksalsfähig genug sind, uns mit ihnen zu begegnen ...
Wir können eine heutige Daseinsart zeichnen, bei der jedes als Schicksal einbrechende Ereignis nach Kräften von Versicherungen gedeckt, Geborenwerden und Sterben, ja jedes Erkranken den dafür bereitgestellten Spezialinstituten, den Krankenhäusern, zugefertigt, dem Alter hormonell gesteuert, genügend für Zerstreuung gesorgt wird, in der die gesunde Kraft des Verdieners, der Lebensstandard, der Erfolg des Handels, die steigende Produktionsziffer das Maß des Menschen und sein Glück darstellen und in der der Fortschritt der Wissenschaft die vakante Stelle der Gottheit einnimmt, Technik und Wirtschaft aber als dessen Verwirklicher omnipotent sind. Urkräfte werden dienstbar, die Erdhüllen zerschleißen, die Himmel werden Triften der Astronauten, die Riegel, in denen die Wesen verschlossen sind, werden gesprengt, eins ins andere übergeführt, der Mensch wird als Species und als einzelner chemisch manipulierbar, nach Wunsch ein solcher, nach Wunsch ein anderer. Immer globalere Regierungen werden über alles befinden.
Diese Welt ist nicht erst von heute, aber das gelungene Ins-Feld-ühren der atomaren Kräfte hat diese Welt, auf die auch die Männer des Zwanzigsten Juli schauten, seither in ganz neuer Vordergründigkeit und Abgründigkeit enthüllt und als ihr Gesetz erwiesen, dass sie das, was sie als Schicksal, als Grenzsetzung und höhere Fügung verneinte und ausschloss, nun in ungeahntem Gegenstoß zu ihrer eigenen Vernichtung sich ballen sieht.
Ein anderes Lebensgefühl weiß der Unendlichkeit des Menschen wie auch der Machbarkeit des Machbaren in göttlichen Gesetzen Grenzen gezogen und weiß um eine Polarität von Glück und Buße, von Leid und Erhöhung, von der Kraft freiwillig übernommenen Verzichtes und vom Opfer, ohne das sich Leben nicht erhält. Eine solche Welt des Geistigen kämpft unter uns um Verwirklichung und wir können nicht sagen, dass in den äußeren Frontlinien zwischen West und Ost sich auch diese Frontlinie nachzeichne. Aber jedenfalls wird sich unser Widerstehen gegen den Kommunismus nicht anders denken lassen, als wenn wir auch auf jenem inneren Kampffeld an Kraft gewinnen und der Freiheit, die wir als Höchstes rühmen, immer mehr den Gehalt zu geben versuchen, der sie allein würdig und, wenn Sie wollen, zur Mutter eines höheren Lebens machen kann, und wenn uns ein Ähnliches an Intensität erfüllt, was wir in den östlichen und fernöstlichen Pflanzschulen sowjetischer Wissenschaft und Gesinnung wirksam wissen, freilich mit ganz anderen Leitbildern.
Meine Kommilitonen, ich weiß, dass wir bei solchen Anlässen wie dem heutigen immer in Gefahr sind Festtagsworte zu brauchen, indessen wir sonst jenes öfter bewährte „understatement“ lieben, jenes absichtvolle Beherrscht- und Männlichbleiben mit untertriebenen, ja gelegentlich durchtriebenen Worten. Ich habe mich heute bemüht, beides zu vermeiden. Zur Klarheit aber lassen Sie mich am Schluss dies sagen:
Ein Ernst-Nehmen des Zwanzigsten Juli heißt heute nicht, zu Umsturz und Aufstand rufen - das ist nicht die Stunde und ist eine Frage der bereiten Kräfte und der zur Führung fähigen Menschen, die uns gegeben sein müssen - und wir können auch nur bangen, wenn im anderen Deutschland drüben aus tiefster Erbitterung und etwa auch unverantwortlicher Anzettelung ein zweiter 17. Juni geschähe, wie es jetzt vielleicht, wenn Berichte nicht trügen, als vermehrte Gefahr in der Luft liegt.
Aber diesen Tag als ein discrimen Germaniae supremum unter uns wach zu erhalten, genügen auch nicht Laudationen und Gänge der Pietät. Ihn in unseren demokratischen Alltag einzubauen, wird schwerlich gelingen. Etwas von Flamme, vom Wagnis der Minorität, von beunruhigender Direktheit wird immer mit ihm verbunden sein. Wenn wir hier miteinander an der Universität der Geschwister Scholl des Zwanzigsten Juli gedenken, so ist eine Atmosphäre der Offenheit um uns. Verübeln Sie mir es also nicht, wenn ich Ihnen vom Zwanzigsten Juli als einer Verpflichtung spreche, die in Ihnen Raum verlangt. Ich möchte sie in einer dreifachen Weise zu benennen versuchen.
Zuerst: wir sollten nicht vergessen, wie hier von Deutschen der Gewissensauftrag, das Geistige, wenn Sie wollen: die Idee, jeden anderen Eigenrücksichten und jedem Materiellen vorangesetzt wurde. Und ob diese Männer nicht auch an Beruf, Einkommen, Besitz, Genuss der Lebensgüter hingen! Ihnen, die Sie studieren, ist - vielleicht bis zum Überdruss - die Rede vom aussichtsreichen Beruf geläufig, in dem Sie bald viel Geld verdienen sollen und Sie bekommen zu spüren, welche Zeitmacht sich auch in den studierten Berufen immer breiter auswirkt. Wie erschreckend „privat“ drohen wir zu werden! Bei der Weißen Rose las man: „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt!“ Es müsste ein Anstoß geschehen, die wirtschaftliche Präponderanz unter uns, angefangen vom einfachsten Faktum, dass es den Fußgänger nicht mehr gibt und der fahrende Mensch, der homo vector, nach seinem Vehikel gestuft der bessere ist, über die universale Strategie der Werbung, die den Menschen konform macht und ihn zu bedürfen zwingt, bis zu Kauf und Unterjochung des Geistes, öffentlich unter uns zu desavouieren. Sollten wir es nicht auch, wie die Engländer es vermocht haben, fertig bringen, zumal wenn die Hälfte der Welt hungert, zwischen Lebensnotdurft und Plunder zu unterscheiden und eine Regierung zu ertragen, die auch zu fordern vermag und nicht nur Geschenke gibt und ausgleichend zwischen Interessen schaukelt? Sie wissen wie ich, dass es unser aller Pflicht wäre, darauf zu dringen, die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Politik, die heute Staaten bestimmen, schärfer ins Licht zu heben, als es einige Prozessualien unter uns vermocht haben. Aber hier finde ich einiges Unleserliche in meinem Manuskript und darf es übergehen.
Der Zwanzigste Juli muss uns - das ist das zweite - weiter daran erinnern, dass es auch für den geistigen Menschen heute kein Refugium außerhalb gibt, wohin er sich aus der ihm widerwärtigen Welt flüchten kann, dass wir eine Grenze nie mehr übersehen dürfen, bis zu der wir die Verantwortung an eine Obrigkeit, unser Gewissen an das Wissen der Fachleute - auch in der Politik! - delegieren dürfen. Spezialistentum, das wir anstreben und ohne das wir nicht sein können, in hohen Ehren - aber menschliche Verantwortung aus lebendigem Geist ist irgendwo unteilbar und sie ist im Kreis jener Männer des Zwanzigsten einmal mit dem Hemd des Nessus verglichen worden, das auf unserer Haut brenne ... Pflicht von Ihnen, die Sie Jahre des Studiums und des Umblicks an der Universität haben dürfen, Pflicht derer, die Sie lehren, dass Sie über den Erwerb des Rüstzeugs hinaus, das Sie heut in Fülle für jeden Beruf brauchen, von verschiedenen Standpunkten her das bildende Gespräch über unsere geistigen Grundlagen, um den Reichtum und den Primat des Menschseins, über die Grenzsetzung des dem Menschen Gegebenen führen, das Sie instand setzen kann, auch beim Einzelentscheid Ihres Berufes sich eines Gemeinsamen und Ganzen verpflichtet-teilhaftig zu wissen.
Eine autonome, voraussetzungslose, an keine Verantwortung gebundene Technik und Wissenschaft erstellte die Vernichtungsöfen der Vergangenheit, von denen die Männer des Zwanzigsten Juli wussten, erstellt die Brutöfen des nach Wunsch zu manipulierenden Menschen, die heut Nahträume von Forschern sind, schafft Meiler für unendliche Energie, schafft die Atomkapseln, die ein Saeculum Vernichtung über ein Land verhängen können, entsendet die Raumkapseln, in denen ein vereisender Kolumbus planetare Expansion betreibt. Man weiß aus Zeugnissen, dass diese vom Menschen wegführende Welt des in sich elementaren Fortschritts, der sich an Schöpfers Statt eindrängenden Wissenschaft, die uns Gold für Lehm und ohne Säen dreifache Ernte und das Überspringen aller seit je als unumgänglich geglaubten Äquivalente anbietet, unter den Männern des Zwanzigsten Juli als Gegenmacht empfunden und als Wirken des „Widerchrist“ noch Zweifelnden sichtbar gemacht wurde und sie haben sich als erster Streiter in einer erst kommenden Auseinandersetzung gefühlt. Die seither offenbarten Konsequenzen der Kernforschung und Kerntechnik haben bewiesen, auf wie richtigem Weg sie waren. Hören Sie noch eine Briefstelle eines der zum Zwanzigsten Juli Zugehörigen aus dem Jahr 1943, die das hier Dargestellte als neue Haltung des Menschen widerspiegelt:
„Was uns allen bevorsteht, muss nach menschlichem Ermessen jedes Menschen Kräfte übersteigen. Denn wir dürfen ja den Dämonen, die hexen können, keine unserer Anliegen mehr anvertrauen, wir dürfen die Mächte des Abgrunds, die das Schwere leicht machen ’und ein Ding, das wie Gold ist aus Lehm’ ... nie wieder zu Hilfe rufen. In der Wahrheit aber ist das Schwere schwer, das Steile steil, das Steinige steinig. Die Kräfte der heiligen Ordnung dulden nichts Falsches, keinen Zauber, keinen Schein und wir müssen durch die unerbittliche Helle hindurch.“
Als drittes und letztes möchte ich sagen: das Erbe des Zwanzigsten Juli verbindet uns, ob uns auch die Worte Nation und Vaterland durch furchtbaren Missbrauch geschädigt worden sind, mit diesem und unseren Deutschland. Männer aus jenem Umkreis, die sich weit in der Welt umgesehen und draußen viele und beste Freunde gewonnen hatten, haben nie geschwankt, ihr Schicksal von dem Deutschlands zu trennen und haben noch in der Gefahr den sich nach draußen öffnenden Weg abgewiesen, wie sehr sie auch aus ihrem ganzen Denken heraus auf größere Einigungen unter den europäischen Völkern hofften. Der Verlust der angestammten Heimat in Schlesien, Ost- und Westpreußen, in Pommern, die Fluchtbewegung aus Mitteldeutschland, die Lockerung der Bande zum Boden für die dort noch Ansässigen und wie vieles andere hat dazu geführt, dass ein Franzose, ein Engländer, ein Schwede, ein Schweizer ganz anders von seinem Vaterland spricht - und sprechen darf - als ein Deutscher. Aber wir finden zurück. Mögen uns die Ströme unseres Landes verunehrt und vergiftet, manche Landschaften durch Industrie, Staub, Lautheit wie geopfert, viele unserer geliebten Städte ihrer Vergangenheit beraubt, gesichtslos und in die Breite gegangen erscheinen - noch ist dies Land genug erhalten, um Liebe zu wecken und Menschen sind von unserer Artung, mit denen wir fühlen. Sprache, Sprache der Dichtung, Geburt, Schicksalserbe bindet und wir haben noch, wie jedes andere Volkswesen, unsere Schöpfung neu zu vollbringen. An ihr teilzuhaben, nicht um unseres wirtschaftlichen Gesichtes und Menschheit verbindender Sprüche willen, suchen uns, so glaube ich, die jungen Menschen anderer Völker, Ihre Kommilitonen, und wir wissen uns dabei einig mit dem, was der Inder Radhakrishnan aussprach, als ihm jüngst die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt übergeben wurde: „Hingabe an die Sache eines Volkes ist nur dann berechtigt, wenn ein Schritt vorwärts zum Wohle dieses Volkes zugleich auch einen Fortschritt in der Geschichte der Menschheit darstellt.“
Dankbarkeit und Zugehörigkeit zu Deutschland als einer „über das Heute hinaus immer neu sich gestaltenden Wirklichkeit“ (wie einer sich ausdrückt) bezeugen diese Männer des Zwanzigsten Juli bis vor die Schranken des sie verdammenden Gerichts und bis in ihren Tod hinein, so wie einer in aller Erniedrigung ausruft: „Was sie aus uns machen, ist gleichgültig! Aber was wird aus Deutschland?“ Man sieht sie bei sich beginnen - so spricht es auch der Eid aus -, nichts zuzulassen, was das Bild erhofften deutschen Daseins schändet: hässliche Verleugnung und Knechtssinn ebenso wenig wie Unduldsamkeit, Dünkel, Vormachtswahn, Überheblichkeit gegenüber den andern.
Dies war ich Ihnen vom Vaterland auszuführen schuldig, um Sie noch einmal hinzuführen zu dem schwer aufzuschließenden Wort, das in uns Gegenwart verlangt, mit dem Claus Stauffenberg das schwere Tagwerk des Zwanzigsten Juli und sein Leben unter der Salve beschloss: „Es lebe unser heiliges Deutschland.“
Ein gleicher 20. Juli wie der heutige - mit wechselnden Wolken und immer wieder vortretender Sonne, ein Tag zwischen Schwüle und aufkommenden Winden - war der Schauplatz des Handelns, das zum sinnbildlichen Schicksal unter uns geworden ist. Lassen wir uns, die wir von seiner Tiefe wissen, im Eigenen davon leiten und vertrauen wir, dass unserem Tun, wenn es lebendig und aufrichtig ist, die Antwort und der Segen derer nicht fehlen wird, die wir heute zur Gegenwart unter uns riefen.
Eberhard Zeller
Geist der Freiheit
Vortrag von Dr. Eberhard Zeller am 20. Juli 1961 in der Universität München
Magnifizenz, meine Kommilitoninnen und Kommilitonen!
Lassen Sie mich Ihnen gestehen, dass es mir nicht leicht fällt, in der heutigen Gedenkstunde zu Ihnen zu sprechen. Nicht als ob ich annähme, dass es nur Gewohnheit oder Pflicht ist, die uns hier zusammengeführt hat, nicht als ob ich unbewegt davon wäre, in welcher Zahl Sie gekommen sind. Aber was es mich zu sagen drängt, ist vielleicht nicht so auf Wohllaut gestimmt, wie Sie es zu solchem Anlass erwarten könnten. Ein Tag wie der heutige ruft uns in den Sinn, dass wir Deutschen gegenwärtig etwas anderes darstellen als was wir sind und doch wohl sein sollen: wir sind nicht das blühende Fleisch, die vierschrötige Gesundheit, als die wir erscheinen. Sie wissen so wie ich, dass eine schwere Krise unsere Bundesrepublik bedroht, dass der Erfolgsseite unseres wirtschaftlichen Umtriebs keinerlei Sicherheit unserer staatlichen Gestaltung und unseres inneren Daseins entspricht und dass hinter dem in erstaunliche Niederungen platten Hohns ziehenden, augenblicklichen Wahlkampf große, drohende Aspekte trügerisch verdeckt werden. In einem angesehenen Blatt der USA las man in diesen Tagen von einem Schreiber, der als ernsthaft bekannt ist und nicht als Schalk aufgefasst werden kann: „Jemand sollte eine Alternative vorschlagen zum herbstlichen Selbstmord der Welt.“
Wir missbrauchen das gute Wort „Starkbleiben“ und vertrauen bei einem für unmöglich geglaubten Ernstfall aufs atomare Orchester, das gleiche, was der andere mit etwas deutlicherem Ausdruck Selbstmord nennt.
Wenn es mir also nicht leicht scheint, heute hier zu sprechen, so deshalb, weil Sie missdeuten könnten, ich hätte dabei tagespolitische Absichten im Sinn, die mir fern liegen.
Der Zwanzigste Juli ist keine Politik und wir sind froh, dass er nicht zum Staatsfeiertag gemacht worden ist. Denn Ministerreden, Leitartikel, Kranzniederlegungen und das Geschenk des arbeitsfreien Tages für die Fahrfreudigen könnten vielleicht nur mithelfen, ihm das zu nehmen, was er - wenigstens für einen Teil von uns - sein muss: Gewissensanruf, der uns trifft und in Unruhe hält. Wir wollen auch nicht der deutschen Verführung verfallen, ihn abgetan zu wissen, wenn wir über ihn von bezahlten Stellen wissenschaftlich forschen und doktorieren lassen. Er soll uns Ärgernis und - ich sage es - Stolz bleiben und uns in die Gemeinschaft eines Geistes rufen, der unter uns wach bleiben muss, sollen wir menschengemäß, menschenwürdig leben. Ich meine mich zu erinnern, zu den tatenarmen und gedankenvollen Deutschen gewandt habe Hamann einmal ausgerufen: Pulsschläge, nicht Kopfschmerzen verlange von uns Jupiter Optimus Maximus...
Dieser Zwanzigste Juli ist heute wie vor 17 Jahren ein Wagnis: diesmal ein Wagnis für uns, wenn wir uns mit jenen Männern unseres Bluts konfrontieren, ihrem großen und lauteren Wollen und ihrem in den Tod führenden Vollbringen. Wie wenig trägt es uns mehr aus, ihnen dieses oder jenes Versagen, diesen oder jenen Bastard in ihren Reihen nachzuweisen, wenn wir, je mehr wir uns in unserer Lage bewusst werden, heute die Frage jener Männer auf uns gezückt fühlen: Und was ist Euch dies Land, dies zweigeteilte Vaterland noch wert? Steht Ihr so bei ihm, wie wir versucht haben, zu seinem Heil in der Not zu handeln? Ist Euch Euer süßes Leben im leichten Windschatten wirtschaftlichen Gedeihens nicht gar zu lieb geworden? Schmäht unser Unterliegen: aber wo sind unter Euch die, die gegen eine Übermacht bereit sind sich zu bekennen, sich um Gleichgesinnte zu mühen und vom Geist her zu handeln?
Vielleicht täusche ich mich, aber mir will es scheinen, dass wir in dieser Zeit dem Geschehen des Zwanzigsten Juli wie auch dem des verlorenen Kriegs und der ihm nachbebenden Erschütterung wieder offener sind und näher rücken, weil eben jetzt einige Illusionen von Frieden und Geborgenheit, die wir uns im politischen Quietismus unserer westlichen Bündnerzuversicht durch Jahre aufblühender Wohlfahrt machten, gefährlich zusammenbrechen und wir, der Drohung eines neuen Kriegs nahe, schmerzhaft inne werden, dass wir mit dem vorigen noch nicht fertig sind. Die zaubernden Palliative, die uns voranbrachten, beginnen ihren Zauber zu verweigern und wir stehen (ähnlich vielleicht wie die USA, für die das neue Buch von Henry Kissinger den Beginn einer Schocktherapie bedeuten mag) vor einer ernsten und entscheidenden Besinnung über unseren weiteren Weg als unselig zwischen West und Ost gespaltene Nation, für die Berlin das Bild ihres Schicksals ist.
Hier von Ihrer Universität, von diesem Hause ging jener denkwürdige Aufruhr einer studentischen Gruppe aus, die sich in den Besitz einer Druckerpresse setzte, in jenen Flugblättern der Weißen Rose einem andern Geist Gehör verschaffte und zur Umkehr, zur Ermannung, zur Sammlung für eine Gegentat aufrief. Sie kennen die entschlossene, hochgemute Sprache. Es war ein kurzes Aufreißen des Vorhangs, für wenige sichtbar. Das Fallbeil endete den kühnen Aufschwung und die Worte jenes Mentors, die Sie nachher hören werden, die uns als seine stolzen Schlussworte vor Gericht überliefert sind, verhallten ungehört.
Auch im Jahr 1944, dem fünften des Krieges, gab es in Deutschland in allem, was öffentlich war, nur eines: Gewissheit des Sieges, Stolz auf die immer wieder unglaublichen Leistungen des deutschen Soldaten, das Pochen auf die deutsche Vormacht, Entschlossenheit zum Durchhalten gegen eine Welt von Feinden bei absichtvoll genährter Hoffnung auf neue Wunderwaffen. Dachten und sahen es Einzelne anders, so mussten sie schweigen oder sie verschwanden und man wusste nicht, wo sie blieben. Nur gerüchtweise und kaum unterscheidbar von Zerrbildern aus feindlichen Sendern, die abzuhören ebenfalls lebensgefährlich war, gingen Nachrichten von rigorosen Menschenvernichtungen durch die SS um - kaum einer, der davon hörte, ahnte den umfassenden Plan und die kaltsinnige Perfektion, die hier am Werk waren. Auch der, der dies ganze herrschende System hasste, konnte von seinem Gewissen die Mahnung erhalten, dass es mitten im schweren Daseinskampf seines Volkes unerlaubt sei, an etwas anderes als ein entschlossenes Mitgehen und Durchhalten zu denken, weil ein Zusammenbruch der Fronten und der von Millionen von Kriegsgefangenen und Fremdarbeitern mitbewohnten Heimat ein verschlingendes Chaos bedeuten musste. So quälten sich viele Deutsche mit dem Unauflöslichen: dass sie ihrem Volk nicht die grauenvolle Niederlage, aber noch weniger den Sieg der frevelnden Gewaltherrscher wünschen konnten. Keiner war vom Mittun befreit. Auch Männer in höchsten Befehlsrängen waren wie Zwangsarbeiter an das Unmaß ihrer täglichen speziellen Aufgaben gebunden und sie konnten wissen, dass jeder Schritt über das täglich Gesollte hinaus gefährlich beobachtet wurde. Blick und Verantwortung für das Ganze hatte sich ein Mann vorbehalten und er warf jeden nieder, der eine Einmischung wagen wollte und war es auch der einst von ihm selbst gefeierte Feldmarschall Rommel.
An den Fronten brachte das Jahr 1944 schwere Rückschläge für die Deutschen: im Frühjahr den Zusammenbruch des mit größten Opfern gehaltenen Verteidigungswalles südlich von Rom, zu Beginn des Juni den geglückten Einstrom der Alliierten nach Nordfrankreich, zu Ende Juni den Einsturz des deutschen Mittelabschnitts in Russland mit schwersten Verlusten, die drohende Abschnürung der so genannten Kurlandarmee im Norden, die in ihrer Vorbereitung erkannte Offensive in Südrussland mit Stoßrichtung nach Rumänien und zum Balkan.
In solcher Lage traf uns die Nachricht vom Zwanzigsten Juli ... Hass, Schmähung, Racheaufschrei gegen die, die solches gewagt hatten, Dank an die Vorsehung, die sie scheitern ließ, so war die öffentliche Kundgabe und das geschuldete Pflichtteil jedes Deutschen. Erstaunen, Tadel, Vorwurf auch bei denen, die eine Änderung ersehnt hatten, Bestürzung und Trauer über das Nein des Schicksals bei den Wenigen, die von den Menschen, Plänen, Opfern wussten.
Heute kennen wir aus Tatsachen Umfang, Art und Sinn dieser Erhebung: keine Offiziersrevolte von Machtabenteurern und Karrieresüchtigen, kein „Dolchstoß“ von Monarchisten, Fanatikern, Ideologen, kein Racheakt der unterdrückten Kirchen, der zurückgesetzten Adligen, der verfolgten Sozialisten, kein Versagen der Heimat gegenüber der schwer bedrängten, aber bis zum Ausbluten kämpfenden Front, in ihr waltet auch kein romantisch-dichterischer Hang zum Tyrannenmord.
Der Versuch dieser Erhebung ist eine Tat im Kampf des Geistes um die Macht, nicht um der Macht willen sondern um einer echten Verantwortung zu genügen. Von der einen Seite betrachtet ist er ein nüchtern, umfassend und mit unerhörter Verschwiegenheit geplantes militärisches Unternehmen, von dem nachher kein unparteiischer Kenner hat erweisen können, dass es so, wie es geplant war, nicht auch hätte gelingen können und dass es, die gegebenen Bedingungen vorausgesetzt, in seinen Grundzügen anders hätte aufgebaut werden können. Es muss zu denken geben, dass die beiden Hauptverantwortlichen für den Plan zwei der bestqualifizierten Generalstabsoffiziere der jüngeren Generation waren, der eine von ihnen, Claus von Stauffenberg, war 36-jährig, wie wir heute wissen, für die Stelle des Generalstabschefs des Heeres vorgeschlagen worden. Der Anschlag auf das Staatsoberhaupt war nicht Ziel der Erhebung, sondern nur eine am Beginn des Weges liegende, unumgängliche Voraussetzung. Ziel war vielmehr, nach dem Tod des Einen und vielleicht einiger seiner mächtigsten Helfershelfer in raschem und unerwartetem Zupacken, ohne den Bestand der Front zu gefährden, eine neue Führung im Militärischen, zugleich eine neue, wenn auch übergangsweise Regierung zu begründen, die auf Verantwortung und Gewissen gegründet den Weg der Gräuel verließ, den Krieg aus seiner völlig irreal gewordenen Ausweitung zurückführte und als immerhin verhandlungsfähiger Partner der Feindmächte versuchen konnte, einen tragbaren Übergang in Nach-Krieg und Frieden vorzubereiten. Es ist nach den Zeugnissen kein Zweifel, dass diese Männer aus dem Befund des Juli 1944 eine künftige Besetzung Deutschlands und eine daraus zu erwartende Selbstentfremdung der Deutschen als wohl unumgänglich voraussahen. Heute ist es bewegend zu wissen, wie nachdrücklich sie die Drohung einer Ost-West-Spaltung Deutschlands empfanden, Warnungen, ja Beschwörungen dem zu kurzsichtigen Westen zukommen ließen und wie stark sie trotz aller Sicht auf künftig notwendige Völker-Einigungen und menschheitliche Aufgaben an einem Gesamtdeutschland, an einem für sie unverlierbaren Vaterland festgehalten haben. Der Eid, den sie entworfen hatten, war nicht dafür gemeint, ihre damalige Verschwörergruppe zusammenzuhalten oder als späteres Subversivmittel gegen Besatzer zu dienen. Er ist offenbar aus der Voraussicht entstanden, dass in den schweren Überfremdungsschicksalen, in den Anklagen und Gegenklagen und Verleugnungen, die diesem Krieg folgen mussten, die Deutschen, vor allem die Heranwachsenden, sich verlören, nicht mehr von Mutterboden und Vaterland, von Rang, von Verpflichtung und gewachsener Ordnung wüssten, nicht mehr zu einander fänden, falschen Führern folgten. Einem Kern der Zugehörigen sollten die gemeinsam angenommenen Sätze als Unterpfand dienen.
Die militärische Planung war nur die eine Seite dieses Aufstandes vom Zwanzigsten Juli. Ein echtes Erneuerungsdenken rang, vielfach in agonaler Kontroverse, zum Durchbruch, so in der Frage der Leitbilder, zu denen die Proklamationen sich zu bekennen hatten, in der Frage der staatlichen und sozialen Gestaltung, der Wiedereinsetzung des Rechts und der Sühne vergangener Verbrechen, in der Frage der modernen Neugeburt christlichen Lebens. Es war die tiefe Hoffnung und wohl das bezwingende Gebet der zu innerst an der Erhebung Beteiligten, dass der Umsturz weitertrage als zu einer von außen versuchten Notwende, dass es gelingen wolle, aus Stolz und Leiderfahrung, aus dem unsagbaren Sturz dieses Volkes, aus der Brandstatt und der Unbehaustheit des getroffenen Lebens Kräfte zu entbinden für ein gewandeltes Dasein.
Wie fern von uns klingen heut solche Worte! Wir haben einen anderen Weg genommen. Die Abgründe haben sich schneller als wir gedacht haben (wenigstens für den einen Teil Deutschlands und vielleicht nur für einige Jahre Frist) geschlossen. Jener Zwanzigste Juli entschied gegen solche Hoffnungen und Gebete. Das Schicksal verwarf, was ihm jene Gruppe von Menschen nach besten Kräften und in lauterer und opfervoller Tatbereitschaft als Werkzeug des Umbruchs bot. Wir können von keinem Erreichten reden. Kein Irrealismus führt uns weiter zu fragen, was geschehen wäre, wenn ... Wir können uns nur von Plänen, Zielen, Vorbereitungen Rechenschaft geben, soweit überhaupt ein Wissen davon auf uns gekommen ist, und uns Art und Haltung der Beteiligten nahe zu bringen versuchen.
Hier freilich erlebt jeder, der eindringt, etwas Außerordentliches. Er wird gewahr, dass mit dem Scheitern des einen Tages die angestoßene Bewegung nicht beendet ist. Ob wir wollen oder nicht, nehmen wir heute noch an ihr teil und sind in ihrem Bann, wenn überhaupt wir noch die Herausforderung durch das zur Unfreiheit und zum Larvenwesen erniedrigende Massentum der Zeit empfinden. In dieser Bewegung, in der bisher unerhörte, letzte, menschliche Entscheidung gefordert wurde in einem Gebiet, wo das usuelle Gut und Böse einer überkommenen Ethik nicht mehr eingriff, die sich durch die Schwere ihrer Alternativen grundsätzlich von den Widerstandsbewegungen in anderen europäischen Ländern unterschied, - in dieser Bewegung kam, was in unseren neueren staatlichen Läuften, wie ich meine, sehr selten geworden ist, ein stellvertretendes, ein sinnbildhaftes Handeln zum Durchbruch, in das wesentliche leidvolle und hoffnungsvolle Züge unserer Existenz verwoben sind.
Um mich zu erklären, möchte ich Sie noch einmal in die Wende Juni-Juli 1944 zurück versetzen. Die Verantwortlichen der Erhebung suchten sich um diese Zeit ein letztes Mal in umfassender Unterrichtung nach außen, ernster Einkehr nach innen klar zu werden, ob ein Handeln jetzt noch sinnvoll sei und verantwortet werden könne, nachdem die Einbrüche an den Fronten - es wurde hier schon davon gesprochen - den Gesamtzusammenbruch in absehbare Nähe gerückt hatten. Man war sich klar, dass jeder Versuch einer Erhebung, ob erfolgreich oder misslingend, später von den Deutschen zur Ursache ihrer Niederlage erklärt, ja dass ihm auch die Schuld an den vorausgegangenen Zusammenbrüchen gegeben werde. Man wusste von der eigenen Unpopularität bei dem bisher mit Lügen genährten Volk, das es sehend zu machen galt, für das sich überdies Bild und Wahnbild der „Treue“ und des zu befolgenden Befehls unselig verstrickten ... Man erhoffte, aber sah nirgends eine Lücke in der durch die Casablanca-Erklärung wirksam gewordenen, allseitigen Forderung bedingungsloser Kapitulation und konnte von außen keine Hilfe, vielleicht sogar noch eine Erschwerung, für die Tage des innerdeutschen Umsturzes erwarten. Zudem sprach für jeden Einzelnen das Gebot der Selbsterhaltung dafür, nach bald fünf Jahren Krieg sich und die Familie nicht durch ein ungewisses Handeln noch zu gefährden, ja es ließen sich moralische Zungen-Gründe finden, die forderten, es müssten erst recht noch Andersdenkende am Leben bleiben, um nachher, wenn alle Gewalt zerbräche, zur Stelle zu sein und das Land gegen die Sieger zu vertreten.
Bei all diesen Überlegungen siegte der Entschluss, koste es was es wolle, zu handeln. Wenn dabei das Wort „Noblesse oblige“ gesprochen wurde, so wissen wir heute, dass es dabei nicht um das Wörtchen „von“ und um die Zahl der Sterne im Adelswappen ging, sondern eben um jenes im Schicksalsfeld geforderte, sinnbildhafte Tun, in dem freilich ursprünglicher „Adel“ sein Gebot und Vorrecht gesehen hat. Deutschland musste, so bestand man, aus eigenen Kräften den Schritt einer Befreiung tun und die letzte Stunde schien da, die noch einen Durchbruch verhieß. Was immer kommen werde - ganz offenbar stand diesen Männern höher als die Gefahr einer neuen Dolchstoßlegende, höher als das Leben, das sie wagten und ihre Familien, die sie aufs Spiel setzten, ja zuletzt höher als Erfolg und Misserfolg: auch gegen eine Übermacht ein anderes Deutschland, einen anderen Willen zu bekunden, Schmach, die sie auf dem deutschen Namen empfanden, zu sühnen, als Walter ihres Volkes das Recht und die Bindung an höhere Ordnungen wieder sichtbar zu machen und mit ganzer Hingabe so zu wirken, dass auch Söhne und Enkel - Sie meine Kommilitonen - noch in innerer Freiheit ihrem Volk angehören könnten.
Diese Männer fühlen sich, unabhängig davon, dass sie die Mehrheit der Deutschen noch gegen sich wissen, zu einem stellvertretenden, beispielhaften Handeln verpflichtet. Sie sehen es sich aufgegeben, die Menschen dieses Volkes aus der Knechtung ins Unrecht, aus der Gewissensqual eines verabscheuten, aber doch nicht zu vermeidenden Mittuns, von dem hier schon gesprochen wurde, zu befreien und tausend Frevel, deren Zeugen sie sind, zu beenden, indem sie das Opfer bringen, auch eine Mordtat am Staatshaupt gut zu heißen und ins Werk zu setzen. Freilich wissen sie sich dabei, auch wenn die Menge sie zu steinigen bereit wäre, vom Einverständnis der wahren Glieder dieses Volkes getragen, insbesondere sind sie sich bewusst, nicht gegen sondern für die Kämpfenden an der Front zu handeln, mit denen sie mehr fühlen als der starr befehlende Kriegsherr und die nicht sie verraten sondern Er, der wahnhaft unverantwortbare Opfer unersetzbarer Substanz fordert. Hatte gerade Er die Deutschen immer tiefer in die hybride Vorstellung hinein gezwungen, Deutschland das sei Er, habe es nicht die Kraft mit ihm zu siegen, werde es mit Recht untergehen, so denken die Handelnden des Zwanzigsten Juli das „Reich“ als etwas, was war und ist und sein wird. Sie leben der Sorge, wie eine weitere sinnlose Opferung an Blut vermieden werden könne, wie Deutschland aus dem Krieg in den Frieden komme und aus dem Fall wieder aufleben könne, nicht nur im Hinblick auf die materielle und politische Gestaltung und die künftigen Grenzen sondern auch in der Frage, wie es vom Innern her in der geistigen Bewältigung wieder zu sich finde, wie es fähig werde, das Miasma zu überwinden, sein Dasein neu an die Oberen zu binden und was seine Genien ihm zugebracht und bedeutet hatten, zu bewahren und zu neuem Leben weiter zu tragen.
Meine Damen und Herren, wenn ich so vor Ihnen rede, mutet Sie, vor allem die Jüngeren unter Ihnen, all dies vielleicht wie ein sehr fremdes Land an. Sprache und Habitus dieser Menschen kommt Ihnen vielleicht jeder Anerkennung wert, aber etwas altfränkisch oder romantisch vor und einige von Ihnen werden vermuten, ich hätte ein heroisierendes Pathos eingemengt. Dem ist nicht so. Die Deutungen, die ich Ihnen vorgetragen habe, sind der Überlieferung entnommen. Wenn Sie darin eine erhöhte Sprache bemerken, so muss ich erinnern, dass wir uns wie am Ende des vierten Akts eines großen, tragischen Dramas befinden: die Handelnden sind durch gefüllte und gespannte Wochen hindurch gegangen. In jedem Sinn Außerordentliches wird von ihnen gefordert, während um sie die Lethargie des Zu-Ende-dulden-müssens sich unheimlich mit dem Ferienmonat Juli und den lähmend regelmäßigen Nachtangriffen auf Berlin und die anderen Städte verbindet. Den Hinübergang in den fünften Akt, das Ja zu Entschluss und Berufung vermögen sie nur so zu finden, wenn sie sich von den Grundmächten des Daseins getragen wissen und es auf solcher Daseinshöhe mit allem Vorbehalt auch einmal aussprechen. Man muss sich allerdings das Bild auch damit ergänzen, dass um die Gleichen - wir wissen es z. B. aus der Bendlerstraße - eine Atmosphäre der Zuversicht, der Frohheit, des menschlichen Unmittelbarseins, der Hilfsbereitschaft geschildert worden ist, die in jenen Tagen inselhaft angemutet haben muss.
Wo Sie also eine höhere Sprache der Verantwortung finden, da ist kein Krampf, kein Alabaster, keine Pose. Bleibt uns eine Fremdheit jenen Männern gegenüber, so müssen wir wohl bei uns selbst fragen, ob wir noch fühlend und schicksalsfähig genug sind, uns mit ihnen zu begegnen ...
Wir können eine heutige Daseinsart zeichnen, bei der jedes als Schicksal einbrechende Ereignis nach Kräften von Versicherungen gedeckt, Geborenwerden und Sterben, ja jedes Erkranken den dafür bereitgestellten Spezialinstituten, den Krankenhäusern, zugefertigt, dem Alter hormonell gesteuert, genügend für Zerstreuung gesorgt wird, in der die gesunde Kraft des Verdieners, der Lebensstandard, der Erfolg des Handels, die steigende Produktionsziffer das Maß des Menschen und sein Glück darstellen und in der der Fortschritt der Wissenschaft die vakante Stelle der Gottheit einnimmt, Technik und Wirtschaft aber als dessen Verwirklicher omnipotent sind. Urkräfte werden dienstbar, die Erdhüllen zerschleißen, die Himmel werden Triften der Astronauten, die Riegel, in denen die Wesen verschlossen sind, werden gesprengt, eins ins andere übergeführt, der Mensch wird als Species und als einzelner chemisch manipulierbar, nach Wunsch ein solcher, nach Wunsch ein anderer. Immer globalere Regierungen werden über alles befinden.
Diese Welt ist nicht erst von heute, aber das gelungene Ins-Feld-ühren der atomaren Kräfte hat diese Welt, auf die auch die Männer des Zwanzigsten Juli schauten, seither in ganz neuer Vordergründigkeit und Abgründigkeit enthüllt und als ihr Gesetz erwiesen, dass sie das, was sie als Schicksal, als Grenzsetzung und höhere Fügung verneinte und ausschloss, nun in ungeahntem Gegenstoß zu ihrer eigenen Vernichtung sich ballen sieht.
Ein anderes Lebensgefühl weiß der Unendlichkeit des Menschen wie auch der Machbarkeit des Machbaren in göttlichen Gesetzen Grenzen gezogen und weiß um eine Polarität von Glück und Buße, von Leid und Erhöhung, von der Kraft freiwillig übernommenen Verzichtes und vom Opfer, ohne das sich Leben nicht erhält. Eine solche Welt des Geistigen kämpft unter uns um Verwirklichung und wir können nicht sagen, dass in den äußeren Frontlinien zwischen West und Ost sich auch diese Frontlinie nachzeichne. Aber jedenfalls wird sich unser Widerstehen gegen den Kommunismus nicht anders denken lassen, als wenn wir auch auf jenem inneren Kampffeld an Kraft gewinnen und der Freiheit, die wir als Höchstes rühmen, immer mehr den Gehalt zu geben versuchen, der sie allein würdig und, wenn Sie wollen, zur Mutter eines höheren Lebens machen kann, und wenn uns ein Ähnliches an Intensität erfüllt, was wir in den östlichen und fernöstlichen Pflanzschulen sowjetischer Wissenschaft und Gesinnung wirksam wissen, freilich mit ganz anderen Leitbildern.
Meine Kommilitonen, ich weiß, dass wir bei solchen Anlässen wie dem heutigen immer in Gefahr sind Festtagsworte zu brauchen, indessen wir sonst jenes öfter bewährte „understatement“ lieben, jenes absichtvolle Beherrscht- und Männlichbleiben mit untertriebenen, ja gelegentlich durchtriebenen Worten. Ich habe mich heute bemüht, beides zu vermeiden. Zur Klarheit aber lassen Sie mich am Schluss dies sagen:
Ein Ernst-Nehmen des Zwanzigsten Juli heißt heute nicht, zu Umsturz und Aufstand rufen - das ist nicht die Stunde und ist eine Frage der bereiten Kräfte und der zur Führung fähigen Menschen, die uns gegeben sein müssen - und wir können auch nur bangen, wenn im anderen Deutschland drüben aus tiefster Erbitterung und etwa auch unverantwortlicher Anzettelung ein zweiter 17. Juni geschähe, wie es jetzt vielleicht, wenn Berichte nicht trügen, als vermehrte Gefahr in der Luft liegt.
Aber diesen Tag als ein discrimen Germaniae supremum unter uns wach zu erhalten, genügen auch nicht Laudationen und Gänge der Pietät. Ihn in unseren demokratischen Alltag einzubauen, wird schwerlich gelingen. Etwas von Flamme, vom Wagnis der Minorität, von beunruhigender Direktheit wird immer mit ihm verbunden sein. Wenn wir hier miteinander an der Universität der Geschwister Scholl des Zwanzigsten Juli gedenken, so ist eine Atmosphäre der Offenheit um uns. Verübeln Sie mir es also nicht, wenn ich Ihnen vom Zwanzigsten Juli als einer Verpflichtung spreche, die in Ihnen Raum verlangt. Ich möchte sie in einer dreifachen Weise zu benennen versuchen.
Zuerst: wir sollten nicht vergessen, wie hier von Deutschen der Gewissensauftrag, das Geistige, wenn Sie wollen: die Idee, jeden anderen Eigenrücksichten und jedem Materiellen vorangesetzt wurde. Und ob diese Männer nicht auch an Beruf, Einkommen, Besitz, Genuss der Lebensgüter hingen! Ihnen, die Sie studieren, ist - vielleicht bis zum Überdruss - die Rede vom aussichtsreichen Beruf geläufig, in dem Sie bald viel Geld verdienen sollen und Sie bekommen zu spüren, welche Zeitmacht sich auch in den studierten Berufen immer breiter auswirkt. Wie erschreckend „privat“ drohen wir zu werden! Bei der Weißen Rose las man: „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt!“ Es müsste ein Anstoß geschehen, die wirtschaftliche Präponderanz unter uns, angefangen vom einfachsten Faktum, dass es den Fußgänger nicht mehr gibt und der fahrende Mensch, der homo vector, nach seinem Vehikel gestuft der bessere ist, über die universale Strategie der Werbung, die den Menschen konform macht und ihn zu bedürfen zwingt, bis zu Kauf und Unterjochung des Geistes, öffentlich unter uns zu desavouieren. Sollten wir es nicht auch, wie die Engländer es vermocht haben, fertig bringen, zumal wenn die Hälfte der Welt hungert, zwischen Lebensnotdurft und Plunder zu unterscheiden und eine Regierung zu ertragen, die auch zu fordern vermag und nicht nur Geschenke gibt und ausgleichend zwischen Interessen schaukelt? Sie wissen wie ich, dass es unser aller Pflicht wäre, darauf zu dringen, die Beziehungen zwischen Wirtschaft und Politik, die heute Staaten bestimmen, schärfer ins Licht zu heben, als es einige Prozessualien unter uns vermocht haben. Aber hier finde ich einiges Unleserliche in meinem Manuskript und darf es übergehen.
Der Zwanzigste Juli muss uns - das ist das zweite - weiter daran erinnern, dass es auch für den geistigen Menschen heute kein Refugium außerhalb gibt, wohin er sich aus der ihm widerwärtigen Welt flüchten kann, dass wir eine Grenze nie mehr übersehen dürfen, bis zu der wir die Verantwortung an eine Obrigkeit, unser Gewissen an das Wissen der Fachleute - auch in der Politik! - delegieren dürfen. Spezialistentum, das wir anstreben und ohne das wir nicht sein können, in hohen Ehren - aber menschliche Verantwortung aus lebendigem Geist ist irgendwo unteilbar und sie ist im Kreis jener Männer des Zwanzigsten einmal mit dem Hemd des Nessus verglichen worden, das auf unserer Haut brenne ... Pflicht von Ihnen, die Sie Jahre des Studiums und des Umblicks an der Universität haben dürfen, Pflicht derer, die Sie lehren, dass Sie über den Erwerb des Rüstzeugs hinaus, das Sie heut in Fülle für jeden Beruf brauchen, von verschiedenen Standpunkten her das bildende Gespräch über unsere geistigen Grundlagen, um den Reichtum und den Primat des Menschseins, über die Grenzsetzung des dem Menschen Gegebenen führen, das Sie instand setzen kann, auch beim Einzelentscheid Ihres Berufes sich eines Gemeinsamen und Ganzen verpflichtet-teilhaftig zu wissen.
Eine autonome, voraussetzungslose, an keine Verantwortung gebundene Technik und Wissenschaft erstellte die Vernichtungsöfen der Vergangenheit, von denen die Männer des Zwanzigsten Juli wussten, erstellt die Brutöfen des nach Wunsch zu manipulierenden Menschen, die heut Nahträume von Forschern sind, schafft Meiler für unendliche Energie, schafft die Atomkapseln, die ein Saeculum Vernichtung über ein Land verhängen können, entsendet die Raumkapseln, in denen ein vereisender Kolumbus planetare Expansion betreibt. Man weiß aus Zeugnissen, dass diese vom Menschen wegführende Welt des in sich elementaren Fortschritts, der sich an Schöpfers Statt eindrängenden Wissenschaft, die uns Gold für Lehm und ohne Säen dreifache Ernte und das Überspringen aller seit je als unumgänglich geglaubten Äquivalente anbietet, unter den Männern des Zwanzigsten Juli als Gegenmacht empfunden und als Wirken des „Widerchrist“ noch Zweifelnden sichtbar gemacht wurde und sie haben sich als erster Streiter in einer erst kommenden Auseinandersetzung gefühlt. Die seither offenbarten Konsequenzen der Kernforschung und Kerntechnik haben bewiesen, auf wie richtigem Weg sie waren. Hören Sie noch eine Briefstelle eines der zum Zwanzigsten Juli Zugehörigen aus dem Jahr 1943, die das hier Dargestellte als neue Haltung des Menschen widerspiegelt:
„Was uns allen bevorsteht, muss nach menschlichem Ermessen jedes Menschen Kräfte übersteigen. Denn wir dürfen ja den Dämonen, die hexen können, keine unserer Anliegen mehr anvertrauen, wir dürfen die Mächte des Abgrunds, die das Schwere leicht machen ’und ein Ding, das wie Gold ist aus Lehm’ ... nie wieder zu Hilfe rufen. In der Wahrheit aber ist das Schwere schwer, das Steile steil, das Steinige steinig. Die Kräfte der heiligen Ordnung dulden nichts Falsches, keinen Zauber, keinen Schein und wir müssen durch die unerbittliche Helle hindurch.“
Als drittes und letztes möchte ich sagen: das Erbe des Zwanzigsten Juli verbindet uns, ob uns auch die Worte Nation und Vaterland durch furchtbaren Missbrauch geschädigt worden sind, mit diesem und unseren Deutschland. Männer aus jenem Umkreis, die sich weit in der Welt umgesehen und draußen viele und beste Freunde gewonnen hatten, haben nie geschwankt, ihr Schicksal von dem Deutschlands zu trennen und haben noch in der Gefahr den sich nach draußen öffnenden Weg abgewiesen, wie sehr sie auch aus ihrem ganzen Denken heraus auf größere Einigungen unter den europäischen Völkern hofften. Der Verlust der angestammten Heimat in Schlesien, Ost- und Westpreußen, in Pommern, die Fluchtbewegung aus Mitteldeutschland, die Lockerung der Bande zum Boden für die dort noch Ansässigen und wie vieles andere hat dazu geführt, dass ein Franzose, ein Engländer, ein Schwede, ein Schweizer ganz anders von seinem Vaterland spricht - und sprechen darf - als ein Deutscher. Aber wir finden zurück. Mögen uns die Ströme unseres Landes verunehrt und vergiftet, manche Landschaften durch Industrie, Staub, Lautheit wie geopfert, viele unserer geliebten Städte ihrer Vergangenheit beraubt, gesichtslos und in die Breite gegangen erscheinen - noch ist dies Land genug erhalten, um Liebe zu wecken und Menschen sind von unserer Artung, mit denen wir fühlen. Sprache, Sprache der Dichtung, Geburt, Schicksalserbe bindet und wir haben noch, wie jedes andere Volkswesen, unsere Schöpfung neu zu vollbringen. An ihr teilzuhaben, nicht um unseres wirtschaftlichen Gesichtes und Menschheit verbindender Sprüche willen, suchen uns, so glaube ich, die jungen Menschen anderer Völker, Ihre Kommilitonen, und wir wissen uns dabei einig mit dem, was der Inder Radhakrishnan aussprach, als ihm jüngst die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt übergeben wurde: „Hingabe an die Sache eines Volkes ist nur dann berechtigt, wenn ein Schritt vorwärts zum Wohle dieses Volkes zugleich auch einen Fortschritt in der Geschichte der Menschheit darstellt.“
Dankbarkeit und Zugehörigkeit zu Deutschland als einer „über das Heute hinaus immer neu sich gestaltenden Wirklichkeit“ (wie einer sich ausdrückt) bezeugen diese Männer des Zwanzigsten Juli bis vor die Schranken des sie verdammenden Gerichts und bis in ihren Tod hinein, so wie einer in aller Erniedrigung ausruft: „Was sie aus uns machen, ist gleichgültig! Aber was wird aus Deutschland?“ Man sieht sie bei sich beginnen - so spricht es auch der Eid aus -, nichts zuzulassen, was das Bild erhofften deutschen Daseins schändet: hässliche Verleugnung und Knechtssinn ebenso wenig wie Unduldsamkeit, Dünkel, Vormachtswahn, Überheblichkeit gegenüber den andern.
Dies war ich Ihnen vom Vaterland auszuführen schuldig, um Sie noch einmal hinzuführen zu dem schwer aufzuschließenden Wort, das in uns Gegenwart verlangt, mit dem Claus Stauffenberg das schwere Tagwerk des Zwanzigsten Juli und sein Leben unter der Salve beschloss: „Es lebe unser heiliges Deutschland.“
Ein gleicher 20. Juli wie der heutige - mit wechselnden Wolken und immer wieder vortretender Sonne, ein Tag zwischen Schwüle und aufkommenden Winden - war der Schauplatz des Handelns, das zum sinnbildlichen Schicksal unter uns geworden ist. Lassen wir uns, die wir von seiner Tiefe wissen, im Eigenen davon leiten und vertrauen wir, dass unserem Tun, wenn es lebendig und aufrichtig ist, die Antwort und der Segen derer nicht fehlen wird, die wir heute zur Gegenwart unter uns riefen.