Grußwort

beim Gedenken der Bundesregierung und der Stiftung 20. Juli 1944
am 20. Juli 2021 um 12:00 Uhr in der Gedenkstätte Plötzensee, Berlin,
anlässlich des 77. Jahrestages des 20. Juli 1944


-Michael Müller, MdA, Regierender Bürgermeister von Berlin-



Anrede


Wir sind heute zusammengekommen, um der Frauen und Männer zu gedenken, die sich der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft mutig widersetzt haben und dafür mit ihrem Leben bezahlen mussten. Allein hier in Plötzensee – am Ort der einstigen Hinrichtungsstätte des NS-Strafgefängnisses Berlin-Plötzensee – ermordete das NS-Regime zwischen 1933 und 1945 fast 3.000 Menschen; 89 davon, weil sie mit dem Widerstand des 20. Juli 1944 in Verbindung standen. Claus Schenk Graf von Stauffenberg selbst und drei weitere Offiziere waren bereits in derselben Nacht im Bendlerblock erschossen worden, die meisten anderen Mitstreiterinnen und Mitstreiter kamen ebenfalls brutal zu Tode, ihre Angehörigen wurden verfolgt und verschleppt.


77 Jahre liegen die Ereignisse rund um den gescheiterten Attentatsversuch auf Hitler nun bereits zurück. Doch das Gedenken darf niemals enden. Wir müssen es an künftige Generationen weitergeben. Daran zu erinnern, was wir den Frauen und Männern des Widerstandes zu verdanken haben, bleibt gerade auch für eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft wie die unsere unverzichtbar.


Wir betrachten den 20. Juli 1944 heute zu Recht als einen der wichtigsten Tage der jüngeren deutschen Geschichte. Unser Gedenken gilt dem Versuch, das menschenverachtende System des Nationalsozialismus in letzter Minute zu beenden. Ein Erfolg der Verschwörerinnen und Verschwörer um Stauffenberg hätte unzählige Menschen vor dem Tod bewahrt. Millionen von Menschen wäre unsagbares Leid erspart geblieben.


Doch das Attentat scheiterte. Und dennoch war der Umsturzversuch nicht umsonst. Die Frauen und Männer des 20. Juli und mit ihnen zahlreiche andere, die ebenfalls Widerstand leisteten, haben in Deutschlands dunkelster Stunde ein Zeichen gegen die Unmenschlichkeit gesetzt. Und viele von ihnen sind unter Einsatz ihres Lebens zudem für Werte eingetreten, die heute Fundament unseres demokratischen Gemeinwesens sind: für die Unantastbarkeit der Menschenwürde, für Offenheit, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.


Umso wichtiger ist es, diese Werte auch heute gegen Anfechtungen wirkungsvoll zu verteidigen. Und das bedeutet: jenen entschlossen entgegenzutreten, die unsere Gesellschaft mit rechtspopulistischen Parolen spalten wollen und gegen Fremde und Andersdenkende hetzen.


Wir müssen leider immer wieder erleben, dass unser Land von rechtsextremen und antisemitischen Übergriffen erschüttert wird. So hat unsere Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus im Jahr 2020 allein für Berlin mehr als 1.000 antisemitische Vorfälle festgestellt – das sind gut 13 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Man darf dabei nicht vergessen: Die Zunahme erfolgte trotz der strengen pandemiebedingten Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens. Und man sollte auch wissen: Ein Fünftel dieser antisemitischen Ausfälle wurden im Zusammenhang mit Protesten gegen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie registriert.


Wir dürfen so etwas nicht hinnehmen. Die Geschichte hat eindringlich gezeigt, wohin es führt, wenn man den Brandstiftern das Feld überlässt. Deshalb ist und bleibt es richtig, dass wir auch nach bald acht Jahrzehnten an den 20. Juli erinnern – stellvertretend für alle, die sich der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft widersetzten. Von ihrem mutigen Vorbild können wir lernen, wie wichtig es ist, Haltung zu zeigen und sich für ein tolerantes Zusammenleben und eine demokratische Kultur stark machen.


Im Wissen um die Bedeutung des 20. Juli 1944 hat Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Ernst Reuter bereits 1952 die Tradition begründet, alljährlich zum ehrenden Andenken an den deutschen Widerstand in Berlin zusammenzukommen. Und ich bin froh darüber, dass wir diese wichtige Tradition bis heute lebendig halten konnten.


Mein herzlicher Dank dafür besonders an die Stiftung 20. Juli 1944, die sich auch im zweiten Jahr an einer Gedenkveranstaltung, die leider strengen pandemiebedingten Einschränkungen unterworfen ist, so bereitwillig und engagiert beteiligt. Und die überhaupt Großes leistet: Um Angehörige und Nachfahren der Männer und Frauen des 20. Juli vernetzt zu halten und mit zahlreichen Aktivitäten dazu beizutragen, dass die Ereignisse rund um den 20. Juli 1944 nicht in Vergessenheit geraten. Mit diesem bedeutenden Beitrag zur Erinnerungskultur unseres Landes stärken die Stiftung und alle, die sich für das Gedenken des Widerstandes gegen Hitler engagieren, die demokratischen und freiheitlichen Werte, für die wir alle einstehen.


Ich danke auch Ihnen, meine Damen und Herren, die sie vor den Bildschirmen dabei sind und damit unterstreichen, dass das Gedenken an den 20. Juli wie auch an die gesamte Bandbreite des Widerstands gegen Hitler in Berlin weiterhin lebendig bleibt.


Nochmals herzlichen Dank an alle, die sich dafür einsetzen. Und die damit auch Verantwortung übernehmen für ein Gemeinwesen, in dem die Würde des Menschen geachtet und geschützt wird.

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