Der Schreckenstag des 20. Juli 1944

Odilo Braun

Der Schreckenstag des 20. Juli 1944

Predigt von Pater Odilo Braun am 20. Juli 1979 in der Gedenkstätte Plötzensee, Berlin

Liebe, verehrte Freunde, meine Christen,

dreieinhalb Jahrzehnte sind vergangen seit dem Schreckenstag des 20. Juli 1944. Ihm folgten noch viele Schreckenstage, schlaflose, sorgenerfüllte Nächte und es hat lange gedauert, bis unser aller Leidenslast allmählich leichter wurde.

In den letzten Wochen war all das Schwere wieder gegenwärtig, wurden alte Wunden aufgerissen, durch die Diskussion um die Verjährung von Verbrechen aus der Zeit der blutrünstigen Gewaltherrschaft. Da war das Schreckliche wieder ganz nah und zwang uns auch dazu, uns Rechenschaft zu geben über unser Verhalten in der vergangenen Zeit.

Einige Wochen vorher war in einer Wochen-Zeitschrift ein Artikel erschienen. Er trägt die Überschrift: „Holocaust 1995“ und den Untertitel: „Wir haben es alle gewusst“. Der Verfasser schaut visionär den Beginn des ersten Prozesses gegen die Verantwortlichen für den Massenmord an Ungeborenen in den 70er und 80er Jahren. Die Hauptangeklagten sind Leiter von 15 Abtreibungsanstalten in der Bundesrepublik, daneben Politiker der damaligen Regierungskoalition, Ärzte, die die Einweisungen für die Abtreibungsanstalten ausgestellt hatten und auch Eltern.

Vor zwei Jahren schon habe ich an dieser Stelle auf das Ungeheuerliche, das mit der Änderung des § 218 auf uns zugekommen ist, hingewiesen.

Einige Tage nach dem 20. Juli hat ein Sprecher des Deutschlandfunks mich deswegen in einer Sendung angegriffen, hat mich als verschlagenen Staatsfeind hingestellt und mich massiv bedroht. Unwillkürlich habe ich dabei an Freisler denken müssen.

In den letzten zwei Jahren – und auch vorher schon – haben Mediziner von Rang, international anerkannte Human-Embryologen, unwiderlegbar nachgewiesen und es offen kundgetan, dass der Mensch vom Augenblick der Befruchtung an immer schon vollwertiger Mensch in seiner einmaligen Ausprägung ist. Das konnte uns schon jede normale Mutter bestätigen. Eine zweite Feststellung – aufgrund von genauesten Untersuchungen und Messungen – besagt, dass beim menschlichen Embryo eine hochgradige Schmerzempfindlichkeit vorhanden ist. Es ist also erwiesen, dass jeder Abtreibung eine grausame Tortur vorausgeht und sie bis zum bitteren Ende begleitet.

Haben das die Verantwortlichen nicht gewusst, und, wenn sie es gewusst haben, wie können sie dann gewissenlos dieses Wissen ignorieren! Wie ein makaberer Scherz wirkt dann die vor kurzem abgegebene Erklärung des Bundesministers, die sinngemäß lautet: „Wir haben die Änderung des § 218 vorgenommen, um den geheimen und darum so gefährlichen Abtreibungen ein Ende zu setzen.“ Wie sieht die Wirklichkeit aus? Ist es nicht dahin gekommen, dass der erfahrene und gleichgültig gewordene Mensch meint, was für straffrei erklärt ist, könne bedenken- und gewissenlos praktiziert werden. Sie werden in dieser falschen Ansicht noch bestärkt, wenn eine Frau der Gesellschaft öffentlich erklärt – vielleicht zu Propagandazwecken –: „Mit meinem Bauch kann ich machen, was ich will!“. Die gleiche Einstellung finden wir bei dem SS-Mann Dollbrägen im besetzten Polen. Er will zeigen, was für ein echter Kerl er ist. Darum schreit er – im Kreise von Kameraden und auch von Polen, die ringsherum stehen – seine Überzeugung heraus: „Nachdem der Führer die Gebote außer Kraft gesetzt hat, kann ich mit meiner Faust machen, was ich will.“ Er packt zu, reißt einer jungen polnischen Mutter das Kind aus dem Arm. Seine Faust umkrallt eines der Beinchen, holt aus und schlägt Kopf und Körper gegen einen dastehenden Lastwagen, bis das Kind keinen Laut mehr von sich gibt. Er wirft den unschuldigen Leichnam der Mutter vor die Füße und verlässt hocherhobenen Hauptes den Tatort.

Noch eine zweite Begebenheit, die für viele spricht, ist mir bekannt geworden im wiederbesetzten polnischen Korridor, in dem Deutsche und Polen zusammen lebten. Ein deutscher Großbauer ist zum Vertrauensmann und Spitzel im Dienst der SS geworden. Darunter mussten natürlich die polnischen Menschen leiden, auch solche, die auf seinem Hof in seinen Diensten standen. Eines Tages geht der ganze Hof mit Wohnhaus, Ställen und Scheunen in Flammen auf. Auf Befehl des übergeordneten SS-Leiters werden 40 Polen als der Brandstiftung Verdächtige verhaftet. Es kommt dann zu einer Verhandlung des zuständigen Kriegsgerichtes des Heeres. Alle 40 werden wegen erwiesener Unschuld freigesprochen. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass der Hofbesitzer selbst in trunkenem Zustand den Brand verursacht hat. Trotzdem werden die 40 Polen von der SS in Haft gehalten und sollen auf Weisung des übergeordneten SS-Führers erschossen werden. Man hat die Absicht, bei dieser Gelegenheit möglichst viele Polen umzubringen. Darum werden einige der Verhafteten zum Schein für kurze Zeit freigelassen. Sie sollen den wirklich schuldigen Brandstifter finden und anzeigen. Als dieser Versuch natürlich scheitert und die Erschießung vorgenommen werden soll, meldet sich der Kaplan, der mit seinem Pfarrer zu den Verhafteten gehörte, und beschuldigte sich selbst der Brandstiftung. Er wollte sich opfern, um für die anderen Leben und Freiheit zu gewinnen. Sein Opfer war umsonst. Schäumend vor Wut schlugen die Peiniger ihn zusammen und um die Tragödie zu beenden, erschoss man ihn und seine 39 Leidensgefährten. Irgendeine Schlucht im polnischen Korridor war der Tatort.

Nun ist bei uns ein Korridor oder irgendein Raum in einer Abtreibungsklinik zum Tatort geworden. Er kann recht einfach, ja primitiv sein. Bei einer normalen Operation geht es um die Erhaltung und Rettung des Lebens. Hier sind Sorge und Sorgfalt nicht am Platze, hier soll ja getötet werden. Man hat inzwischen Übung erlangt. Und bald fliegt die Leibesfrucht einer Mutter in den Patscheimer und der Vollstrecker verlässt – ich glaube, nicht hocherhobenen Hauptes – den Tatort. Er hat kaum die Tür hinter sich geschlossen, da schrickt er zusammen, weil Schwestern und Hilfspersonal, die beim Eingriff mitgeholfen hatten, schreiend und gestikulierend ihm nachliefen. Sie waren in Panik geraten, als sie aus dem Patscheimer das Wimmern eines Kindes hörten.

Wimmern ist die Sprache des Klein- und Kleinstkindes. Können wir Großen sie noch verstehen? Vielleicht wollen wir gar nicht hinhören, um sie nicht verstehen zu können und darüber erschrecken zu müssen.

„Was habe ich Euch getan? Warum bringt Ihr mich um? Warum raubt Ihr mir das Leben, das doch gerade erst angefangen hat?“

In diesem Monat bin ich von einer Reise durch Polen zurückgekommen. Es war die zweite Reise und sie bot mir – Erfahrung der letzten Reise nutzend – vielfach die Möglichkeit, mit Polen näher in Kontakt zu kommen. Manchmal ging eisige und schroffe Ablehnung der Begegnung voraus. So begegnete ich in Marienburg einer alten Dame, die mit einem Kind, offenbar einem Enkelkind, auf der Straße spielte. Wir gingen nichtsahnend vorüber. Als sie uns Deutsch sprechen hörte, wurde sie erregt und schrie uns zu: „Ja, ich bin ein Pollak und bin stolz darauf.“ Ich ging ruhig auf sie zu, sagte ihr, wer ich bin, und versicherte ihr, dass ich niemals einem Polen etwas zu Leide getan, im Gegenteil ihm im Kirchenraum Unterstützung geleistet hatte, und weil das streng verboten war, ernste Schwierigkeiten hatte hinnehmen müssen. Die Dame war wie umgewandelt. Sie reichte mir die Hand, entschuldigte sich und wir gingen wie Freunde auseinander. Ich war dann auch sehr bereit, als man mich bat, den Novizen der polnischen Dominikanerprovinz in Posen einen Vortrag zu halten. Auch von ihnen haben einige bittere Erfahrungen machen müssen, die irgendwie mit Krieg und Besatzung zu tun hatten. Dass es bei uns so etwas wie Widerstand gegeben hatte, wussten sie nicht. Umso mehr war ich überrascht, wie sachlich, fast möchte ich sagen wissensdurstig, sie auf dieses Thema eingingen und durch ihre Fragen zeigten, wie sehr sie bereit waren, etwas zu erfahren, was ihnen zum Umdenken behilflich sein könnte. Dann aber kam – nicht nur in Posen – die für mich bittere Frage: „Müssen denn die Deutschen immer morden? Nachdem sie erst die Juden und dann uns Polen ausrotten wollten, sind sie nun, nachdem ihr Vorhaben nicht gelungen ist, dabei, die eigene Nachkommenschaft umzubringen, also sich selbst auszurotten.“

Ich muss gestehen, dass mich diese Frage schon oft quälend beschäftigt hat. Ich fand dann zwei Erklärungen. Die erste stützte sich auf eine Erfahrungstatsache. Sie wissen, dass ich in den Jahren 1946-48 hier in Berlin auf Bitten der Alliierten mit Entnazifizierungsaufgaben beschäftigt war.

Bei einer Verhandlung trat durch Zeugenaussagen eine uns alle erschütternde Tatsache zu Tage:

In einem polnischen Dorf war eine Einheit deutscher Polizei stationiert. Sie war nach Polen abkommandiert, um dort für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Dabei wurde dieses Für-Ordnung-Sorgen nicht selten zu einem sehr blutigen Handwerk. Eines abends saß die Gruppe in ihrem Quartier. Man spielte Karten und trank dazu. Plötzlich wurde es einem aus der Gruppe zu langweilig. Er erinnerte daran, dass in einem benachbarten Dorf einige alten Juden lebten; man warf die Karten auf den Tisch und sorgte in dem Dorf auf blutige Weise für Ordnung. Wenn die Mordgier wie ein Gift in das Blut eingedrungen ist, dann gibt es so leicht kein Halten mehr. Spätere Nachforschungen ergaben, dass kein Angehöriger dieser Gruppe mit dem Leben davongekommen war. Sie haben sich nicht mehr absetzen können, und da man sie und ihr Treiben kannte, fielen sie der Vergeltung anheim. Vielleicht waren sie vorher ordentliche, gewissenhafte Beamte und gute Familienväter, die dann, nachdem sie einmal gegen ihr Gewissen gehandelt hatten, nicht mehr den Sturz in die Tiefe aufhalten konnten.

Die zweite Erklärung legen Wilhelm Tells Worte nahe: „Es lebt ein Gott, zu strafen und zu rächen.“ Hat der gerechte Gott den Ratschluss gefasst, das deutsche Volk auszurotten, weil es Ihn und Seinem Heiligen Gesetz getrotzt und in seinem Hochmut die Vernichtung anderer Völker nicht nur geplant hatte, sondern auch sehr real an die Durchführung herangegangen war.

Vor einem Jahr erinnerten wir in dieser Stunde und an dieser Stelle daran, dass im alten Bund Gott der Städte von Sodom und Gomorrha den Untergang angedroht hatte und wie Abraham mit seinem Herrn und Gott geradezu feilschte, um die Rettung der Städte zu erreichen. Würdest Du nicht schon, wenn sich dort 50 Gerechte fänden, oder es nur 45 wären, würdest Du wegen der 5 fehlenden keine Gnade walten lassen, und wenn es nur 40 oder 30 oder 20 oder 10 oder nur 5 wären, würdest Du dann nicht Erbarmen üben?

In meiner Heimatstadt Danzig gab es auf dem Turm der St. Katherinenkirche ein wundervolles Glockenspiel, dem ich schon in meinen Kinder- und Jugendjahren mit Ergriffenheit lauschte. Es ging verloren, als schon nach der Einnahme der Stadt durch die Russen in einer Nacht die Stadt in Flammen aufging. Das Glockenspiel gibt es seitdem nicht mehr, aber aufgeschrieben und der Nachwelt überliefert ist die Inschrift, die den Rand der Glocke zierte:

„Der Glaube, die Treue und das Heilige Recht,

sie haben sich alle schlafen gelegt.

Gebe Gott, dass sie wieder auferstehen, ehe wir schlafen gehen!“

Ja, der Glaube, die Treue und das Heilige Recht, sie haben sich wirklich schlafen gelegt in den Jahren der Unterdrückung, des Unrechts und der Schmach. Sie sollten nach dem Willen der Übeltäter für immer und ewig begraben sein. Da standen die Männer und Frauen auf, derer wir heute in Ehrfurcht und Dankbarkeit gedenken und haben Gottesfurcht und Recht und Sitte wieder zu neuem Leben erweckt. Sie mussten den Hass des Bösen, ihre Verfolgung und Folter erleiden um der Gerechtigkeit willen, denn ihrer ist das Himmelreich. Nun sind wir aufgerufen, wir Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern und alle, die an ihrer Seite gestritten und gelitten haben. Sind wir genügend wach, hellwach, um den Glauben, die Treue und das Heilige Recht, die sich schlafen gelegt haben, zu wecken? Haben wir den Mut und die selbstlose Bereitschaft, alles dafür einzusetzen? Liebe Freunde, wir wollen nun das Heilige Messopfer feiern. Der Mensch gewordene Gottessohn will zu uns kommen, um in unserer Mitte Sein großes, heiliges Erlösungs- und Sühneopfer zu erneuern. Nimm, guter Gott, das Opfer Deines Eingeborenen Sohnes in Gnaden an und nimm auch uns in Eure Gemeinschaft auf. Wir stehen in Deinem Dienst vor der großen und schweren Pflicht, dem Beispiel deiner Märtyrer zu folgen, so zu leben, zu streiten und zu opfern, dass unser Volk vielleicht doch noch von dem Untergang gerettet werden kann.

Oh Heiliger Gott, oh Heiliger starker Gott,

Oh Heiliger, Unsterblicher Gott,

Erbarme Dich unser!







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